Corona-Impfstoff Warum Europa 25 Prozent mehr an Biontech zahlt

Der Multimilliarden-Euro-Deal, den die EU mit den Pharmafirmen Biontech und Pfizer geschlossen hat, garantiert ihnen höhere Preise als noch zu Beginn des Jahres. Auch Moderna erhält mehr Geld pro Dosis. Ist das gerechtfertigt?
Aufwändige Forschung: Impfstoff-Reinraumlabor von Biontech in Marburg

Aufwändige Forschung: Impfstoff-Reinraumlabor von Biontech in Marburg

Foto: Michael Probst / AP

Die Impfstoff-Deals der Europäischen Union sorgen international für Aufregung. Die EU-Kommission zahlt den Impfstoffherstellern nämlich inzwischen deutlich mehr Geld als noch zu Anfang des Jahres. Das deutsche Unternehmen Biontech und sein US-Partner Pfizer konnten einen Preisaufschlag von rund 25 Prozent je Dosis durchsetzen; der Corona-Impfstoff des US-Konzerns Moderna ist im Preis um knapp 13 Prozent je Dosis gestiegen.

Politiker in mehreren EU-Staaten kritisieren, Europa habe sich von den Konzernen über den Tisch ziehen lassen. Erst vergangene Woche hatte der Pharmariese Pfizer Geschäftszahlen vorgelegt, wonach der Covid-Impfstoff eine wahre Geldmaschine ist; Konzernchef Albert Bourla (59) schraubte sowohl die Umsatz- als auch die Gewinnprognose nach oben. EU-Beamte verwiesen angesichts höheren Preise dagegen auch auf gestiegene Anforderungen – und auf die Marktlage.

In Abstimmung mit den nationalen Regierungen hatte die EU-Kommission unter Ursula von der Leyen (62; CDU) die Verhandlungen mit den Pharmakonzernen geführt. Nachdem sie jedoch wegen ihrer holprigen Beschaffung im Frühjahr heftig in die Kritik geraten war, musste die Behörde zusätzliche Lieferverträge mit den Herstellern schließen – und war bereit, dafür deutlich mehr Steuergeld zu investieren. So bestellte die EU im Mai 2021 bis zu 1,8 Milliarden zusätzliche Dosen bei Biontech und Pfizer – für 19,50 Euro pro Dosis, wie Recherchen der "Financial Times" ergeben haben. In zwei früheren Verträgen über eine Liefermenge von insgesamt 600 Millionen Dosen hatten die EU-Staaten nur 15,50 Euro pro Dosis bezahlt.

Der jetzt geltende Deal – der rein rechnerisch ein Gesamtvolumen von bis zu 35 Milliarden Euro hat – nimmt also eine Preissteigerung von rund einem Viertel in Kauf.

Moderna bekommt fast drei Dollar mehr pro Dosis

Nicht ganz so hoch ist der Zuschlag, den der US-Hersteller Moderna durchsetzen konnte. Während die EU in den ursprünglichen Verträgen über rund 160 Millionen Dosen noch 22,60 Dollar pro Dosis zahlte, werden für die zusätzlich bestellten 300 Millionen Dosen nun jeweils 25,50 Dollar fällig. Damit liegt der Preis immer noch am unteren Ende der Spanne von 25 bis 37 Dollar, die das Unternehmen im vergangenen Jahr angepeilt hatte; im Vergleich zu den ersten Verträgen mit der EU ist er aber um gut ein Achtel gestiegen.

"Es ist einfach, die EU zu kritisieren, weil sie wenig und zu spät oder zu viel ausgibt", sagte Giovanna De Maio von der Brookings Institution, einem US-Thinktank. "Die Realität ist aber viel komplizierter. Und vielleicht ist es richtig, angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich die Delta-Variante ausbreitet, dem Zugang zu Impfstoffen Vorrang vor den Kosten zu geben."

In Brüssel hält man die höheren Preise ohnehin für gerechtfertigt. Ein Beamter verteidigte sie gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters mit der weltweit stark gestiegenen Nachfrage. Der Wert der Impfstoffe sei eben gestiegen sei, seit ihre Wirksamkeit bewiesen sei und sie einen positiven Einfluss auf die Erholung der Wirtschaft hätten. Außerdem müssten die Pharmakonzerne nun strengere Bedingungen erfüllen. "Mehrere Faktoren spielten eine Rolle."

Im Gegensatz zu den ersten Verträgen müssen etwa die Biontech-Impfstoffe nicht nur in Europa produziert werden, auch ihre wesentlichen Bestandteile müssen aus der Region kommen. Das soll die Lieferketten sichern – treibt aber auch die Kosten. Außerdem garantieren die Hersteller die Lieferung ab 2022; in den ersten Verträgen mussten sie sich lediglich "nach besten Kräften" bemühen, die vorab vereinbarten Liefermengen einzuhalten.

Eine weitere große Veränderung im Vergleich zu den frühen Deals: Sollten die Impfstoffe gegen die neuen Virusvarianten unter Umständen nicht wirksam sein, könnten die Regierungen die Abnahme verweigern; gleichzeitig erwarten sie von den Herstellern, dass die ihre Vakzine anpassen.

Die USA zahlen Pfizer und Biontech noch mehr

Es ist auch keineswegs so, dass die EU besonders viel zahlt. Die US-Regierung von Joe Biden (78) zahlt nach ihrem jüngsten Deal noch mehr an Pfizer und Biontech. Am 23. Juli kaufte Washington weitere 200 Millionen Dosen des mRNA-Impfstoffs zu einem Preis von 24 Dollar pro Dosis (umgerechnet rund 20,10 Euro), wie Pfizer mitteilte. Im Vergleich zum ersten Milliardendeal aus dem Jahr 2020 war das – ähnlich wie in Europa – eine Steigerung von rund 23 Prozent.

Pfizer erklärte, die höheren Preise in den USA spiegelten die Investitionen wider, die für die Herstellung, Verpackung und Auslieferung neuer Impfstoffformulierungen erforderlich sind, sowie die zusätzlichen Kosten für die Herstellung kleinerer Packungsgrößen, die für "einzelne Arztpraxen, einschließlich Kinderärzte" geeignet sind.

Zu den Preisen in Europa wollte sich ein Pfizer-Sprecher nicht äußern, sagte aber, dass sich der jüngste Vertrag mit der EU von den ursprünglichen unter anderem in Bezug auf die Produktion und Lieferung unterscheide. Moderna reagierte nicht auf eine Bitte um Stellungnahme. Die EU-Kommission wollte sich ebenfalls nicht zu den Preisen äußern.

lhy/Reuters
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