Öl, Gas und Kohle Abschied von russischer Energie – wie weit sind wir bereits?

Die Bundesregierung lehnt ein sofortiges Energie-Embargo gegen Russland weiterhin ab. Noch könne sich Deutschland nicht komplett vom russischen Öl und Gas trennen, heißt es. Doch die ersten Schritte sind getan: Ein Überblick zeigt, wie weit Deutschland seine Abhängigkeit von Russland bereits reduziert hat.
Die PCK in Schwedt bekommt Rohöl über die russische Druschba-Pipeline - noch: Für eine alternative Versorgung schaffen Unternehmen und Bundesregierung derzeit die technischen Voraussetzungen

Die PCK in Schwedt bekommt Rohöl über die russische Druschba-Pipeline - noch: Für eine alternative Versorgung schaffen Unternehmen und Bundesregierung derzeit die technischen Voraussetzungen

Foto: Patrick Pleul / dpa

Butscha, Borodjanka, Kramatorsk: Die Berichte über die Gräueltaten russischer Truppen an der ukrainischen Bevölkerung haben die Debatte über einen sofortigen Lieferstopp für russische Energie wieder aufleben lassen. Ein erstes Energie-Embargo haben die EU-Staaten inzwischen auf den Weg gebracht – jedoch mit vier Monaten Vorlaufzeit: Für russische Kohle gilt vom 10. August an ein Verbot für Importe in die EU. Was Öl und Gas angeht, wehrt sich Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (52) angesichts der befürchteten Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft weiterhin gegen einen sofortigen Einfuhrstopp.

Erst wenn Deutschland seine Abhängigkeit bei Gas, Öl und Kohle weiter reduziert habe, sei es folgerichtig, dieses auch festzuschreiben, "beispielsweise in Form von Sanktionen", sagte Habeck. Wie weit hat es Deutschland also geschafft, sich von russischer Energie zu trennen?

Am weitesten vorangeschritten ist die Bundesrepublik beim Lösen der Abhängigkeit von der russischen Kohle. Bereits Ende des Sommers sollte Deutschland nicht mehr auf Lieferungen des fossilen Brennstoffs aus Russland angewiesen sein, Ende des Jahres dann auch beim Öl.

Deutlich komplizierter ist die Lage beim Gas. Während die Bundesregierung beteuert, erst im Sommer 2024 vom russischen Gas unabhängig sein zu können, halten einige Wissenschaftler dies noch in diesem Jahr für möglich. Auch die Wirtschaftsweise Veronika Grimm plädiert im Interview mit manager magazin für einen rascheren Ausstieg und hält ein Gas-Embargo für "handhabbar". Der folgende Überblick zeigt, was schon erreicht wurde und welche Schritte noch ausstehen, bis Deutschland sich vollständig von russischen Energielieferungen verabschieden kann.

Ausreichende Mengen Steinkohle auf dem Weltmarkt vorhanden

Die russischen Steinkohleimporte machten vor der russischen Invasion in die Ukraine noch etwa 50 Prozent aus – inzwischen sind sie auf 25 Prozent zurückgegangen. Wie das Wirtschaftsministerium kürzlich in einem "Fortschrittsbericht Energiesicherheit" mitteilte, hat ein Großteil der Betreiber von Kraftwerken der öffentlichen Versorgung bereits den Einsatz russischer Kohle reduziert und wird bis zum Frühsommer gänzlich auf russische Steinkohle verzichten beziehungsweise den Anteil stark senken. Auch bei den großen industriellen Nutzern von Kohle, vor allem der Stahlindustrie, erfolge eine Umstellung der Lieferverträge, heißt es weiter in dem Bericht.

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Der EU-Import-Stopp trifft die deutschen Kohleimporteure nicht unvorbereitet. Bereits seit Herbst vergangenen Jahres sei es bei russischer Kohle zu Lieferengpässen gekommen, seitdem suchten der Handel und Verbraucher nach Alternativen, sagte Alexander Bethe, Vorstandsvorsitzender des Vereins der Kohlenimporteure. Vor dem Beschluss des Importverbots hatte Bethe gesagt, dass der vollständige Verzicht auf russische Kohle bis zum nächsten Winter möglich sein sollte. Das Bundeswirtschaftsministerium sprach in seinem Bericht von Herbst. Die russische Steinkohle kann laut Bethe durch Kohle aus anderen Ländern wie USA, Südafrika, Australien, Kolumbien, Mosambik und Indonesien ersetzt werden. Nach Angaben des Vereins sind auf dem Weltmarkt ausreichende Mengen vorhanden.

