Digitalisierung des Gesundheitswesens "Es kann nicht mehr jede Klinik alles anbieten"

Noch in diesem Jahr sollen Rezepte und Patientenakten elektronisch werden, verspricht Gesundheitsminister Lauterbach. Jahrelang wurde die Modernisierung des Gesundheitswesens verschleppt, bis die Pandemie die Schwächen offenlegte. Wie krank ist das System wirklich? David Matusiewicz, Wirtschaftsprofessor und Experte für Medizinmanagement, erklärt, wo Reformen ansetzen sollten.

Das Interview führte Claus Gorgs
Operation im Krankenhaus: "Wir haben eindeutig zu viele Krankenhäuser"

Operation im Krankenhaus: "Wir haben eindeutig zu viele Krankenhäuser"

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa

manager magazin: Herr Prof. Matusiewicz, hat Deutschland das beste Gesundheitssystem der Welt, wie manche behaupten, oder sind wir hoffnungslos rückständig?

David Matusiewicz: Wir haben das beste analoge Gesundheitssystem der Welt – aber eben nicht digital. Da sind andere weiter, und genau das ist die Krux: Wir haben mehr Intensivbetten pro Einwohner als jedes andere Land, aber wir brauchen Soldaten zum Eintippen der Impfdaten. Da hat vieles nicht funktioniert, da gibt es noch viel Nachholbedarf.

Und Digitalisierung ist die Lösung?

Sie ist kein Allheilmittel, aber ein Teil der Lösung vieler Probleme, die wir schon seit Jahrzehnten haben. Digitalisierung kann helfen, das Pflegepersonal von Kontrollaufgaben und Routinetätigkeiten zu entlasten, sodass mehr Zeit für die Patienten bleibt. Mit einer elektronischen Patientenakte könnte sich jeder behandelnde Arzt sofort ein umfassendes Bild machen, stattdessen tragen wir immer noch CD-ROMs von einer Praxis zur anderen. An allen Schnittstellen könnten digitale Prozesse die Kommunikation vereinfachen. Es war zu Beginn der Pandemie ja nicht einmal möglich, die bundesweite Auslastung der Krankenhausbetten zu ermitteln.

Inzwischen schon.

Ja! Daran kann man sehen, wie schnell es gehen kann, wenn man die Bürokratie mal wegwischt und das tut, was nötig ist. Wer hätte vor Corona geglaubt, dass es in Deutschland möglich ist, in weniger als einem Jahr einen neuen Impfstoff zu entwickeln und zuzulassen? Also, ich nicht. Da ist die Pandemie ein echter Game Changer gewesen, dieses Momentum, diese Geschwindigkeit müssen wir beibehalten.

"Auch in der Pandemie haben die großen Häuser die Hauptlast getragen"

Viele Experten sagen, es gebe zu viele Kliniken in Deutschland. Hat nicht die Pandemie gezeigt, dass sie dringend gebraucht werden?

Wir haben eindeutig zu viele Krankenhäuser, allein hier in Essen sind es 14. Das ist weder medizinisch noch ökonomisch sinnvoll. Die Erfahrung zeigt, dass die Ergebnisse besser werden, je öfter ein bestimmter Eingriff durchgeführt wird, etwa eine Herzoperation. Deshalb brauchen wir Schwerpunktkliniken, die eine große Routine in ihrem Fachgebiet haben. Auch in der Pandemie haben die großen Häuser und Universitätskliniken die Hauptlast getragen, eben weil es dort die größte Expertise gibt.

Für Ballungszentren mag das stimmen, aber was ist mit der Versorgung in ländlichen Regionen?

Eine Grundversorgung muss überall gewährleistet sein, aber es kann nicht mehr jede Klinik alles anbieten. Wenn wir die Prozesse besser machen, müssen Patienten für bestimmte Behandlungen auch gar nicht mehr ins Krankenhaus. Nehmen Sie das Beispiel Diabetes: Künftig können Betroffene digital von zu Hause aus gemonitort werden, dadurch fallen viele Routinekontrollen weg. Ebenso beim Hautkrebs-Screening: Ob ein Muttermal potenziell gefährlich ist, lässt sich heute mithilfe künstlicher Intelligenz ermitteln: Man macht mit dem Smartphone ein Foto und die KI gibt binnen Sekunden die Rückmeldung, dass alles gut ist. Das entlastet auch den Patienten. Nur wenn der Befund kritisch ist, muss ein Arzt sich die Sache genauer anschauen.

Das klingt nach einer weiteren Ökonomisierung der Medizin.

Seien wir realistisch: Die Schere zwischen Ausgaben und Einnahmen im Gesundheitswesen geht immer weiter auseinander. Die Bevölkerung schrumpft und wird immer älter, gleichzeitig steigen die Kosten durch den technischen Fortschritt. Ökonomisierung bedeutet, ressourcenschonend zu arbeiten. Die Krankenhäuser sind heute mit einer Vielzahl von Aufgaben belastet, die auch digital oder ambulant erledigt werden können. Vor allem in den Städten benutzen viele Menschen die Notaufnahme inzwischen als Ersatz für den Hausarzt, weil sie immer geöffnet hat und man keinen Termin braucht. Das ist keine gute Entwicklung. Krankenhäuser sollten sich nur um schwerwiegende Fälle kümmern müssen.

