Fünf Argumente für den Brexit Diese Vorteile hat Großbritannien ohne die EU

Nationalismus als Leitmotiv: Doch für einen EU-Ausstieg der Briten sprechen auch einige wirtschaftliche Argumente - man muss nur lange genug suchen

Nationalismus als Leitmotiv: Doch für einen EU-Ausstieg der Briten sprechen auch einige wirtschaftliche Argumente - man muss nur lange genug suchen

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Die Brexiteers haben es schwer, als Stimme der Vernunft wahrgenommen zu werden. Nach dem tödlichen Attentat auf die Pro-EU-Abgeordnete Jo Cox umso mehr - aber auch ohne irre Gewalttäter gilt das: Mit dem Politclown Boris Johnson an der Spitze und den Nationalisten um Nigel Farage im Rücken erscheint das Brexit-Lager von recht dumpfen Impulsen angetrieben.

Umfragen zeigen, dass die "Leave"-Position stark mit niedrigem Bildungsstand und der Leserschaft von Boulevardblättern wie "Express" oder "Sun" zusammenhängt. Wenn es um wirtschaftliche Fragen geht, ist das Verdikt noch deutlicher. Ein Aufruf von Ökonomen in der "Times", für den Verbleib in der EU zu stimmen, fand fast 200 Unterzeichner. Die "Economists for Brexit"  hingegen sind zu acht.

Trotz dieses eindeutigen Votums: Es gibt sie, ökonomische Gründe für den nun beschlossenen Austritt - und zwar auch welche, die einem ersten kritischen Blick standhalten. Hier ist unsere Auswahl.

Runter mit dem Pfund

Billig dank Brexit: Dem britischen Pfund wird ein Kursrutsch für den Fall des EU-Austritts vorausgesagt

Billig dank Brexit: Dem britischen Pfund wird ein Kursrutsch für den Fall des EU-Austritts vorausgesagt

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Der Finanzmarkt signalisiert eindeutig, dass Kapital aus einem von der EU losgelösten Britannien abfließen würde. Der Absturz von Pfund und Aktienmarkt nach dem Brexit-Votum spricht Bände.

Eine drohende Währungskrise ist auch das zentrale Argument von Finanziers wie George Soros gegen den Brexit. Doch "für ein Land, das sich in eigener Währung verschuldet und ein übermäßiges Zahlungsbilanzdefizit hat, wäre das fallende Pfund eine gute Sache", hält US-Ökonom Paul Krugman dagegen (der allerdings andere Gründe, die gegen den Brexit sprechen, für gewichtiger hält).

Tatsächlich beruht die optimistische Prognose der "Economists for Brexit", die im Gegensatz zu den Szenarien von Bank of England, London School of Economics oder Finanzministerium einen positiven Wachstumseffekt errechnet, auf einer Abwertung des Pfund - ein Wettbewerbsvorteil für britische Exporteure, auch wenn Vorleistungen aus dem Ausland teurer würden. Die Zahlungsbilanz wäre demnach immer noch negativ, aber nur noch leicht.

Als Abwertungsstrategie könnte der Brexit so die darbende Industrie auf der Insel wieder in Schwung bringen.

Kleinere City, ausgeglichene Metropole

Dominanz der Finanzindustrie: London und Großbritannien könnten etwas Ausgleich gut gebrauchen

Dominanz der Finanzindustrie: London und Großbritannien könnten etwas Ausgleich gut gebrauchen

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Mit einem stärkeren Fokus auf das exportstarke produzierende Gewerbe könnte die britische Wirtschaft auch ihre Abhängigkeit vom Finanzsektor verringern - ein seit der Finanzkrise immer wieder vorgetragenes Anliegen, das bisher aber kaum untermauert wurde. Der Anteil am Bruttoinlandsprodukt beträgt immer noch 7 Prozent, doppelt so viel wie in Deutschland.

Die Kombination aus billigem Pfund und dem Verlust der EU-"Passporting"-Rechte für Londoner Finanzdienstleister könnte den Trick allerdings schaffen. Als Programm gegen die Dominanz der Londoner City wollen die Brexiteers ihr Vorhaben freilich nicht verstanden wissen.

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Pro-Brexit-CEOs: Diese Chefs wollen nichts wie raus aus der EU

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Die wenigen Branchenvertreter, die wie Ex-HSBC-Chef Michael Geoghegan für den Ausstieg warben, sehen die Zukunft des Landes eher in einer Art größerem Hongkong, als deregulierter Fluchthafen für globales Kapital.

Dennoch ist eindeutig, wie bedeutsam der privilegierte Zugang zum EU-Markt für London als führendem Standort für Finanzdienstleistungen ist. Wenn der fällt, dürfte die Fluchtbewegung andersherum verlaufen: Französische und andere Banker ziehen zurück auf den Kontinent. Mit ihnen würde London erhebliche Kaufkraft verlieren - aber auch eine Quelle für Verzerrungen, zum Beispiel am Immobilienmarkt, die in anderen Branchen derzeit die Dynamik bremsen.