Da bei Steinkohle unterschiedliche Qualitäten leicht gemischt werden können, um technische Parameter zu erfüllen, ist Deutschland nicht von der russischen Kohle abhängig. So beschleunigt etwa der deutsche Energieriese EnBW gerade den Kohlebezug aus Lieferländern abseits von Russland. Der Konzern habe Bestände vorrätig, die bereits weit in das laufende Jahr reichten und insofern auch die Strom- und Wärmeversorgung der Kunden absichere, sagte das Unternehmen Anfang März.

Versorgung der Raffinerien Schwedt und Leuna bremsen Ersatz von russischem Öl

Beim Öl ist der Anteil der russischen Importe von 35 Prozent aus der Zeit vor dem Ukraine-Krieg auf rund 25 Prozent zurückgegangen. Noch in diesem Jahr könne Deutschland die russischen Ölimporte beenden, sagte Bundeskanzler Olaf Scholz am Freitag. Die Mineralölwirtschaft leitete in den vergangenen Wochen ein Ende der Lieferbeziehungen mit Russland ein, indem sie Verträge mit russischen Lieferanten auslaufen ließ oder nicht verlängerte und auf andere Lieferanten umstellt, heißt es im Fortschrittsbericht.

Anfang März hatte etwa der Ölkonzern Shell angekündigt, auf dem Spotmarkt kein weiteres Öl mehr zu kaufen und bestehende Lieferverträge nicht zu erneuern. Auch der Ölkonzern Total will für seine Raffinerie Leuna mit Ablauf dieses Jahres kein russisches Erdöl mehr kaufen. Zum einen schmälerte die Selbstsanktionierung des Marktes die russischen Öleinfuhren aus Russland, zum anderen trug der erschwerte Handel mit Russland etwa über Banken zu einem Rückgang der Importe bei.

Was den Fortschritt bremst, ist die Umstellung der Versorgung der Raffinerien PCK Schwedt und Leuna im Osten Deutschlands. Da sie ihr Rohöl bislang über Pipelines aus Russland beziehen, müssen sie über Häfen in Rostock und dem polnischen Danzig sowie per LKW und Zug aus dem Westen versorgt werden, um die Einfuhren aus Russland zu ersetzen. "Die Unternehmen und die Bundesregierung arbeiten aktuell mit Hochdruck daran, diese Voraussetzungen zu schaffen", schreibt das Bundeswirtschaftsministerium in seinem Bericht.

Auch die Abhängigkeit vom russischen Konzern Rosneft will Habeck lösen. Dazu prüft das Wirtschaftsministerium die fast vollständige Übernahme der PCK Raffinerie durch Rosneft. Laut Medienberichten wurde auch eine Verstaatlichung der deutschen Rosneft durchgespielt. Die Bundesregierung äußerte sich dazu bislang nicht. Drei Tage vor der russischen Invasion in der Ukraine hatte das Bundeskartellamt die Übernahme erlaubt. Rosneft dürfte demnach seine Beteiligung an der Raffinerie auf fast 92 Prozent aufstocken.

Für den Fall einer schweren Energiekrise will sich der Wirtschaftsminister als letztes Mittel Enteignungen von Energiefirmen jedoch vorbehalten. Eine geplante Novelle des Energiesicherungsgesetzes, die am Dienstag in die Ressortabstimmung ging, sieht vor, dass im Krisenfall Unternehmen als Betreiber kritischer Energie-Infrastruktur unter treuhänderische Verwaltung gestellt werden können. Bislang ermöglicht das Gesetz der Regierung, im Krisenfall Maßnahmen zum Energiesparen wie autofreie Sonntage oder ein befristetes Tempolimit zu verordnen.

