Gasversorgungslage angespannt Europa bekommt immer weniger russisches Gas

Seit Tagen fließt deutlich weniger russisches Erdgas durch die Ostseepipeline Nord Stream nach Deutschland. Neben Deutschland sind auch Italien, die Slowakei, Tschechien und Österreich betroffen. Frankreich wurde der Gashahn komplett zugedreht.
Russland reduziert weiter Gaslieferungen

Russland reduziert weiter Gaslieferungen

Foto: Patrick Pleul / ZB / dpa

Erstmals seit Ende März hat die Bundesnetzagentur in ihrem täglichen Bericht zur Gasversorgung die Lage als "angespannt" bezeichnet. "Die Gasversorgung in Deutschland ist im Moment aber stabil", schrieb die Behörde in ihrem am Freitagmittag veröffentlichten Bericht. Die Versorgungssicherheit in Deutschland sei derzeit gewährleistet.

Grund für die Neubewertung ist eine geringere Gasliefermenge durch die Ostseepipeline Nord Stream in den vergangenen Tagen. Dabei hatte der russische Staatskonzern Gazprom den Fluss auf 40 Prozent der Maximalleistung gedrosselt und dies mit Verzögerungen bei der Reparatur von Verdichterturbinen begründet.

Die Lieferung von russischem Erdgas nach Frankreich ist über eine Pipeline aus Deutschland ist zum Erliegen gekommen, meldete der Gasnetzbetreiber GRTgaz am Freitag. Die Gasversorgung von Frankreich werde dadurch aber nicht beeinträchtigt, und das Auffüllen der Speicher für den Winter gehe weiter, hieß es beschwichtigend. Angesichts eines ohnehin rückläufigen Gasverbrauchs habe die Einfuhr über die Pipeline seit Jahresbeginn bereits um 60 Prozent unter dem Vorjahresniveau gelegen. Die Pipeline sei zu 10 Prozent ausgelastet gewesen. Seit Mittwoch gelange durch sie keinerlei Gas mehr nach Frankreich. Verstärkt werde aber Gas über eine Pipeline aus Spanien eingeführt.

Selbst wenn Russland den Gashahn vollständig zudrehe, drohten in einem normalen Winter keine Probleme in Frankreich, hieß es. Bei einem harten Winter könne es Aufrufe zu sparsamer Nutzung, sowie eine eingeschränkte Belieferung mancher Industriekunden geben.

Erdgas für Frankreich untergeordnete Rolle

Für Frankreich spielt Erdgas aus Russland nur eine untergeordnete Rolle. Außer per Pipeline wird russisches Erdgas aber auch per Schiff eingeführt. Seit Jahresbeginn hat in Frankreich die Einfuhr von Flüssiggas um 66 Prozent zugenommen. Die Kapazitäten eines LNG-Terminals bei Marseille werden derzeit ausgebaut. Zusätzliche Kapazitäten sollen auch im Norden bei Dünkirchen und Le Havre geschaffen werden.

Einschränkungen bei den Gaslieferungen aus Russland erleben derzeit auch Deutschland, Österreich, Italien, Tschechien und nun auch für die Slowakei. Der teilstaatliche slowakische Gasversorger SPP bestätigte das am Freitag der Nachrichtenagentur TASR. Seit Freitag erhalte SPP aus Russland nur 50 Prozent der vertraglich vereinbarten Menge. Schon in den Tagen zuvor seien die Liefermengen schrittweise verringert worden und zwar am Dienstag um zehn Prozent, am Mittwoch um 15 Prozent und am Donnerstag um mehr als ein Drittel. Die Versorgung sei aber vorerst nicht gefährdet, die inländischen Speicher seien derzeit zu 52 Prozent gefüllt. Die Slowakei bezog bisher mehr als 80 Prozent ihres Gasbedarfs aus Russland. Bis 2009 waren es sogar hundert Prozent gewesen. Seither reduziert das EU-Land schrittweise seine Abhängigkeit und bereitet sich inzwischen auch auf die Möglichkeit vor, dass die Lieferungen aus Russland infolge des Kriegs in der Ukraine ganz ausfallen könnten.

Und auch Italiens teilstaatlicher Gasversorger Eni meldete ebenfalls am Freitag, Gazprom habe nur 50 Prozent der bestellten Liefermenge zusagt. Eigentlich habe Italien an diesem Tag 63 Millionen Kubikmeter Gas aus Russland bestellt. Schon in den vorigen Tagen waren die Gaslieferungen gedrosselt worden: am Mittwoch um 15 Prozent und am Donnerstag um 35 Prozent der bestellten Mengen.

Auch der tschechische Energieversorger CEZ ist von einer teilweisen Drosselung der Erdgaslieferungen aus Russland betroffen. Gazprom habe CEZ über eine Kürzung der Lieferungen informiert, teilte das Prager Unternehmen am Donnerstag mit. Es handele sich jedoch nur um einen kleineren Teil des Bedarfs, der nun durch Erdgas aus anderen Quellen gedeckt werde. Tschechien war nach Zahlen der EU-Statistikbehörde Eurostat-Zahlen im vergangenen Jahr komplett von russischem Erdgas abhängig. Aus Österreich wird ebenfalls eine Reduzierung der Liefermengen gemeldet, ebenso aus der Slowakei. Gänzlich eingestellt hat Gazprom die Lieferungen an Dänemark, Polen, Bulgarien, die Niederlande und Finnland, auch Shell erhält kein Gas mehr aus Russland.

Die Gaslieferungen an Deutschland drosselte Gazprom in dieser Woche zuletzt um 60 Prozent. Angesichts dieses rapiden Rückgangs rief Wirtschaftsminister Habeck erneut zum Energiesparen auf.

akn/sio/dpa/AFX