Donnerstag, 19. September 2019

Vergreisung, Verarmung - und dennoch Widerstand gegen Zuwanderung Osteuropa braucht dringend Zuwanderer

Flüchtlinge in Budapest: Die meisten warten auf den nächsten Zug nach Deutschland - doch auch Ungarn täte gut daran, ein Migrationskonzept zu entwickeln

Vergreisung und Verarmung - für viele östliche EU-Länder sind das durchaus realistische Zukunftsaussichten. Nun könnte die Flüchtlingswelle helfen, dieses Schicksal abzuwenden. Aber wieder mal nutzt Europa seine Chancen nicht.

Ein paar Fakten vorweg: Nirgends auf der Welt verläuft der demographische Wandel so dramatisch wie in Osteuropa. Unter den zehn am stärksten schrumpfenden Nationen der Welt finden sich ausschließlich Staaten Ost- und Südosteuropas. Bis 2050 wird Polens Bevölkerung um 5,5 Millionen Menschen zurückgehen, Rumäniens um 4,3 Millionen, Bulgariens um zwei Millionen. Noch gravierender: Insbesondere der Anteil der Menschen im arbeitsfähigen Alter schrumpft rapide, wie aus der jüngsten Bevölkerungsvorhersage der Vereinten Nationen hervorgeht.

Warum nur wehren sich die Osteuropäer so vehement gegen Zuwanderung?

Fortschreitende Vergreisung bei zunehmender Verarmung - für weite Teile des östlichen Teils unseres Kontinents sind das durchaus realistische Aussichten. Bereits im nächsten Jahrzehnt dürfte diese Entwicklung spürbar werden. Die Auswirkungen lassen sich kaum überschätzen - ökonomisch, sozial, politisch.

Wenn die Bevölkerung binnen 35 Jahren um ein Drittel zurückgeht - wie es Kroatien, dem am schnellsten schrumpfenden EU-Land, bevorsteht -, dann droht auch der bescheidene Wohlstand der verbleibenden Bewohner zu verfallen. Heftige Verteilungskämpfe inklusive.

Migranten draußen halten: Nicht nur Polen, Ungarn und Kroatien liegen falsch

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.
Angesichts derart trüber Aussichten ist es ein folgenschwerer Fehler, dass die östlichen EU-Staaten Zuwanderer möglichst draußen halten wollen. Dass sie die großen Zahlen von Kriegsflüchtlingen und Asylbewerbern nicht als Chance für sich betrachten. Dass sie sich einfach in die demographische Falle treiben lassen.

Gefordert sind nicht nur die osteuropäischen Länder. Auch die EU insgesamt ist weit von einer vernünftigen Migrationspolitik entfernt. Sie sollte aufhören, über eine gerechte Verteilung von Lasten zu reden - schließlich geht es um die Aufnahme von Menschen aus Kriegs- und Armutsregionen. Statt dessen sollten die EU-Länder gemeinsam die sich daraus ergebenden Möglichkeiten nutzen.

Ganz Europa könnte seine demograhischen Strukturen verbessern, sein Wachstumspotenzial erhöhen, seinen Platz in der Welt sichern.

Stattdessen wehren sich die Regierungen von Budapest bis Tallinn gegen eine europäische Flüchtlingspolitik. Möglichst niemanden wollen sie aufnehmen, einige bemühen sich sogar um symbolträchtige Abschreckung. Schließlich, so erklärte Ungarns Premier Viktor Orban diese Woche, wollten die Migranten ja ohnehin alle nur nach Deutschland weiterreisen.

Dabei ist Ungarn ein gutes Beispiel für die heraufziehende osteuropäische Malaise.

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