Airbus ohne Flügel, Schafzüchter vor Bankrott Was ein No-Deal-Brexit konkret bedeutet

Übung der britischen Regierung zu Lkw-Kontrollen an der Kanalküste

Übung der britischen Regierung zu Lkw-Kontrollen an der Kanalküste

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Nur eine Minderheit will dieses Szenario, und doch scheint immer mehr darauf hinauszulaufen: Solange sich die britische Politik weder auf ein Abkommen mit der EU zu einem geregelten Übergang noch auf einen Rückzug vom Brexit einigen kann, heißt es am 29. März "No Deal" oder, wie die EU-Kommission  diesen Fall nennt, "Sturz in den Abgrund".

Ab dem 30. März tritt grundsätzlich das komplette EU-Recht für das Vereinigte Königreich außer Kraft. Es gilt dann als Drittstaat, ähnlich wie Japan - nur eben ohne Handelsabkommen.

Und das heißt unter anderem, dass britische Produkte den europäischen Außenzöllen unterliegen (und kontrolliert werden müssen). Autos und Autoteile beispielsweise unterliegen dann bei der Einfuhr in die EU 10 Prozent Zoll.

10 Prozent Zoll auf Autoteile - und 60 Prozent auf Schafwolle

Schafzüchter Walter Brown: Oh dear

Schafzüchter Walter Brown: Oh dear

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Relativ mit am stärksten betroffen wären wohl die britischen Schafzüchter. Deren Produkte gehen bislang fast ausschließlich auf den Kontinent, würden dann aber mit bis zu 60 Prozent verzollt. Die Briten müssten ihre Zollsätze für europäische Lieferungen neu festlegen, dürften sie nach WTO-Regeln aber nicht einfach auf Null setzen.

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In einer normalen Handelsbeziehung ist das nicht so wild, wie beispielsweise der australische Ex-Premier Tony Abbott den Briten erklärt. Australien treibe ja auch regen Handel mit Europa trotz der Zölle, die auf Rohstoffimporte allerdings eher niedrig sind. Doch die britische Industrie ist eng in europäische Liefer- und Produktionsketten eingebunden. BMW  beispielsweise plant im No-Deal-Fall, sein Mini-Werk für einen Monat vorgezogene Werksferien zu schließen.

Airbus: Kosten von einer Milliarde pro Woche

Airbus: Rund 10.000 Flugzeugteile von der Insel

Airbus: Rund 10.000 Flugzeugteile von der Insel

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Dramatisch könnten die Auswirkungen für Airbus sein. Der Flugzeugbauer ist ein Sinnbild für europäische Arbeitsteilung - die meisten Tragflächen stammen aus England, wo der Konzern 14.000 Menschen beschäftigt. Konzernchef Tom Enders hat die Notfallpläne des Konzerns früh vorsorglich auf "No Deal" als "Grundannahme" einstellen lassen.

Mehr als 10.000 Flugzeugteile bezieht Airbus von der Insel, auch von tausenden Zulieferbetrieben. Sobald einem Teil die Zertifizierung der europäischen Flugsicherheitagentur EASA fehlt, müsste die Produktion gestoppt werden. Wegen der voll ausgelasteten Werke ließe sich der Rückstand laut Airbus nicht aufholen.

Das koste eine Milliarde Euro pro Woche, müsse aber mit mehreren Wochen kalkuliert werden. Auch die Bildung von Extravorräten für den Worst-Case koste schon Milliarden - von einem dauerhaft flügellosen Airbus ganz zu schweigen.

Britische Regierung baut mit Verordnungen vor

"Der ungeordnete Ausstieg wird nicht so ungeordnet, wie gemeinhin behauptet", beruhigt dagegen Deutsche-Bank-Chefvolkswirt David Folkerts-Landau. Wegen des drohenden wirtschaftlichen Schadens würden beide Seiten daran arbeiten, dass die engen Verflechtungen zwischen Insel und Kontinent sich nicht plötzlich auflösen - entweder mit so genannten "Mini-Deals" oder durch einseitige Erlasse. Einige davon sind längst in Vorbereitung.