Keine Rücksicht auf die Landwirte

Ausgerechnet sie könnten den eigenen Marktschutz aushebeln: Fischerboote auf Protestfahrt für den Brexit in London

Ausgerechnet sie könnten den eigenen Marktschutz aushebeln: Fischerboote auf Protestfahrt für den Brexit in London

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Die Anti-EU-Kampagnen stellen die Union als Hindernis für freien Welthandel dar. Das Veto eines einzelnen der 27 Noch-Partnerstaaten könne ein Abkommen mit anderen Nationen blockieren: Frankreich stelle sich gegen den Deal mit Kanada quer, Deutschland gegen den mit Japan, Italien gegen den mit Australien.

Relevante Handelsabkommen habe die EU nur mit Mexiko, Südkorea und Südafrika zustande gebracht. Die könne Großbritannien allein auch schnell abschließen - und sich außerdem mit den führenden Wirtschaftsnationen in Übersee einigen. Simon Wolfson, Chef der Bekleidungskette Next, würde mit China und Indien anfangen. Als Handelspartner sei der Rest der Welt längst wichtiger für die Briten als Europa.

Roland Smith vom liberalen Adam Smith Institute argumentiert , die wichtigsten Regeln für einen "neuen globalen, gemeinsamen Markt" würden ohnehin zunehmend von weltweiten Gremien, teils im Rahmen der Uno und immer mit britischer Beteiligung, festgelegt. "Die EU wird zunehmend zum zwecklosen Mittelsmann."

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Pro-Brexit-CEOs: Diese Chefs wollen nichts wie raus aus der EU

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Ob mehr Handelsabkommen auch mehr Handel bringen, stellen die "Economists for Brexit" selbst infrage. In einem Punkt könnte sich Großbritannien aber deutlich von der EU abheben: "Das Vereinigte Königreich könnte sich von der Gemeinsamen Agrarpolitik lossagen, die durch Zölle und Subventionen den Nahrungspreis für britische Verbraucher hochtreibt", heißt es beim EU-freundlichen Centre for European Reform .

Das ginge zu Lasten auch britischer Landwirte, die aber vergleichsweise wenig Einfluss genießen. Mit dem Argument hatte auch Margaret Thatcher einst den Briten-Rabatt für die Beiträge zum EU-Haushalt herausgehandelt. Pro Brexit positionieren sich Unternehmer, die aus Ex-Kolonien wie Indien stammen und den britischen Markt für Importe von dort öffnen wollen. Der aus Malawi gebürtige "Reiskönig" Moni Sharma mit seiner Firma Veetee hat 80 Unterstützer versammelt.

Mehr Einwanderung - nur nicht aus Europa

Unternehmer James Dyson: Klage über zu wenig Zuwanderung als Folge der EU-Mitgliedschaft

Unternehmer James Dyson: Klage über zu wenig Zuwanderung als Folge der EU-Mitgliedschaft

Foto: Dyson

Während der Wahlkampf sich vor allem darum drehte, die Zuwanderung aus Osteuropa zu begrenzen, umwarben die Brexiteers Wähler aus der südasiatischen und karibischen Minderheit mit der gegenteiligen Botschaft: Großbritannien könne sich außerhalb der EU wieder für mehr Menschen aus den Commonwealth-Staaten öffnen.

Da mag Sehnsucht nach dem ehemaligen Empire mitklingen. Für Unternehmer wie James Dyson ist aber genau das ein praktischer Grund, gegen die EU zu opponieren: Sie ist ihnen in der Migrationspolitik zu restriktiv.

"Wir können keine ausländischen Ingenieure einstellen, wenn sie nicht aus der EU sind", klagte Dyson dem "Telegraph". Möglich sei das zwar schon, die Prozedur dauere aber viel zu lange. "Warum in aller Welt bilden wir Forscher in wertvoller Technologie aus, die sie dann nach China oder Singapur mitnehmen und gegen uns verwenden?"

Eine stabilere EU hilft auch den Briten

Ewige Krisengespräche der Finanzminister in der Euro-Gruppe: Eine EU ohne Nicht-Euro-Staaten könnte die stabile Grundlage bilden

Ewige Krisengespräche der Finanzminister in der Euro-Gruppe: Eine EU ohne Nicht-Euro-Staaten könnte die stabile Grundlage bilden

Foto: © Francois Lenoir / Reuters/ REUTERS

Last not least ein etwas paradoxes Argument, das aber dennoch plausibel ist. Wenn der Nicht-Euro-Staat Großbritannien aus der EU verschwindet (und mit ihm auch die übrigen wie Schweden sich entweder für den Euro oder gegen die EU entscheiden), könnte Rest-Europa stabiler werden - und damit auch den Briten helfen.

Denn, da sind sich Pro- und Anti-Brexit-Ökonomen einig, in Europa hapert es im Moment vor allem an der wirtschaftlichen Perspektive, weil die Währungsunion nicht funktioniert. Nötig wäre dafür eine staatliche Grundlage, die wirtschaftliche Ungleichgewichte ausgleicht - was aber mit der nationalen Eigenständigkeit und den in der EU-28 nötigen Kompromissen nicht zu schaffen ist.

In den Worten von Andrew Lilico , dem Leiter der Beratungsgesellschaft Europe Economics: "Die Euro-Zone könnte die bestehenden EU-Institutionen nutzen, um die Währung auf eine sichere Basis zu stellen und schnelleres Wirtschaftswachstum zu ermöglichen." Das wiederum würde auch den Briten nutzen, weil sie dann einen größeren Exportmarkt vor der Haustür hätten.


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