Abhängigkeit von Russlands Gas "Bei einem Gas-Embargo drohen der Industrie Zwangsabschaltungen"

Kann Deutschland ohne russisches Gas auskommen? Energieexperte Hanns Koenig fürchtet schwerwiegende Folgen. Privathaushalte könnten mit Einschränkungen leben, doch der Industrie drohe ein brutaler Umbruch.
Das Interview führte Helmut Reich
Neue Emissionen zur Senkung der Gasnachfrage?: Bei einem Wegfall der russischen Gaslieferungen könnte es zu einer Renaissance von Atom- und Kohlekraftwerken kommen.

Neue Emissionen zur Senkung der Gasnachfrage?: Bei einem Wegfall der russischen Gaslieferungen könnte es zu einer Renaissance von Atom- und Kohlekraftwerken kommen.

Foto: Patrick Pleul/ dpa

manager magazin: Herr Koenig, können wir ohne russisches Gas auskommen?

Hanns Koenig: Das würde wohl gehen, es würde aber sehr knapp werden. Ein Wegfall der russischen Energieimporte würde große Anstrengungen erfordern - sowohl auf der Angebots- wie auch auf der Nachfrageseite. In Europa kommt etwas mehr als ein Drittel des benötigten Gases aus Russland, in Deutschland liegt der Anteil ungefähr bei der Hälfte, hier ist die Abhängigkeit als deutlich höher. Sollte das plötzlich wegfallen, wird es natürlich schwierig.

Ist ein Energie-Boykott des Westens wahrscheinlicher oder dreht Russland Europa doch noch das Gas ab?

Die höhere Wahrscheinlichkeit liegt aus meiner Sicht bei einem Boykott der westlichen Länder. Denn wenn Russland vorgehabt hätte, als Reaktion auf die Sanktionen seine Gasflüsse einzustellen, dann wäre das schon längst geschehen. Die Diskussion über ein westliches Embargo wird aber weitergehen und wohl auch noch lauter werden.

Was bedeutet es für Russland, wenn der Westen seine Abhängigkeit von Russlands Gas reduziert?

Russland stünde dann sofort massiv weniger Geld zu Verfügung, um den Krieg gegen die Ukraine zu finanzieren und die Auswirkungen der vielen Sanktionen auf die Wirtschaft abzufedern. Aktuell hat Russland zudem die Exporteure dazu verpflichtet, 80 Prozent ihrer Erlöse sofort in Rubel umzutauschen, um die Währung zu stützen. Ohne diese Maßnahme wäre der Rubel schon längst noch viel tiefer abgestürzt. Sollte es also weniger Erlöse aus Energieexporten geben, würde auch dieser Hebel der russischen Regierung wegfallen. Und langfristig könnte der Westen sich natürlich weniger abhängig und damit weniger angreifbar machen. Das wäre mit Blick auf die Zukunft sicherlich hilfreich.

Es fehlen aber noch die Alternativen zu Energieimporten aus Russland. Hat die Politik zu lange gezögert?

Aus heutiger Sicht ist das offensichtlich der Fall. Das Prinzip der deutschen Russlandpolitik der vergangenen 15 bis 20 Jahre hieß ja immer "Wandel durch Handel". Doch trotz der relativ engen wirtschaftlichen Beziehungen hat sich nun politisch nichts zum Guten geändert. Anstatt also Nord Stream 2 zu bauen wäre es sinnvoller gewesen, frühzeitig in LNG-Terminals zu investieren, die uns jetzt nämlich fehlen.

Nun sollen diese Terminals aber gebaut werden.

Aktuelle Ankündigungen, LNG-Terminals wie in Brunsbüttel mit Unterstützung der KfW zu bauen, bringen kurzfristig nichts, denn diese werden erst 2026 in Betrieb gehen können. Trotzdem ist das auf lange Sicht sinnvoll. Kurzfristig sind wir darauf angewiesen, die Terminals unserer Nachbarstaaten wie Niederlande und Frankreich zu nutzen. Doch auch diese Importe würden nicht ausreichen, um den gesamten fehlenden Gasbedarf zu ersetzen.

"Wir sollten jeden noch so kleinen Hebel aktivieren, mit dem wir die Nachfrage senken können."

Es gibt verstärkt Forderungen, Atom- und Kohlekraftwerke zu erhalten oder sogar wieder zu aktivieren.

Das betrifft die Gasnachfrageseite. Hier muss man sich klarmachen, dass nur rund 20 Prozent der deutschen Erdgasnachfrage aus dem Stromsektor kommen. Etwa die Hälfte wird für die Raumwärme, also das Heizen, benötigt, der Rest von der Industrie. Hinzu kommt, dass mehr als die Hälfte der Gasnachfrage aus dem Stromsektor durch Kraft-Wärme-Kopplung entsteht – da macht der Ersatz durch ein Atomkraftwerk also gar keinen Sinn. Der Hebel, den man stromseitig hat, ist also nicht besonders groß. Trotzdem müssen wir darüber nachdenken, Atom- oder Kohlekraftwerke zu aktivieren. Denn sollte es wirklich zu einem Gaslieferstopp kommen, wird es im kommenden Winter ohne russisches Gas verdammt knapp. Und dann sollten wir jeden noch so kleinen Hebel aktivieren, mit dem wir die Nachfrage senken können.

