Was der Personalcoup mit Ursula von der Leyen über die Kanzlerin verrät Zocken statt Zittern

Von Michaela Bürger
Merkel kam mit "ihrem" Kandidaten für das Amt des EU-Kommissionspräsident nicht durch, dann schickte sie überraschend Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ins Rennen - und gewann

Merkel kam mit "ihrem" Kandidaten für das Amt des EU-Kommissionspräsident nicht durch, dann schickte sie überraschend Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ins Rennen - und gewann

Foto: John MacDougall/ AFP

Das große Zittern! Was wurde in den vergangenen Wochen nicht alles über Angela Merkels Gesundheit geschrieben. Ihre Fans machten sich wegen ihrer Zitteranfälle bei öffentlichen Auftritten große Sorgen, ihre Gegner twitterten schon vom Ende einer Ära, weil die Konstitution der Bundeskanzlerin von der gewohnten Robustheit abwich. Gabor Steingart schrieb, dass "man die Kanzlerin vor sich selbst schützen müsse" und die Grünen forderten sogar ihren Rücktritt, um sich gleich danach wieder zu entschuldigen.

Michaela Bürger

Michaela Bürger ist Inhaberin der gleichnamigen Unternehmensberatung  und Expertin für Visions-, Strategie-, Struktur- und Führungsfragen in einer digitalen Welt. Mit ihrem Team unterstützt sie sowohl Konzerne wie auch inhabergeführte Mittelständler. Zudem ist sie als Rednerin und Autorin tätig.

Es war skurril und beklemmend zugleich - in jedem Fall aber war es höchst bemerkenswert, wie eben diese Politikerin nur wenige Tage später ihre Fähigkeiten demonstrierte. Die "Extrameile" ist immer noch drin - geistig, körperlich und vor allen Dingen mit einer sozialen und machtpolitischen Intelligenz, die verblüffend ist. Auf einem EU-Gipfel, den viele bereits als gescheitert ansahen, setzte sie einen Kompromissvorschlag durch, die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen an die Spitze der EU-Kommission bringen dürfte. Scheinbar ganz ohne Mühe und mit höchster Effizienz. Und ohne jedes Wackeln oder Zittern.

Es war ein Merkel-Coup, wie wir ihn von der Kanzlerin kennen: Sie interagiert geschmeidig und einfühlsam. Kooperativ und klar. Ihre Macht setzt sie nur dann bewusst ein, wenn sich deren Wirksamkeit entfalten und das anvisierte Ziel erreicht werden kann.

Diplomatisches Kunststück à la Adenauer

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Von Niedersachsen an die EU-Spitze: Ursula von der Leyens bemerkenswerte Karriere

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In der Fachsprache spricht man vom "sozialisierten Machtgebrauch", das heißt die Macht qua Amtes oder Persönlichkeit dann einzusetzen, wenn die dadurch erarbeiteten Lösungen und Ziele für den Großteil der Beteiligten als sinnvoll und richtig erachtet werden. Merkel machte aus einem zunächst kaum zu lösenden Besetzungsstreit zwischen 28 EU-Staaten ein einstimmiges Votum der Staats- und Regierungschefs - in nicht einmal 48 Stunden.

Um dieses Verhalten zu leben, braucht es eine hohe Selbstverantwortung, eine klare innere Haltung sowie ein Gespür für das Machbare und den Gegenüber. Im Ergebnis ergibt dies eine strategische Machtkompetenz, mit der Angela Merkel einen klaren Führungsanspruch Deutschlands innerhalb Europas vertrat sowie mit Klugheit und Bedacht das maximal mögliche Ergebnis erreichte.

Wenn das EU-Parlament zustimmt, würde die Position des EU-Kommissionspräsidenten erstmals seit 1958, als Walter Hallstein diese innehatte, wieder aus Deutschland besetzt. Damit wäre Merkel ein diplomatisches Kunststück gelungen wie bisher nur Konrad Adenauer. Mit Ursula von der Leyen hätte sie aus machtpolitischer Sicht eine loyale Person an einer der wichtigsten europäischen Schaltstellen positioniert, über die sie als Bundeskanzlerin noch mehr Einfluss auf die Arbeit der EU-Kommission nehmen könnte.

Söder auf Distanz gehalten

Ein innenpolitischer Nebeneffekt wäre, dass die Position unionsintern durch die CDU besetzt würde, nicht durch die CSU wie mit Spitzenkandidat Manfred Weber ursprünglich geplant. Damit begänne der "deutsche Draht" nach Brüssel weiterhin im Berliner Kanzleramt - und nicht in der Münchner Staatskanzlei. So wird ein potentieller Kanzleraspirant Markus Söder machttaktisch auf Distanz gehalten.

Diese Art von Führungs- und Streuungsverhalten hat durchaus System und kann Geschichte schreiben. Sie ist das Kennzeichen einer starken Persönlichkeit, für die es keine Probleme gibt sondern ausschließlich Herausforderungen.

1991 wurde Angela Merkel erstmals Ministerin, 2005 Bundeskanzlerin. Nun steht sie kurz davor, das wichtigste Amt der EU mit einer anderen Frau zu besetzen, die auch noch in Brüssel geboren wurde und unter anderem fließend Französisch spricht. Dieser Umstand trug übrigens nicht unwesentlich zur Meinungsbildung des französischen Präsidenten bei, der neben Merkel und Tusk wohl entscheidend an der "kreativen" Lösung mitgewirkt hat, die "fröhlich" angegangen wurde.

