Zweiter Coronavirus-Impfstoff im Einsatz Großbritannien beginnt Impfung mit Astrazeneca-Vakzin

Der zweite Corona-Impfstoff aus westlicher Produktion kommt zum Einsatz, wieder zuerst in Großbritannien. Mehrere weitere Länder lassen das Mittel von Astrazeneca zu. Europa muss noch warten.
"Wirklich stolz": Dialysepatient Brian Pinker erhält die erste Impfung in Oxford

"Wirklich stolz": Dialysepatient Brian Pinker erhält die erste Impfung in Oxford

Foto: Steve Parsons / AP

Großbritannien beginnt an diesem Montag als erstes Land weltweit, den von der Universität Oxford und dem Pharmakonzern Astrazeneca entwickelten Impfstoff gegen das Coronavirus zu verabreichen. Der 82-jährige Dialysepatient Brian Pinker erhielt am Morgen nach Angaben des Nationalen Gesundheitsdienstes die erste Spritze im Universitätsklinikum Oxford, wenige hundert Meter vom Entwicklungslabor entfernt. "Ich bin so froh, diese Covid-Impfung heute zu erhalten, und wirklich stolz, dass sie in Oxford entwickelt wurde", ließ sich Pinker zitieren.

Sechs Krankenhäuser verteilen die ersten der bisher verfügbaren 530.000 Dosen. In den kommenden Tagen soll das Impfprogramm auf hunderte weitere Standorte ausgedehnt werden. Die Regierung hofft, binnen Monaten zig Millionen Dosen spritzen zu lassen. Insgesamt hat Großbritannien bei Astrazeneca 100 Millionen Dosen bestellt. "Dies ist ein Schlüsselmoment in unserem Kampf gegen dieses schreckliche Virus, und ich hoffe, er gibt allen frische Hoffnung, dass das Ende dieser Pandemie in Sicht ist", erklärte Gesundheitsminister Matt Hancock (42).

Vorreiter beim Impfen, doch zugleich Hotspot der Seuche

Anfang Dezember hatte Großbritannien bereits als erstes Land den Impfstoff von Pfizer und Biontech zum Einsatz gebracht, der bei extrem niedrigen Temperaturen gelagert werden muss. Inzwischen haben bereits rund eine Million Briten die erste von zwei Spritzen erhalten - mehr als die übrigen Europäer, wie Hancock betonte. Der Impfstoff von Astrazeneca ist deutlich billiger und kann bei Kühlschranktemperatur aufbewahrt werden. Vor allem steht eine größere Produktionskapazität zur Verfügung: Astrazeneca hat sich auf die Lieferung von drei Milliarden Dosen weltweit in diesem Jahr vorbereitet, während Pfizer und Biontech bislang 1,3 Milliarden Dosen zusagen konnten.

Großbritannien ist Vorreiter bei der Impfung, zugleich aber aktuell Hotspot der Seuche. Am Sonntag wurden 55.000 Neuinfektionen offiziell gemeldet. Als Grund für die beschleunigte Ausbreitung wird eine besonders ansteckende Mutation des Coronavirus vermutet, die zuerst in England bemerkt wurde. Premierminister Boris Johnson (56) stimmte die Bürger am Sonntag auf schärfere Regeln ein, nachdem bereits in weiten Teilen des Landes die höchste Warnstufe des Lockdowns gilt.

Das Astrazeneca-Mittel galt lange als wichtigster Hoffnungsträger im Schutz gegen die Infektion. Verwirrende Ergebnisse der klinischen Studien nährten jedoch Zweifel. Der Impfstoff ist laut Zwischenergebnissen vom November zu 90 Prozent wirksam, wenn zunächst nur eine halbe Dosis gespritzt wird, gefolgt von einer ganzen Dosis einen Monat später. Nach dem ursprünglich vorgesehenen Schema von zwei vollen Dosen beträgt die Wirksamkeit hingegen nur 62 Prozent, gegenüber 95 Prozent bei dem Biontech-Vakzin.

Astrazeneca-Chef Pascal Soriot (61) hatte von der "Siegerformel" gesprochen, die man durch Zufall gefunden habe - während die Universität Oxford darauf beharrt, alles laufe nach Plan. Astrazeneca stellte eine erneute Studie mit zehntausenden Teilnehmern in Aussicht, um Zweifel auszuräumen.

