Dienstag, 20. August 2019

Nach Ablehnung des Brexit-Deals Ökonomen sehen Chance für neues Brexit-Referendum

Brexit: Rückzug vom Austritt?

Nach der gescheiterten Brexit-Abstimmung im britischen Parlament halten Ökonomen ein zweites Referendum in Großbritannien über die EU-Mitgliedschaft des Landes für möglich. "Neuwahlen oder ein erneutes Referendum sind damit wesentlich wahrscheinlicher geworden, aber auch das Risiko eines ungeordneten Ausstiegs ist deutlich gestiegen", sagte Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise.

Nach Einschätzung von Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer dürften sich Großbritannien und die EU darauf einigen, den Austrittstermin um drei Monate auf Ende Juni zu verschieben, um Zeit zu gewinnen. "Vermutlich reift in dieser Phase in Großbritannien die Einsicht, die Briten ein zweites Mal über den Brexit abstimmen zu lassen. Das halte ich für wahrscheinlicher als einen ungeordneten Brexit, der zu großen wirtschaftlichen Problemen führen würde."

Zugleich kritisierte Krämer am Mittwoch, dass die Europäische Union (EU) Großbritannien in der Nordirland-Frage nicht stärker entgegen gekommen sei. Es räche sich nun, "dass die EU Großbritannien abstrafen wollte, um andere potenzielle Austrittskandidaten abzuschrecken". Nicht die Angst vor den Folgen eines Austritts, "sondern nur die eigene Attraktivität hält die EU langfristig zusammen".

Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING Deutschland, hält zwei Szenarien in den kommenden Monaten für realistisch - ein zweites Referendum oder einen Brexit ohne Abkommen. "Europa ist jetzt gut beraten, so viel Vorbereitungsmaßnahmen wie noch möglich gegen die Folgen einen harten Brexits zu treffen."

Dennis Snower: Ablehnung des Brexit-Deals "tragisch"

Die Ablehnung des Brexit-Vertrages mit der EU durch das britische Parlament ist nach Einschätzung des Ökonomen Dennis Snower eine tragische Entscheidung. Damit werde ein ungeregelter EU-Austritt hochwahrscheinlich, sagte der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) am Mittwoch. "Ein "No Deal" bedeutet nicht einfach nur Güterhandel mit Zöllen, sondern dürfte den Handel zwischen der EU und Großbritannien vorübergehend komplett zum Erliegen bringen."

Vor allem die britische Wirtschaft müsse sich dann auf gewaltige Einschnitte vorbereiten. "Denn es fehlt jegliche personelle und physische Infrastruktur, um einen Handel ohne Abkommen zu kontrollieren", erläuterte der Wirtschaftswissenschaftler. Dies reiche von der Überprüfung unterschiedlicher Standards bis hin zur administrativen Erhebung von Steuern und Zöllen. "Diese Infrastruktur komplett aufzubauen, würde nach Expertenschätzungen rund fünf Jahre benötigen, bis dahin würde der Handel unter einer zähen Abwicklung leiden", sagte Snower.

Bei Dienstleistungen, bei denen es kein umfassendes Regelwerk wie bei Gütern zwischen Mitgliedern der Welthandelsorganisation WTO gebe, verhalte es sich noch komplizierter, wie die Notfallpläne etwa für den Flugverkehr zeigten. Die Entscheidung des Parlamentes hätte aus Snowers Sicht nur dann etwas Gutes für sich, wenn sie zu einem zweiten Referendum führen würde.

la/dpa-afx

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