Macht ohne Machtdemonstration

Wenn es Ursula von der Leyen gelingt, die EU-Parlamentarier von sich zu überzeugen, wäre Merkel ein machtpolitisches Meisterstück gelungen, ohne Macht im klassischen Sinne zu demonstrieren. Die Bundeskanzlerin wurde angegriffen, ausgegrenzt, angefeindet - und hat trotzdem ihr Ziel erreicht. Sie hat eine Frau an die Spitze Europas gehievt, dem ursprünglichen Kandidaten Manfred Weber einen respektablen Interimsjob auf Ratsebene verschafft, die Achse Berlin - Paris erkennbar gestärkt.

Frankreich stellt künftig mit Christine Lagarde die EZB-Präsidentin und hat damit wesentlichen Einfluss auf die Geldpolitik im Euro-Raum. Deutschland kann die EU-Kommission noch stärker prägen als bisher. Diese neue Machtkonstellation ist auch ein Vorgeschmack auf die Zeit nach dem Brexit sollte er tatsächlich eines Tages vollzogen werden.

Wie macht Angela Merkel das?

Ich muss jederzeit wissen, erfragen und spüren, was die Befindlichkeiten und die Motive der Anderen sind und gleichzeitig die Oberhand behalten. So könnte eines der inneren Mantras lauten, welchem die Bundeskanzlerin, bei den zähen, vielschichtigen und von personalisierten Machtmotiven sowie von parteipolitischen Befindlichkeiten getriebenen Verhandlungen um die Wahl des EU-Kommissionspräsidenten, gefolgt ist.

Intelligenz entscheidet, nicht Stärke

Ein anschauliches Beispiel in Sachen Machtausübung lieferte vor einigen Jahren eine Gruppe von 40 Schimpansen im Tai Nationalpark an der Elfenbeinküste, die von einer Forschergruppe des Max-Planck-Instituts beobachtet wurde. Am 8. März 2016 starb das Alphatier und die Forscher stellten sich die Frage, welcher Schimpanse wann und wie nach der Macht greifen würde. Über jeden der potentiellen Nachfolger gab es Verhaltensdaten, gesammelt über zum Teil jahrzehntelange Beobachtung.

Jacob: maskulin, stark, mächtig, impulsiv.

Ibrahim: klein, abwartend. Einer, der nicht nur weiß, was er selbst will, sondern auch, was die anderen wollen.

Kuba: ein freundlicher, zugänglicher Typ, Muskeln wie Jacob, ausgeglichen wie Ibrahim. Einer, der sich nicht in den Vordergrund drängt.

Zur Verblüffung der Forscher geschah - nichts. Keiner der drei männlichen Affen erkämpfte sich die Führungsrolle - ein Machtvakuum entstand, das Tage, Wochen, Monate dauerte. Zunächst breitete sich im Stamm Gelassenheit und Freiheit aus. Aber das System zum Schutz vor Angriffen anderer Stämme wurde immer fragiler, die Nahrungssuche geriet ins Wanken. Die Stresswerte im Urin der Männchen waren deutlich erhöht, stets war eine latente Unruhe und Unzufriedenheit zu spüren.

Am 23. Dezember 2016, knapp neun Monate nach dem Tod des Anführers, griff Jacob plötzlich Kuba an. Der Machtkampf hatte begonnen. In diesem Moment griff Ibrahim, beiden an körperlicher Stärke unterlegen, sozial intelligent ein - und am Ende war er der neue Herrscher.

Was die SPD noch lernen muss

Übertragen auf die menschliche Gesellschaft lässt sich daraus ableiten: Macht muss ausgeübt werden, wenn es notwendig ist, um Ordnung, System und Orientierung zu schaffen. Nur so funktioniert Gemeinschaft, nur so können sich Gesellschaften positiv weiterentwickeln, nur so fühlen wir uns sicher und gut vertreten, ohne zu viel Autonomie aufgeben zu müssen.

Angela Merkel hat zum richtigen Zeitpunkt eingegriffen und versucht, ein maximales Ergebnis für ein vereintes und stabiles Europa zu erzielen. Ein machtpolitisches und diplomatisches Glanzstück, das offensichtlich die SPD nicht zu würdigen weiß. Sie blockierte die Nominierung im Bundeskabinett, so dass sich Angela Merkel bei der Abstimmung auf dem EU-Gipfel enthalten musste. Dabei gibt es jenseits ideologischer Befindlichkeiten seitens der SPD offenbar gar keine Grundlage im Koalitionsvertrag für ihr kategorisches Nein. Der Präsident oder die Präsidentin der Kommission wird - anders als die übrigen EU-Kommissare - nicht von den nationalen Regierungen benannt, sondern vom Europäischen Rat. Also, wo ist das Problem?

In Bezug auf die politische und soziale Intelligenz sollten wir die SPD allerdings noch nicht aufgegeben. In einem Interview in der Zeitschrift "Myself" zählte Juso-Chef Kevin Kühnert kürzlich sieben Frauen auf, die sein Leben verändert hätten. Unter ihnen Regine Hildebrandt, die niemandem gefallen wollte und dadurch unangreifbar war. Die Rallyefahrerin Jutta Kleinschmidt, die in einer Männerdomäne erfolgreich Tabus bricht. Und die kleine Hexe von Kinderbuchautor Ottfried Preußler, eine unangepasste und mutige Figur. Okay, Frau Merkel war nicht unter den sieben, aber bezogen auf die von ihm bewunderten Eigenschaften, müsste Herr Kühnert das Verhalten von Angela Merkel eigentlich wertschätzend unterstützen.

Michaela Bürger ist Beraterin für Führungskräfteentwicklung und Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt ihr Kommentar nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.

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