Heiner Thorborg

Corporate Governance Shocking! Großbritannien wird deutscher

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Von Heiner Thorborg
Theresa May, Großbritanniens neue Premierministerin, will künftig auch Arbeitnehmer in den Aufsichtsräten sehen.
Seit Kurzem auf Augenhöhe: Großbritanniens neue Premierministerin May (l.) und Kanzlerin Merkel

Seit Kurzem auf Augenhöhe: Großbritanniens neue Premierministerin May (l.) und Kanzlerin Merkel

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Heiner Thorborg
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Heiner Thorborg gehört zu den profiliertesten Personalberatern in Deutschland. Nach zehn Jahren als Partner bei Egon Zehnder Int. gründete er die Heiner Thorborg GmbH & Co. KG, die Heiner Thorborg & Co. (Zürich) sowie die Initiative "Generation CEO".

Der Kulturtransfer ist bislang eher einseitig: Wir hören britische Musik, schauen britische Filme, tragen britische Designer, lesen britische Bücher und hängen britische Kunst in unsere Museen. Fragt man jedoch einen Durchschnitts-Angelsachsen, was ihm zum Thema deutsche Errungenschaften einfällt, kommt außer Autos, Bier und Nenas alter Ohrwurm von den "99 Luftballons" nicht viel.

Doch jetzt, da sich das Königreich von seinen Nachbarn in der EU verabschiedet, soll die britische Wirtschaftswelt plötzlich europäischer werden: Theresa May, die neue Premierministerin der Briten, will künftig die Bezahlung des Topmanagements leistungsorientierter machen. Wenn eine signifikante Anzahl von Aktionären auf der Hauptversammlung künftig gegen die Vergütungspraxis einer Organisation stimmt, soll das entscheidend sein, und nicht mehr wie bisher nur "beratenden Charakter" haben.

Die britischen Eliten japsen nach Luft, kommt dieser Vorschlag doch von einer konservativen Politikerin. Shocking! Bei rationaler Betrachtung jedoch handelt es sich nicht um einen Ausbruch von Sozialismus, sondern um eine Reaktion auf ein außer Kontrolle geratenes System, vertreten von Herrschaften wie BP-Chef Bob Dudley. Der nahm trotz lauter Shareholder-Proteste für ein miserables Geschäftsjahr eine Vergütung von 14 Millionen Pfund in Anspruch. Auch bei Anglo American und Smith & Nephew hat es jüngst zwischen Management und Investoren gekracht: zu wenig Leistung für zu viel Cash. May hat die Botschaft der Kapitalgeber gehört.

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Doch dieser Vorstoß ist Peanuts im Vergleich zu Mays Forderung, künftig auch Arbeitnehmer in die Aufsichtsräte der City zu setzen. Bei der Lektüre dieser Meldung wird sich so manch ein Chef an seinem morgendlichen Porridge verschluckt haben, reißt es doch eine seit 40 Jahren stur gehaltene Barrikade ein.

Zur Erinnerung: Nach der Empfehlung der Europäischen Kommission, doch bitte auch Arbeitnehmervertreter in die Unternehmenskontrolle mit aufzunehmen, erschien 1977 in Großbritannien der "Bullock Report", der diesen Vorschlag unterstützte. Westdeutschland nahm das von der EU angestoßene Thema ernst, die Briten dagegen hüstelten nur peinlich berührt - und nach Margaret Thatchers Wahlsieg stand dem reinen Kapitalismus ohnehin nicht viel entgegen.

Angesichts der Unzufriedenheit mit der wachsenden Ungleichheit im Königreich ändern die Tories nun also ihre Philosophie und wollen näher an das deutsche System der Mitbestimmung heran rücken. Kritiker deuten prompt mit dem Finger auf Volkswagen: Wenn sich die Arbeitnehmervertreter schmieren lassen, ist auch mit Gewerkschaftlern im Aufsichtsrat keine ordentliche Corporate Governance zu machen, argumentieren sie. Und dicke Boni gibt es auch in Wolfsburg, egal, wie mies der Auftritt des Unternehmens und seiner Manager gewesen sein mag.

Warum May auf der richtigen Fährte ist

Auch gibt es bislang keine verlässlichen Details. Wer genau ist qualifiziert, für Großbritanniens Arbeitnehmer in den Betrieben zu sprechen? Wer wählt die Mitarbeiter aus, die in den Rat sollen? Die Belegschaft selber oder das Management? Sollen die neuen Regeln für alle Betriebe gelten oder erst ab einer bestimmten Mindestgröße? Wird das gesetzlich festgeschrieben? Was passiert, wenn sich die Unternehmen nicht an die Auflagen halten?

Diese Einwände sind durchaus richtig. An den Details werden die Briten arbeiten müssen, unser System hat sich schließlich auch über Dekaden entwickelt. Dennoch ist jeder Schritt zu mehr Verantwortlichkeit aller Beteiligten zu begrüßen, denn Volkswagen  ist schließlich die Ausnahme und nicht die Regel im deutschen System. Wir haben in vielen Betrieben erstklassige Arbeitnehmervertreter, die ihr Unternehmen besser kennen als das Management und die hart daran arbeiten, dass es für alle gleichermaßen einen guten Job macht - für Mitarbeiter, Shareholder, Kunden und die Gesellschaft insgesamt.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen - und nicht nur bei uns. Die Nachrichtenagentur Bloomberg hat sich die Zahlen angeschaut. In Norwegen, Schweden und Österreich, wo Mitbestimmung weit verbreitet, aber nicht generell gesetzlich vorgeschrieben ist, schlugen Unternehmen mit Arbeitnehmervertretern in der Aufsicht Vergleichsindices in den vergangenen fünf Jahren um Längen. In Dänemark und Frankreich ist das Bild weniger eindeutig, aber in Deutschland, wo Mitbestimmung gesetzlich verankert ist, hat der Dax seit 2011 um 9 Prozent zugelegt, während der weltweite MSCI um 3 Prozent nachgab.

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Wissenschaftler nennen es "vertikale Integration", wenn sich ein Unternehmen darum bemüht, Kommunikationslücken zwischen Kontroll- und Aufsichtsratsgremien, Führungskräften und Mitarbeitern zu schließen und so den Informationsfluss, die Lernbereitschaft und die Entscheidungsfindung auf allen Ebenen zu verbessern. Es hebt die Produktivität, sagen die Forscher, wenn die Meinung der Mitarbeiter ernst genommen wird.

Ob es allerdings eine 50:50-Vertretung sein muss, wie in Deutschland, wo jeder zweite Sitz im Aufsichtsrat den Betriebsräten gehört und die Stimme des Vorsitzenden zum Zünglein an der Waage wird, ist zweifelhaft. Studien zeigen nämlich, dass Unternehmen mit nur einem Drittel Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat besser klarkommen, als die deutschen Konzerne, wo jeder Zweite nur in Gewerkschaftsbahnen denkt und lenkt.

May ist also auf der richtigen Fährte - auch wenn der Kulturtransfer von Deutschland nach Großbritannien wohl nicht ganz so umfangreich werden wird, wie sich das so manch ein Gewerkschaftsfunktionär wünschen würde. Dafür werden die Marktliberalen in Mays Partei und die alte Regel "Rule, Britannia!" schon sorgen.

Heiner Thorborg ist Personalberater und Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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