Samstag, 7. Dezember 2019

Was der Personalcoup mit Ursula von der Leyen über die Kanzlerin verrät Zocken statt Zittern

Merkel kam mit "ihrem" Kandidaten für das Amt des EU-Kommissionspräsident nicht durch, dann schickte sie überraschend Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ins Rennen - und gewann
John MacDougall/ AFP
Merkel kam mit "ihrem" Kandidaten für das Amt des EU-Kommissionspräsident nicht durch, dann schickte sie überraschend Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ins Rennen - und gewann

3. Teil: Intelligenz entscheidet, nicht Stärke

Ein anschauliches Beispiel in Sachen Machtausübung lieferte vor einigen Jahren eine Gruppe von 40 Schimpansen im Tai Nationalpark an der Elfenbeinküste, die von einer Forschergruppe des Max-Planck-Instituts beobachtet wurde. Am 8. März 2016 starb das Alphatier und die Forscher stellten sich die Frage, welcher Schimpanse wann und wie nach der Macht greifen würde. Über jeden der potentiellen Nachfolger gab es Verhaltensdaten, gesammelt über zum Teil jahrzehntelange Beobachtung.

Jacob: maskulin, stark, mächtig, impulsiv.

Ibrahim: klein, abwartend. Einer, der nicht nur weiß, was er selbst will, sondern auch, was die anderen wollen.

Kuba: ein freundlicher, zugänglicher Typ, Muskeln wie Jacob, ausgeglichen wie Ibrahim. Einer, der sich nicht in den Vordergrund drängt.

Zur Verblüffung der Forscher geschah - nichts. Keiner der drei männlichen Affen erkämpfte sich die Führungsrolle - ein Machtvakuum entstand, das Tage, Wochen, Monate dauerte. Zunächst breitete sich im Stamm Gelassenheit und Freiheit aus. Aber das System zum Schutz vor Angriffen anderer Stämme wurde immer fragiler, die Nahrungssuche geriet ins Wanken. Die Stresswerte im Urin der Männchen waren deutlich erhöht, stets war eine latente Unruhe und Unzufriedenheit zu spüren.

Am 23. Dezember 2016, knapp neun Monate nach dem Tod des Anführers, griff Jacob plötzlich Kuba an. Der Machtkampf hatte begonnen. In diesem Moment griff Ibrahim, beiden an körperlicher Stärke unterlegen, sozial intelligent ein - und am Ende war er der neue Herrscher.

Was die SPD noch lernen muss

Übertragen auf die menschliche Gesellschaft lässt sich daraus ableiten: Macht muss ausgeübt werden, wenn es notwendig ist, um Ordnung, System und Orientierung zu schaffen. Nur so funktioniert Gemeinschaft, nur so können sich Gesellschaften positiv weiterentwickeln, nur so fühlen wir uns sicher und gut vertreten, ohne zu viel Autonomie aufgeben zu müssen.

Angela Merkel hat zum richtigen Zeitpunkt eingegriffen und versucht, ein maximales Ergebnis für ein vereintes und stabiles Europa zu erzielen. Ein machtpolitisches und diplomatisches Glanzstück, das offensichtlich die SPD nicht zu würdigen weiß. Sie blockierte die Nominierung im Bundeskabinett, so dass sich Angela Merkel bei der Abstimmung auf dem EU-Gipfel enthalten musste. Dabei gibt es jenseits ideologischer Befindlichkeiten seitens der SPD offenbar gar keine Grundlage im Koalitionsvertrag für ihr kategorisches Nein. Der Präsident oder die Präsidentin der Kommission wird - anders als die übrigen EU-Kommissare - nicht von den nationalen Regierungen benannt, sondern vom Europäischen Rat. Also, wo ist das Problem?

In Bezug auf die politische und soziale Intelligenz sollten wir die SPD allerdings noch nicht aufgegeben. In einem Interview in der Zeitschrift "Myself" zählte Juso-Chef Kevin Kühnert kürzlich sieben Frauen auf, die sein Leben verändert hätten. Unter ihnen Regine Hildebrandt, die niemandem gefallen wollte und dadurch unangreifbar war. Die Rallyefahrerin Jutta Kleinschmidt, die in einer Männerdomäne erfolgreich Tabus bricht. Und die kleine Hexe von Kinderbuchautor Ottfried Preußler, eine unangepasste und mutige Figur. Okay, Frau Merkel war nicht unter den sieben, aber bezogen auf die von ihm bewunderten Eigenschaften, müsste Herr Kühnert das Verhalten von Angela Merkel eigentlich wertschätzend unterstützen.

Michaela Bürger ist Beraterin für Führungskräfteentwicklung und Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt ihr Kommentar nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.

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