Mittwoch, 29. Januar 2020

Brexit und die Wirtschaft Der Abstieg hat begonnen

May, Johnson: Der britische Ausstieg ist eine Tragödie

Großbritannien bekommt inzwischen die Folgen des anstehenden EU-Ausstiegs zu spüren. Die Wirtschaft lahmt, die Preise steigen. Lässt sich der Brexit doch noch rückgängig machen?

Im Englischen gibt es ein paar deutsche Lehnworte, die ein nicht eben schmeichelhaftes Licht auf uns werfen. Schadenfreude gehört dazu. Ebenso Katzenjammer. Und natürlich Angst. All diese Worte sind fehl am Platz, wenn es um den Brexit geht.

Der britische Ausstieg aus der EU ist eine Tragödie. Ein politisches Schockereignis, das eigentlich nie hätte stattfinden dürfen. Doch so wird es wohl geschehen: Mit knapper Mehrheit per Volksabstimmung bei geringer Wahlbeteiligung entschieden, ist Britannien auf dem Weg, die EU zu verlassen. Etwa die Hälfte der Verhandlungsfrist ist bereits verstrichen. Was am Ende dabei herauskommt, ist offen.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Nach wie vor ist ein harter Brexit möglich, also ein Ausstieg Britanniens ohne Abkommen mit der EU - womöglich in heftigem Streit, mit offenen Rechnungen und zerbrochenem Porzellan. Aber immerhin: In der abgelaufenen Woche sind die Chancen auf eine freundschaftliche Trennung gestiegen. Der EU-Gipfel hat die Weichen gestellt, sodass die zweite Phase der Brexit-Verhandlungen beginnen kann.

Anderthalb Jahre sind seit dem Brexit-Referendum vergangen. Und allmählich wird sichtbar, dass die Ausstiegsgegner mit ihren Warnungen so falsch nicht lagen. Das wiederum könnte den Fortgang der Verhandlungen beeinflussen. Die Frage ist allerdings, wer in in den Augen der britischen Öffentlichkeit die Schuld zugewiesen bekommt, falls die Sache schiefgehen sollte - die EU-Freunde oder die Brexit-Befürworter.

The long way down

So ist die Lage: Die Stimmung in der Wirtschaft trübt sich zusehends ein. Kein anderes großes westliches Land leidet unter einer derart flauen wirtschaftlichen Entwicklung. Die Wachstumsrate wird sich gegenüber dem Vor-Referendum-Jahr 2015 im kommenden Jahr halbieren, prognostiziert die OECD. Lediglich um 1,2 Prozent soll die Wirtschaft 2018 zulegen - einen Prozentpunkt weniger als die Eurozone (achten Sie Dienstag auf den Ifo-Index für Deutschland).

Der Abstieg hat begonnen. Noch spüren die Briten nur wenig davon. Aber das ändert sich gerade.

Im Sommer war die Stimmung auf den Inseln noch äußerst aufgeräumt. 92 Prozent der Briten sagten, sie seien mit ihrem Leben zufrieden. 80 Prozent gaben an, ihre finanzielle Lage sei gut. So zeigt es die letzte Eurobarometer-Umfrage.

Doch nun zieht die Inflation an. Das Pfund ist schwach. Die Kaufkraft der Bürger stagniert; sie schränken sich ein, die Einzelhandelsumsätze sind zuletzt geschrumpft. Die Arbeitslosigkeit droht zu steigen. Die Unternehmen halten sich bei Investitionen zurück - wer weiß, ob man künftig noch in die kontinentalen Wirtschaftsstrukturen eingebunden sein wird.

(Etwas Ähnliches geschieht derzeit übrigens in Katalonien, wo Donnerstag gewählt wird und sich der Konflikt um eine mögliche Abspaltung von Spanien - und damit auch von der EU - verschärfen könnte. Seit Oktober haben angeblich bereits rund 3000 Unternehmen ihren Firmensitz aus der Region heraus verlagert.)

Was die Lage besonders wacklig macht: Großbritannien ist hoch verschuldet. Die Privatbürger schieben Verbindlichkeiten in Höhe von schwindelerregenden 140 Prozent ihrer verfügbaren Einkommen vor sich her. Die gesamte britische Wirtschaft lebt davon, dass sie Kapital aus dem Ausland importiert; in der Leistungsbilanz klafft eine stattliche Lücke von viereinhalb Prozent der Wirtschaftsleistung. Das heißt: Der Wohlstand des Vereinigten Königreichs basiert zum großen Teil auf dem Vertrauen ausländischer Investoren.

Dieses Vertrauen aber dürfte massiv leiden, wenn ein harter Brexit - ohne offenen Zugang zum EU-Binnenmarkt - Realität würde. Eine heftige Finanzkrise wäre dann wohl unausweichlich. Mark Carney, der Chef der britischen Notenbank, hatte vor dem Referendum auf diese Risiken hingewiesen - und wurde vom Brexiteer-Lager wüst beschimpft. Von Scaremongering (Bangemachen) war die Rede.

Wenn sich nun herausstellt, dass die Bangemacher recht hatten, ändert sich dann der politische Kurs in London womöglich? Macht Großbritannien sogar einen Rückzieher vom Rückzug - und stoppt das ganze Manöver? Bislang sieht es nicht danach aus.

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