EU-Sanktionen Wie ein Öl-Embargo Russland treffen würde

Die EU-Staaten arbeiten an einem weiteren Energie-Embargo gegen Russland. Nach der Kohle ist nun Öl an der Reihe. Der Kreml könnte sein Öl zwar nach Asien verkaufen, müsste dafür aber selbst einen hohen Preis bezahlen.
Über die Druschba-Pipeline kommt ein großer Teil des russischen Öls in der EU an: Ein Öl-Embargo würde Russland zu Transporten über See zwingen – das ist aufwendig und teuer

Über die Druschba-Pipeline kommt ein großer Teil des russischen Öls in der EU an: Ein Öl-Embargo würde Russland zu Transporten über See zwingen – das ist aufwendig und teuer

Foto: Patrick Pleul/dpa

Den Druck auf das Putin-Regime erhöhen: Nach dem bereits beschlossenen Kohle-Embargo prüfen die EU-Staaten ein Embargo für russisches Öl. Die USA haben als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg als erstes Land ein Importverbot für Öl verhängt. US-Präsident Joe Biden kündigte am 8. März an, keine Öllieferungen aus Russland in die USA mehr zu akzeptieren. Auch Großbritannien verabschiedet sich bis Ende des Jahres komplett vom russischen Öl. Wie Frankreichs Finanzminister am Dienstag mitteilte, sei ein Öl-Embargo der EU in Arbeit.

Sollten die EU-Staaten sich tatsächlich dazu durchringen, kein russisches Öl mehr zu beziehen, müsste Russland sich auf die Suche nach willigen Käufern abseits des Westens machen.

Bereits jetzt deutet sich an, dass asiatische Händler einspringen dürften. Während die Käufer in Nordwesteuropa sich selbst sanktionierten und den Handel mit Russland entsprechend zurückfahren, steigern Käufer in Asien ihre russischen Ölimporte, wie die Internationale Energieagentur (IEA) mitteilt.

Käufer in Asien steigern russische Ölimporte

Im Fokus stehen dabei Indien und China. Beide Staaten setzten ihre Handelsbeziehungen trotz des Krieges mit Russland fort. Vor allem Indien stockte seine Öl-Käufe auf, um von Rabatten für russisches Rohöl zu profitieren. Analysten erwarten, dass China als nächstes Land seine Einfuhren ausweitet und einen Teil der Lücke des Westens füllt. Die Volksrepublik ist mit 1,6 Millionen Barrel pro Tag der größte Abnehmer von russischem Rohöl. Zwar drückt die Null-Covid-Strategie des Landes derzeit die Ölnachfrage, jedoch könnte das Land durch die zusätzlichen Importe seine strategischen Reserven füllen.

Anstatt nach Europa müsste Russland dann also große Mengen seines Öls nach Asien transportieren. Doch so einfach lässt sich das Öl nicht einfach gen Osten umleiten. Ein großer Teil des EU-Imports russischen Öls kommt über die Druschba-Pipeline an. Ein Öl-Embargo würde Russland daher zu deutlich längeren und teureren Transportwegen für seine Rohöl-Exporte zwingen.

Russland braucht Riesentanker - und geeignete Häfen

Ohne eine neue Pipeline nach China müsste Russland sein Öl an die russischen Häfen umleiten und von dort aus verschiffen. Dafür sind Riesentanker nötig, sogenannte Very Large Crude Carrier (VLCC), die zwei Millionen Barrel pro Tour transportieren können und daher auf Langstrecken effizienter sind als kleinere Tanker. Die Riesentanker können jedoch nicht direkt an den russischen Schwarzmeer- und Ostseehäfen anlanden. Darin besteht laut Credit Suisse-Analyst Zoltan Pozsar das erste logistische Problem, wenn Russland sein Öl nicht nach Europa, sondern nach China verkauft. Die Häfen Primorsk und Ust Luga an der Ostsee seien nicht tief genug, um VLCCs anzudocken.

