Neuer Premierminister Großbritanniens Tories stimmen für Boris Johnson

Boris Johnson ist neuer Premierminister von Großbritannien

Boris Johnson ist neuer Premierminister von Großbritannien

Foto: Hannah McKay/ REUTERS

Mit großer Spannung wurde das Ergebnis der Abstimmung der britischen Konservativen über ihren neuen Parteichef und gleichzeitig über den neuen Premierminister erwartet. 160.000 Partei-Mitglieder durften in den vergangenen Wochen zwischen den beiden Kandidaten Boris Johnson und Jeremy Hunt wählen. Am Ende hat sich der ehemalige Außenminister Johnson durchgesetzt.

In den vergangenen Tagen hatten Umfragen bereits einen deutlichen Vorsprung für Boris Johnson vorausgesagt. 92.153 Mitglieder stimmten für Johnson, 46.656 für Hunt. Insgesamt hatten 159.320 Mitglieder ihre Stimme abgegeben.

Johnson nutze die Gelegenheit, um den versammelten Mitgliedern im Queen-Elizabeth-II-Konferenzzentrum in London seine Mission erneut zu vermitteln: Beim Brexit liefern, das Land vereinen und Jeremy Corbyn schlagen. Die Kampagne sei vorbei, nun beginne die Arbeit.

Corbyn fordert Neuwahlen

BBC befindet, dass die Zahlen zwar kein Erdrutschsieg für Johnson sein, aber meint, es sei dennoch ein sehr gutes Ergebnis. Immerhin hat Johnson etwa doppelt so viele Stimmen erhalten wie Hunt.

Großbritanniens Oppositionschef Corbyn forderte nach der Wahl Johnsons hingegen Neuwahl. Johnson sei von weniger als 100.000 Parteimitgliedern der Konservativen unterstützt worden und habe nicht das Land hinter sich gebracht, schrieb der Labour-Politiker auf Twitter. Ein EU-Austritt ohne Abkommen, den Johnson nicht ausschließt, bringe Jobverluste und steigende Preise. "Die Bevölkerung unseres Landes sollte in einer Parlamentswahl entscheiden, wer Premierminister wird", forderte er.

Auch US-Präsident Donald Trump äußerte sich zum Gewinner: "Glückwunsch an Boris Johnson, dass er neuer Premierminister des Vereinigten Königreichs geworden ist", schrieb Trump auf Twitter. "Er wird großartig sein!", fügte er hinzu.

Der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan machte dem künftigen Premierminister derweil eine klare Ansage: "Ich werde nie damit aufhören, meine Meinung gegen die katastrophale Bedrohung des Brexits zu sagen", sagte der Labour-Politiker. In anderen Bereichen - etwa bei der Polizei oder im öffentlichen Verkehr - sollte man jedoch die Differenzen beilegen.

Wer wird Minister?

Mit Spannung wird nun erwartet, wen der umstrittene Politiker zu sich ins Kabinett holt. Der Brexit-Hardliner wird wahrscheinlich viele Regierungsposten neu besetzen. Zeitungen spekulierten etwa über ein Comeback der früheren Brexit-Minister Dominic Raab und David Davis. Kritiker halten Davis für inkompetent und faul.

Am vergangenen Wochenende hatten bereits Finanzminister Philip Hammond und Justizminister David Gauke die Aufgabe ihrer Ämter im Falle eines Wahlsiegs Johnsons angekündigt. Es wird mit Rücktritten weiterer EU-freundlicher Minister gerechnet.

Jeremy Hunt unterliegt

Jeremy Hunt unterliegt

Foto: Leon Neal/ Getty Images

Johnson hatte bereits angekündigt, die vereinbarte Schlussrechnung für den EU-Ausstieg in Höhe von 39 Milliarden Pfund (rund 44 Milliarden Euro) vorerst zurückzuhalten. Eine deutliche Senkung der Einkommenssteuer für gut verdienende Briten stellte er ebenfalls in Aussicht.

Viele Tory-Abgeordnete trauen Johnson zu, enttäuschte Brexit-Wähler, die sich von den Konservativen abgewendet haben, wieder zurückzugewinnen. Der einst auch unter liberalen Wählern populäre Ex-Bürgermeister von London ist für seinen Wortwitz, aber auch für seine Tollpatschigkeit und teilweise Ignoranz bekannt.

Seine Zeit als Außenminister ist in keiner guten Erinnerung geblieben. Wohl deshalb erwähnte er sie während des Wahlkampfs kaum. Johnson, der dafür bekannt ist, über die eigenen Füße zu stolpern, hielt sich im gesamten Auswahlverfahren stark zurück.

Sein Erscheinungsbild hatte sich in den vergangenen Wochen auffallend geändert. Statt verwuschelter, blonder Haarmähne ließ Johnson sich einen richtigen Haarschnitt verpassen. Außerdem nahm er deutlich ab. Johnson lebt seit Monaten von seiner Frau getrennt und ist mit einer über 20 Jahre jüngeren Medienexpertin liiert.

Theresa May wird am Mittwoch ihren Rücktritt einreichen

Theresa May wird am Mittwoch ihren Rücktritt einreichen

Foto: Neil Hall/ REUTERS

May tritt am Mittwoch zurück

Johnson war der Frontmann der konservativen Brexit-Befürworter im Wahlkampf vor dem Referendum vor drei Jahren. Auch damals provozierte er: So verglich er die Ambitionen der EU mit dem Großmachtstreben Hitlers und Napoleons. Den Briten versprach er, im Falle eines Brexits 350 Millionen Pfund (rund 390 Millionen Euro) an EU-Beiträgen pro Woche in das Gesundheitssystem zu stecken. Er verschwieg jedoch, dass London auch viel Geld von der EU bekommt.

Am nun folgenden Mittwoch wird May ihr Amt abgeben. Sie wird sich mittags ein letztes Mal den Fragen der Abgeordneten im Unterhaus stellen. Anschließend hält sie vor dem Regierungssitz Downing Street eine Abschiedsrede und reicht dann bei der 93-jährigen Queen im Buckingham-Palast ihren Rücktritt ein. Die Königin wird direkt danach Johnson zum neuen Premier ernennen und ihn mit der Regierungsbildung beauftragen. Auch von ihm wird dann eine Rede vor seinem Amtssitz erwartet.

akn/rtr/dpa