Samstag, 17. August 2019

Brexit - die Zeit wird knapp Wie deutsche Unternehmen sich auf den Brexit vorbereiten

Anti-Brexit-Demonstration in London: Protest gegen Boris Johnson and his Brexshit

Die Gefahr, dass Großbritannien im März ohne Abkommen aus der EU ausscheidet, steigt. Wie sich deutsche Unternehmen auf einen harten Brexit vorbereiten.

Großbritanniens Regierungschefin Theresa May hat im britischen Parlament um Rückendeckung für ihren Brexit-Kurs geworben. "95 Prozent des Austrittsabkommens" seien inzwischen ausverhandelt, sagte May, die wegen ihrer Verhandlungsstrategie auch innerparteilich massiv unter Druck steht.

Allerdings gebe es noch "erhebliche" Differenzen mit der EU bei der Frage, wie die Grenze zwischen dem EU-Mitglied Irland und Nordirland offengehalten werden solle. "Wir müssen alle denkbaren Optionen in Erwägung ziehen, um diese Blockade zu überwinden. Und das ist genau das, was ich tue", sagte die konservative Politikern zu den Abgeordneten.

London bewegt sich in Irland-Frage nicht

Fünf Monate vor dem Austritt Großbritanniens aus der EU im März 2019 ist die Frage der Grenze zwischen Irland und Nordirland ein Hauptproblem bei den Verhandlungen mit Brüssel. Die EU will die britische Provinz Nordirland in der Zollunion belassen, bis ein Handelsabkommen mit Großbritannien steht und Grenzkontrollen überflüssig werden. London besteht auf einer Übergangslösung für das gesamte Vereinigte Königreich, was Brüssel wiederum ablehnt.

Euroskeptische Konservative in Großbritannien fürchten, Großbritannien könnte in eine nie endende Zollunion mit der EU gezwungen werden und damit nie eine eigene Handelspolitik verfolgen, wie sie es sich vom Brexit erhofft hatten. May hatte am Wochenende in Telefonkonferenzen mit ihrem Kabinett versucht, die Bedenken von Kritikern zu zerstreuen. Diese stellen wegen des Konflikts auch Mays Verbleib im Amt der Premierministerin in Frage.

Zeit wird knapp - deutsche Unternehmen bereiten sich auf harten Brexit vor

Deutsche Unternehmen stellen sich inzwischen auf den worst case ein - also einen Austritt der Briten aus der EU ohne Abkommen. BMW zum Beispiel hat sich bereits Parkflächen und Lagerhallen in der Nähe des Ärmelkanals gesichert - der Autobauer betreibt ein Werk in Großbritannien. Die Zeit drängt: "Bei der Vorbereitung auf die möglichen Brexit-Szenarien sollten Unternehmen neben Zöllen oder Steuerbelastungen auch IT-Umstellungen oder bürokratische Prozesse einkalkulieren und die verbleibende Zeit nutzen, um Prozesse und Lieferketten auf Risiken abzuklopfen", sagt Nikolaus Schadeck, UK Country Practice-Leiter der KPMG Deutschland.

Übernahmen: Deutsche Firmen sollten verbleibende Zeit nutzen

Nach Ansicht von Schadeck bieten sich durch den immer knapper werdenden Zeitrahmen aber auch Chancen für Unternehmen. Durch den noch unsicheren Ausgang des Brexit böten sich gerade für deutsche Unternehmen, die aktuell über einen strategischen Zukauf in Großbritannien nachdenken, Vorteile. So würden zum Beispiel die Unsicherheiten durch den Brexit bei den Kaufpreisen berücksichtigt. Zudem profitieren Übernehmer britischer Unternehmen davon, dass der Euro im Vergleich zum britischen Pfund aktuell stark dasteht.

Wichtig ist aber auch, dass deutsche Unternehmen Großbritannien bis zum Austritt rechtlich weiterhin als EU-Mitglied behandeln können. Sollten deutsche Unternehmen beispielsweise eine Sitzverlegung oder eine Verschmelzung ihrer britischen Tochterunternehmen planen, gilt es also auch hier, die verbleibende Zeit zu nutzen", sagt Schadeck.

"Hope for the best, expect the worst"

"Wie erwartet, bleiben die Brexit-Verhandlungen zäh. Ganz nach dem Motto 'Hope for the best, expect the worst' sollten Unternehmen in den verbleibenden Monate bis zum Brexit-Termin für einen harten Brexit, aber auch für das Szenario planen, dass es doch noch eine Einigung gibt.", sagt Andreas Glunz, Bereichsvorstand International Business bei KPMG. Denn auch wenn es aktuell nicht danach aussehe, sei eine Einigung zwischen der EU und Großbritannien weiterhin möglich. "Für beide Seiten steht viel auf dem Spiel", sagt Glunz. So sollten sich deutsche Unternehmen auch nicht zu viel um britische Investitionen sorgen. Beim Thema Investitionen britischer Unternehmen hierzulande seien eher geringe Auswirkungen des Brexits zu erwarten. Dafür sei der deutsche Markt schlicht zu bedeutend.

Wie brexitfest ist das Geschäftsmodell?

"Die verbleibenden Monate sollten Unternehmen unbedingt nutzen, um herauszufinden, wie 'brexitfest' ihr Geschäft ist, ergänzt Glunz. Ziel müsse es sein, die Wirkung des Brexits auf die eigene Wirtschaftlichkeit zu verstehen und die eigene strategische Position einzuschätzen. Auf dieser Basis können dann im nächsten Schritt unternehmerische Entscheidungen getroffen werden.

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