Es gibt auch Reservekraftwerke – gehen diese nur im Notfall ans Netz?

Wir haben in Deutschland knapp 10 Gigawatt an Kraftwerken, die sich in verschiedenen Reserven befinden. Sie sind eigentlich dafür gedacht, die Netzstabilität zu erhalten oder um Knappheitssituationen wie die "kalte Dunkelflaute", in denen regelbare Leistung am Strommarkt knapp wird, abzufedern. Es wäre zu überlegen, ob man diese Reserven nicht auch dafür nutzen kann, um die Gasnachfrage zu senken, auch wenn das natürlich kurzfristig zu weiteren Emissionen führen würde.

Am meisten Gas wird für das Heizen benötigt. Welche Rolle spielen die Privathaushalte?

Hier gibt es die Faustregel, dass mit einem Grad weniger Raumtemperatur 6 Prozent Gasverbrauch eingespart werden können. Würden also alle Haushalte und Büros im nächsten Winter zwei Grad weniger heizen, könnte man hier wahrscheinlich 12 Prozent Gas einsparen, umgerechnet auf den gesamten deutschen Gasverbrauch also etwa 6 Prozent.

Dann müssten sich die Menschen in Deutschland warm anziehen ...

Das wäre schon ein großer Hebel, doch sicherlich ist das nur schwer umzusetzen. Vor diesem Hintergrund wäre es – zeitlich befristet und als Sondermaßnahme – wichtig, über Kohlereservekraftwerke und die Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken nachzudenken.

Und wie schätzen Sie die Situation der Industrie ein, wenn kein Gas mehr aus Russland kommt?

Die Industrie hätte bei einem Stopp der Gaslieferungen aus Russland zwei Probleme. Zum einen, weil die Preise vermutlich extrem ansteigen würden, und es sich für viele Unternehmen dann nicht mehr lohnen würde, zu produzieren. Zum anderen könnte es zu Zwangsabschaltungen kommen. Die Privathaushalte sind dagegen geschützt, doch in der Industrie kann es zu staatlich verordneten Abschaltungen kommen. Da dies potenziell sehr starke volkswirtschaftliche Schäden haben kann, sollten wir also jetzt alles in Bewegung setzen, um die Gefahr dieser Abschaltungen zu minimieren.

Zusätzlich zum Gas wird auch über einen Stopp der Ölimporte aus Russland diskutiert.

Neben Gas exportiert Russland in großem Umfang auch Öl, Kohle und Uran. Dabei sind vor allem Öl und Kohle globalere Märkte als Gas. Denn Russland exportiert sein Gas ja überwiegend durch Pipelines, diese kann man nicht so schnell ersetzen und plötzlich sagen, okay, dann exportieren wir eben nach China. Bei Kohle und bei Öl ist das anders, denn hier werden große Mengen per Schiff gehandelt. Würde man im Westen also Öl aus Russland boykottieren, würden sich viel einfacher andere Abnehmer finden.

Welche Rolle spielen in diesem Szenario die erneuerbaren Energien?

Hier sind wir in den vergangenen Jahren leider deutlich hinter unseren Ausbauzielen zurückgeblieben, was besonders an den Genehmigungsprozessen liegt. Das rächt sich nun. Mit Blick auf die derzeitige Krise lässt sich hier aber keine große Wirkung erzielen, denn der Bau eines Windparks dauert zu lange. Hier über die schon laufenden Projekte hinaus weitere Zubauten zu schaffen, die uns im kommenden Winter in einem signifikanten Umfang helfen könnten, ist nicht realistisch. Trotzdem ist es wichtig, die erneuerbaren Energien auszubauen, um mittel- und langfristig unsere energiepolitische Unabhängigkeit zu stärken.

"Es wird entweder einen 'relativ normalen' Winter geben, oder wir erleben einen Winter mit sehr großen Problemen."

Wie schaut Ihre Prognose für den kommenden Winter aus?

Alles hängt davon ab, ob die Erdgasflüsse zum Erliegen kommen. Aktuell sehen wir Gaspreise, die völlig jenseits von Gut und Böse liegen – derzeit etwa beim Zehnfachen des eigentlichen Normalpreises. Da werden also schon eine Knappheit und vielleicht sogar ein möglicher Lieferstopp eingepreist. Derzeit gibt es dafür allerdings keine Anzeichen, die Gaszuflüsse aus Russland sind aktuell sogar höher als noch vor ein paar Wochen. Es ist relativ binär: Entweder gehen die russischen Gasflüsse weiter, dann haben wir zwar relativ hohe Preise, aber es gibt keine physische Verknappung. Oder der Gaszufluss aus Russland stoppt, dann laufen wir in eine Situation herein, in der wir jede mögliche Angebotsmöglichkeit mobilisieren und zudem die beschriebenen schmerzhaften Maßnahmen ergreifen müssen, um die Nachfrage zu senken.

Das bedeutet?

Es wird also entweder einen "relativ normalen" Winter geben, oder wir erleben einen Winter mit sehr großen Problemen – dazwischen gibt es nicht viele Möglichkeiten.