Das britische "Institute for Government" zählte im Oktober 107 Verordnungen der britischen Regierung für den No-Deal-Fall. Rund die Hälfte davon bezieht sich darauf, europäische Standards für Waren und Dienstleistungen einseitig als britische Standards zu übernehmen.

Beispielsweise würden medizintechnische Geräte oder Autoteile aus Europa weiterhin von den Briten als zugelassen anerkannt. Auch an Datenschutz- oder Flugsicherheitsregeln würde sich - zumindest aus britischer Sicht - nichts ändern. Deutsche Kfz-Versicherungen oder zivilrechtliche Ansprüche hingegen würden künftig nicht mehr ohne weitere Prüfung anerkannt. Die meisten anderen Verordnungen regeln den Aufbau eigener IT-Systeme für Prozesse, die bisher von der EU übernommen werden - von der Auszahlung von Subventionen bis zum Register von Speditionen.

Probleme für Iberia - und für einige irische Bürger

Die EU-Seite hat in ihrem Notfallplan  nur wenige Schutzregeln für den No-Deal-Fall aufgenommen.

Die Finanzbranche beispielsweise darf übergangsweise auf Dienste der Londoner City zugreifen, weil deren Leistungen so lange als gleichwertig mit denen der EU gelten: zwölf Monate lang gilt das für die Abwicklung von Derivaten, doppelt so lange für Depotdienste. Dann müssten sich die Europäer eine neue Finanzmetropole suchen - es könnte auch New York sein.

Auch den Flugverkehr britischer Gesellschaften will die EU noch bis Ende März 2020 garantieren. Allerdings gilt das nur für Flüge zwischen dem Königreich und der EU, nicht innerhalb der Union.

Die britische Billigfluggesellschaft Easyjet, in manchen Ländern auf dem Kontinent Marktführer, sieht das betont entspannt. Sie hat in Wien eine Tochtergesellschaft mit österreichischer Fluglizenz. Doch für den spanischen Flagcarrier Iberia könnten die neuen Regeln unbeabsichtigte Folgen haben: Als Filiale des britischen IAG-Konzerns dürfte Iberia nicht mehr von Madrid nach Barcelona fliegen - theoretisch, denn das ist wohl einer der Fälle, die sich sicher doch noch irgendwie regeln lassen.

Völlig unklar sind die Folgen für Nordirland - bis auf eine Tatsache: Die bisher offene Grenze zwischen dem EU-Mitglied Republik Irland und der britischen Provinz müsste wohl mit Zollkontrollen auf beiden Seiten versehen werden, um den Regeln der Welthandelsorganisation zu genügen. Das dürfte nicht nur für jene irischen Bürger mühsam werden, die in der britischen Provinz leben oder regelmäßig hinpendeln. Es könnte auch das Friedensabkommen in der einstigen Bürgerkriegsregion torpedieren.

Eher milde sind im Vergleich die Folgen für den EU-Haushalt. Das Brüsseler Institut Bruegel schätzt , dass die durch fehlende britische Beiträge bis Ende 2020 entstehende Lücke beispielsweise vom deutschen Staat mit zusätzlich vier Milliarden Euro aufgefüllt werden müsste. Die Lücke könnte aber auch geringer ausfallen, beispielsweise wenn die großteils in den EU-Haushalt gehenden Zolleinnahmen höher ausfallen als geschätzt.

Selbst No-Deal-Optimist Folkerts-Landau sagt "mit Sicherheit" voraus, dass die ohnehin geschwächte EU-Wirtschaft ohne weitere Notfallmaßnahmen in diesem Jahr in eine Rezession rutschen werde. Das unabhängige Britannien aber werde sich schon "in drei bis vier Jahren erholen" und höchstwahrscheinlich langfristig den Kontinent hinter sich lassen.

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