Hoffnung auch für Indien, Argentinien, El Salvador, Südkorea und Vietnam

Mehrere Länder wollen jedoch nicht länger warten. Nach Großbritannien erteilte auch Indien dem Vakzin von Astrazeneca am Sonntag die Notfallzulassung, zeitgleich mit einem weiteren Impfstoff des indischen Unternehmens Bharat Biotech. Das staatliche Serum Institute of India, einer der weltgrößten Hersteller von Impfstoffen, hat eine Lizenz von Astrazeneca zur eigenständigen Produktion des Mittels.

Argentinien erklärte bereits am Mittwoch, wegen des akzeptablen Nutzen-Risiko-Verhältnisses dürfe der Impfstoff von Astrazeneca für ein Jahr auf Rezept verabreicht werden. Es war zunächst unklar, wann mit dem Einsatz des Präparats zu rechnen ist und wie viele Dosen das südamerikanische Land erhalten soll.

Erst am Dienstag hatte Argentinien begonnen, den von russischen Forschern entwickelten Impfstoff "Sputnik V" verabreichen zu lassen, der ebenso wie das Astrazeneca-Mittel ein Vektorimpfstoff ist und auf Adenoviren basiert. Vergangene Woche unterzeichneten Russland und Astrazeneca ein Memorandum für eine Zusammenarbeit bei der Entwicklung von Impfstoffen. Auch El Salvador ließ den Astrazeneca-Impfstoff zu.

Südkorea teilte am Montag mit, Astrazeneca habe Unterlagen für eine Notfallzulassung eingereicht. Das Land hatte im Dezember eine Lieferung von 20 Millionen Dosen mit Astrazeneca vereinbart.

Vietnam kauft nach Angaben der Regierung vom Montag 30 Millionen Dosen von Astrazeneca. Der südostasiatische Staat wolle zudem weitere Impfstoffe von anderen Herstellern wie etwa des Mainzer Unternehmens Biontech und seines US-Partners Pfizer beschaffen, teilte die Regierung weiter mit. Gespräche darüber liefen bereits. Vietnam hat bereits den Kauf des russischen Impfstoffs vereinbart.

Spahn will schnelle Zulassung - aber EMA beharrt auf Sorgfalt

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (40, CDU) sagte, er setze auf eine schnelle Zulassung des Impfstoffs von Astrazeneca. Dabei strebe er aber keinen deutschen Alleingang an. "Ideal wäre eine zügige europäische Zulassung", sagte Spahn der "Rheinischen Post". Der Impfstoff wird seit Anfang Oktober von der europäischen Zulassungsbehörde EMA im sogenannten Rolling-Review-Verfahren geprüft.

Anders als in Großbritannien erteile man in Europa keine Notfallzulassung, sondern eine bedingte Marktzulassung - mit allen damit verbundenen Schutzmaßnahmen, Kontrollen und Verpflichtungen. Das teilte die Behörde mit Sitz in Amsterdam am Mittwochabend mit. "Das garantiert, dass der Impfstoff den strengen EU-Standards für Sicherheit, Wirksamkeit und Qualität entspricht."

Bisher sind laut EMA einige vorläufige Daten zu Sicherheit und Wirksamkeit bewertet worden, die in vier laufenden klinischen Studien in Großbritannien, Brasilien und Südafrika erhoben wurden. Zuletzt seien am 21. Dezember neue klinische Daten eingegangen. Daten aus Laborstudien seien bereits ausgewertet, die Bewertung der Impfstoff-Qualität laufe. Weitere wissenschaftliche Informationen zu Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit seien beim Hersteller angefordert worden.

Im Januar erwarte man weitere klinische Daten, im ersten Quartal 2021 sollen zudem Zwischenergebnisse einer klinischen Studie in den USA vorliegen. Diese war lange unterbrochen worden, um auszuschließen, dass die Erkrankung einer Probandin mit der Impfung zusammenhing. Daher sind die US-Daten in den bisher veröffentlichten Zwischenergebnissen nicht enthalten.

ak/Reuters, dpa-afx