Gasversorgung: Schwimmendes LNG-Terminal könnte noch dieses Jahr in Betrieb gehen

Deutlich schwieriger ist es für Deutschland, sich bei der Gasversorgung von Russland unabhängig zu machen. Der russische Anteil an den Gaseinfuhren ist von 55 Prozent in den vergangenen Jahren auf inzwischen 40 Prozent gesunken. Nachdem Russland im Winter sein Angebot am Spotmarkt ausgesetzt hatte, wurden laut Bundeswirtschaftsministerium Erdgasimporte aus Norwegen und den Niederlanden sowie LNG-Importe "signifikant gesteigert". Anfang März beschloss die Bundesregierung, zusätzlich mindestens 700 Millionen Kubikmeter Gas über LNG-Terminals an der Nordsee zu importieren und in die deutschen Erdgasspeicher einzuspeisen.

Nach wie vor gibt es hierzulande keine LNG-Terminals, die den direkten Import des Flüssigerdgases ermöglichen. Zwar sind mehrere stationäre Terminals geplant. In Wilhelmshaven wird eine solche Anlage laut Energieministerium in Hannover aber frühestens ab 2025 betriebsbereit sein, in Brunsbüttel und Stade ist von spätestens 2026 die Rede. Der Bund drängt auf mehr Tempo bei den Plänen und beteiligte sich in dem Zuge für das Terminal in Brunsbüttel über seine Förderbank KfW mit 50 Prozent an der Betreibergesellschaft.

Ende dieses Jahres oder Anfang 2023 sollen schwimmende Anlande- und Speicherplattformen, sogenannte Floating Storage and Regasification Units (FSRU), zur Anlandung von LNG-Tankern in Betrieb gehen und aushelfen, bis die stationären Anlagen einsatzbereit sind. Die Bundesregierung hat dazu über die Unternehmen RWE und Uniper drei schwimmende Terminals optioniert. Die Unternehmen seien aktuell in den Vertragsverhandlungen über die Anmietung, heißt es im Fortschrittsbericht von Ende März. Die Anlagen verfügen jeweils über eine Kapazität von 9 bis 10 Milliarden Kubikmeter und könnten somit zusammen schrittweise bis Sommer 2024 die Hälfte der russischen Erdgaslieferungen ersetzen.

Zusammen mit Gaseinsparungen könnte Deutschland so seine Abhängigkeit von Russland beim Gas nach Auffassung der Bundesregierung 2024 lösen. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaft kommt dagegen zu dem Schluss, dass die Bundesrepublik schon im laufenden Jahr ohne russisches Erdgas auskommen kann. Möglich sein soll dies mit großen Einsparungen insbesondere in der Industrie sowie mit der Ausweitung von Gaslieferungen aus anderen Ländern soweit technisch möglich. Ähnlich äußert sich die Wirtschaftsweise Veronika Grimm, die russische Gaslieferungen für verzichtbar hält. Es sei wichtig, Putin die Haupteinnahmequellen zur Finanzierung seines Angriffskrieges zu entziehen. Da die Hälfte der russischen Gaslieferungen durch Einsparungen kompensiert werden könnte, seien Anreize zum Energiesparen nötig.

Als Lückenfüller für Russland springen die USA ein, die bereits zugesagt haben, noch in diesem Jahr gemeinsam mit internationalen Partnern 15 Milliarden Kubikmeter LNG nach Europa zu liefern. Noch verhandelt wird über Verträge mit Lieferanten aus Katar, seit Habeck mit dessen Emir eine langfristige Energiepartnerschaft vereinbarte. Auch Norwegen stellt mehr Flüssiggas in Aussicht und will mit Spezialschiffen helfen.

Um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten und sich weniger abhängig von Russland zu machen, übernahm der deutsche Staat zudem in einem bislang einmaligen Rechtsakt die Aufsicht über Gazprom Germania und damit über bislang von Russland geführte Teile der deutschen Gasversorgung. Habeck setzte die Bundesnetzagentur vorübergehend als Treuhänderin für die deutsche Tochter des russischen Staatskonzerns Gazprom ein. Der Konzern hatte zuvor angekündigt, sich von Gazprom Germania und deren Beteiligungen zurückzuziehen.

dri mit Nachrichtenagenturen