Wahnwitzig, egozentrisch - und Favorit für die Cameron-Nachfolge Boris Johnson - Brexit aus Langeweile

Boris Johnson ist Britanniens begnadetster Populist. Er verführte das Volk zum Brexit - und könnte dafür Premier werden. Darben werden diejenigen am meisten, die ihn unterstützten.
Brexit-Frontmann Boris Johnson

Brexit-Frontmann Boris Johnson

Foto: MARY TURNER/ AFP

Am Tag seines größten Triumphs verließ er sein Haus, Hände in den Hosentaschen, Schultern eingezogen, mit einer Miene, als wäre er gerade zum Schuldirektor bestellt worden, um zu erfahren, dass es nichts werden würde mit der Versetzung. Die Passanten aus der Nachbarschaft buhten, manche riefen "Schäm dich, Boris". Dabei hatte der Beschimpfte einen Sieg gelandet, der ihm aller Wahrscheinlichkeit nach das Amt des Premierministers bescheren wird.

SPIEGEL ONLINE

Diesen Ausgang der Ereignisse hat der Mann, der an diesem Freitagmorgen vor seiner Haustür und im Rest von London gescholten wurde, von Anfang kalkuliert. Er hatte gezockt und gewonnen.

Es ist noch kein Jahr her, da saß Johnson, damals noch Bürgermeister der Hauptstadt, mit uns in der City Hall gegenüber des Finanzzentrums von London und konnte mit dem Thema Brexit nicht viel anfangen. Johnson zuckte mit den Schultern, sagte, dass es Gründe dafür gebe und viele dagegen, aber dass er glaube, dass ein Austritt nicht das Ende der Welt bedeuten würde. Er wirkte ziemlich leidenschaftslos.

Wesentlich lebhafter wurde Johnson, als es um eines seiner Lieblingsthemen ging: den großen Staatsmann, jener überlebensgroße Brite, der den Nazis, mit einer Garderobe aus Bowler-Hut, Frack, Zigarre und Maschinenpistole, den Sonderfrieden verweigert hatte und ankündigte lieber sterben zu wollen, als Hitler die Hand zu schütteln.

Churchill hatte Prinzipien, aber was Johnson vor allem auch an ihm bewunderte war die Tatsache, dass Churchill ein Spieler war. Einer, der so weit ging politische Parteien zu wechseln, wenn er dadurch mehr an Macht gewinnen konnte.

Damals, vor einem Jahr, segelte Johnson geradewegs in die größte politische Flaute seines Lebens. Nach dem Ende des Bürgermeisteramts wartete nichts Adäquates auf ihn. Sein ewiger Rivale, David Cameron, ihm bekannt seit der Mitgliedschaft beider in der studentischen Trinker- und Snobgemeinschaft, dem Bullingdon Club von Oxford , war als Premierminister für Johnson unantastbar.

Innerhalb des Parlamentsbetriebes würde es nichts werden für ihn, also brauchte Johnson eine Art außerparlamentarischer Bewegung und seine APO wurde die "Leave-Kampagne". Bevor er und der Justizminister Michael Gove, ebenfalls früher Mitglied im Bullingdon Club, im Winter der Initiative beitraten, war es eine Bewegung von Land-Freaks, Gin trinkenden Nostalgikern und Sturköpfen gewesen wie Nigel Farage, der bereits seine Nikotin-Abhängigkeit für einen Akt des Nonkonformismus und des Widerstands hält.

Die Brexit-Betreiber würden immer politische Zwerge bleiben, im Ukip-Bereich, Pub-Revolutionäre und Theken-Strategen, drei, vier Gläser Ale und um die 10 Prozent.

Aber Johnson änderte alles. Er ist ein begnadeter Populist, er kann die Gefühle und Wünsche vieler seiner Landsleute lesen und artikulieren wie kein anderer Politiker seiner Generation auf der Insel. Dabei ist er als studierter Alt-Philologe ein absolutes Elite-Produkt, er hat die besten Schulen und Internate des Landes besucht, versteht sich auf den Charme und den Humor der Londoner Oberschicht, aber er findet sich mit großer Wonne auch in der englischen Provinz zurecht, kann sich als Mann des Volkes geben in abgelegenen Städten, wo es kaum Hoffnung gibt, wie Hull oder Carlisle.

Johnson zitiert zu Hause gern Ovid, aber auf den Marktplätzen, oder dem, was der wirtschaftliche Niedergang des Nordens davon übrig gelassen hat, mampft er mit großem Eifer Bangers mit Mash, fette Bratwürste mit Kartoffelbrei.

Die Brexit-Kampagne wurde Johnsons neuestes volkstümliches Spielzeug. Er hat sich der Bewegung bemächtigt, wie ein Investor einer fremden Firma. Nur, dass es keine feindliche Übernahme war, sondern eine freundliche. Die Freaks brauchten Johnson dringend.

Nun ist er am Ziel. Er hat die Wut der Abgehängten außerhalb der Hauptstadt gebündelt und er hat dabei hoch gepokert. Wahrscheinlich viel zu hoch, jedenfalls klang seine erste Stellungnahme nach der langen Nacht des Entsetzens der meisten Kontinentaleuropäer, als wolle er sein Land auf schwere Zeiten einschwören.

"No time for haste" , sagte Johnson, sei es nun. "Keine Zeit für Hast", das klingt wie der Wunsch, durch Verhandlungen doch den tiefen Fall noch abwenden zu wollen.

Johnson wird die Insel und ihre Bewohner viel Geld kosten. Damals im Bullingdon Club von Oxford, randalierte Johnson mit seinen Mitstreitern aus der Upper Class manchmal in den Restaurants, die sie besuchten. Sie zertrümmerten das Geschirr und das Mobiliar, warfen das Essen an die Wand und am nächsten Tag bezahlten sie gewissenhaft in Pfund für ihren Vandalismus.

Dieses Mal ist es anders. Das ganze Land wird die Rechnung für Johnsons Wahnwitz übernehmen müssen. Und am teuersten wird er womöglich jene Abgehängten zu stehen kommen, die Johnson gewählt haben.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.