Neue Handelsrouten haben hohen Bedarf an Schiffen

Entsprechend muss das Öl zunächst in anderen Häfen von kleineren Schiffen, sogenannten Aframax, auf die großen Tanker umgeladen werden, bevor sie Kurs auf Asien nehmen können. Allein der Transfer vom kleineren auf größere Schiffe dauert laut Analyst Pozsar mehrere Wochen, die anschließende Reise nach Osten weitere zwei Monate. Zum Vergleich: Etwa ein bis zwei Wochen sind Aframax-Schiffe unterwegs, um das Öl von den russischen Ostseehäfen nach Europa zu transportieren.

Ein weiteres Problem liegt Pozsar zufolge in der Verfügbarkeit von Schiffen. Für einen Transport auf den neuen Handelsrouten werden viele Schiffe nötig sein, da diese nicht nur ein Produkt transportieren, das zuvor per Pipeline transportiert wurde, sondern auch, weil das Öl unterwegs noch umgeladen werden muss. Das Ergebnis: ein Mangel an Schiffen, der die Frachtraten in die Höhe treibt.

Von kleinem Schiff auf Supertanker: Öl-Umschlagplatz im Mittelmeer

Seit dem Ukraine-Krieg laden laut der Agentur Bloomberg  immer mehr Riesentanker russisches Rohöl von kleineren Schiffen im Mittelmeer und anderswo, wobei das Mittelmeer zum bevorzugten Ort für den Umschlag russischer Rohölladungen für den Transport nach Asien werden dürfte. Ein VLCC kann die Ladungen von drei kleineren Aframax aufnehmen. Die Frachtraten für Aframax im Mittelmeerraum legten im März bereits um mehr als 70 Prozent zu verglichen mit Januar, wie eine Analyse der OPEC aufzeigt.

Die hohen Transport- und Logistikkosten, die dabei entstehen, wird Russland wohl nicht einfach an die asiatischen Käufer weitergeben können. "China kennt die problematische Situation Russlands und wird den Preis für das Öl massiv drücken", sagt Artem Kochnev vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Wenn Russland noch Öl verkaufen wolle, dann sei das nur deutlich unter dem Marktpreis möglich.

Russland muss sein Ural-Rohöl bereits jetzt deutlich billiger verkaufen

Auch ohne ein europäisches Öl-Embargo muss der Kreml schon jetzt hohe Rabatte für sein Ural-Rohöl hinnehmen. Während die Differenz zwischen einem Barrel Rohöl der Sorte Brent und dem russischen Urals in vor dem Ukraine-Krieg oft nicht mehr als ein paar Dollar pro Tag betrug, vergrößerte sich der Abschlag für Urals Mitte April auf rund 35 US-Dollar.

Wie groß der Druck Russlands ist, Abnehmer zu finden, zeigte sich bereits in der vergangenen Woche. Russland wolle seine Öl und Ölprodukte an befreundete Länder in jeder Preisspanne verkaufen, sagte der russische Energieminister Nikolai Shulginow. Rohölpreise im Bereich von 80 bis 150 Dollar pro Barrel seien grundsätzlich möglich. Moskau konzentriere sich im Moment darauf, sicherzustellen, dass die Ölindustrie weiterhin funktioniere, so Interfax.

Steigende Frachtraten und ein Domino-Effekt

Die Folgen eines Öl-Embargos für die EU halten Fachleute dagegen für verkraftbar. Sie erwarten einen gewissen Domino-Effekt: Leiten die russischen Exporteure ihre Öllieferungen nach China um, würden in anderen Teilen der Welt Mengen frei, die wiederum nach Europa umgelenkt werden könnten. Außerdem könnten Ölförderländer wie die USA oder Saudi-Arabien ihre Produktion ausweiten, um fehlende Mengen aus Russland zu ersetzen.

Die westlichen Partner hätten zudem verschiedene Möglichkeiten, auch im Fall eines Embargos einen weiteren möglichen Anstieg der Ölpreise zu dämpfen. Dazu gehören die Freigabe von Ölreserven, Energieeinsparugen oder Restriktionen für Preisspekulationen an den Rohstoffbörsen. Zu spüren bekommen dürften die westlichen Länder jedoch die erhöhten Frachtraten, die wahrscheinlich durch die verstärkte Nachfrage Russlands nach Schiffen entstehen. Doch dies werden Kosten sein, die auch die russischen Ölunternehmen empfindlich treffen werden.