"Es kann nicht mehr jede Klinik alles anbieten"

In Großbritannien gibt es ein staatliches Gesundheitssystem, dort lief in der Pandemie einiges besser als in Deutschland.

Das stimmt. Aber dann muss man auch dazu sagen, dass das britische NHS dem Patienten viel weniger Wahlmöglichkeiten bietet, als es hier in Deutschland der Fall ist. Die Erstanamnese erfolgt über eine Software, die einen dann den nächsten Arzt verweist, der gerade freie Termine hat. Freie Arztwahl, sich selbst den passenden Spezialisten suchen – all das gibt es in Großbritannien nicht. Wollen wir das? Für mich ist die Freiheit unseres Systems ein großer Vorteil, der schützenswert ist.

In unserem System gibt es immer mehr Herz- und Knieoperationen, weil die Kliniken damit am meisten Geld verdienen. Ist das sinnvoller?

Die in Deutschland üblichen Fallpauschalen führen dazu, dass Krankenhäuser nach Menge vergütet werden und Qualität keine Rolle spielt. Genau andersherum müsste es sein: Wir müssen für Qualität bezahlen. Kliniken, die aufgrund ihrer besonderen Erfahrung und Expertise beispielsweise Herzoperationen besonders erfolgreich durchführen, sollten auch mehr Geld dafür bekommen als andere.

Führt das nicht zwangsläufig zu mehr Konzentration und höheren Kosten?

Es führt zu einem Qualitätswettbewerb, und Wettbewerb macht das System besser. Nehmen Sie zum Beispiel die Krankenkassen: Seit Versicherte die Krankenkasse wechseln können, sind die Leistungen viel besser geworden.

Viele Krankenhäuser stammen noch aus dem vergangenen Jahrhundert und sind chronisch unterfinanziert. Können die im Wettbewerb mit Hightech-Kliniken überhaupt bestehen?

Viele Kliniken hinken bei der Ausstattung Jahrzehnte hinterher. Auch die Baukonzepte sind heute ganz andere, mehr Wellness-Oase als medizinische Versorgungsanstalt. Es werden gerade viele neue Krankenhäuser gebaut, aber es wird Jahre dauern, die medinische Infrastruktur zu erneuern. Hinzu kommt, dass die Preissetzung bei Medizintechnik sehr intransparent ist. Alles ist total überteuert. Ein MRT-Gerät, das eine Million Euro kostet, könnte wahrscheinlich bei 100.000 Euro liegen, wenn der Markt funktionieren würde.

Medizintechnik: "Alles ist total überteuert"

Was müsste passieren?

Krankenhäuser könnten Einkaufsgemeinschaften bilden und für mehr Preistransparenz sorgen. Außerdem müssten viele Prozesse schlanker und effizienter werden. Moderne Medizin ist teuer, und die Beitragssätze werden auch in Zukunft weiter steigen. Aber nur mehr Geld ins System zu pumpen, ist nicht die Lösung. Wir müssen auch mit Einsparungen an anderer Stelle gegensteuern.

Wo zum Beispiel?

Eine App, die einen durch das Gesundheitssystem leitet, könnte viel Bürokratie einsparen und so manchen Arztbesuch überflüssig machen – und gleichzeitig mehr Transparenz und Sicherheit für die Patienten schaffen. Apps können auch den Blutdruck messen oder Bewegungsübungen koordinieren. Arzneimittel oder Physiotherapien kosten vergleichsweise viel, die Grenzkosten für medizinische Apps sind ziemlich überschaubar.

Sollten wir Entscheidungen über unsere Gesundheit wirklich Algorithmen überlassen? Was, wenn die App einen Fehler macht?

Gegenfrage: Was, wenn der Patient auf einen Arzt trifft, der einen Schlaganfall nicht erkennt? Oder seit 30 Jahren keine Fortbildung besucht hat? Technische Lösungen sind nicht perfekt, aber das ist die medizinische Versorgung heute auch nicht. Trotzdem würden wir nicht darauf verzichten wollen.

"Eine Pflegekraft verbringt ein Drittel ihrer Arbeitszeit mit Papierkram"

Ist nicht der Mangel an medizinischen Fachkräften das eigentliche Problem? Durch die Corona-Pandemie hat er sich ja sogar weiter verschärft, weil insbesondere viele Pflegekräfte den Beruf gewechselt haben.

Auch hier kann die Digitalisierung helfen. Eine Pflegekraft verbringt etwa ein Drittel ihrer Arbeitszeit mit Dokumentation und anderem Papierkram. Vieles davon ließe sich wegdigitalisieren, das heißt, es bliebe mehr Zeit, sich um die Patienten und die Qualität der Pflege zu kümmern. Gleichzeitig erhöhen sich dadurch die Anforderungen: Eine Pflegekraft muss künftig auch digitale Expertise mitbringen.

Was bedeutet das?

Pflegeberufe kommen auf ein höheres Niveau. Wir haben viel zu lange zugelassen, dass sich in der Öffentlichkeit das Bild verfestigt, Alte und Kranke pflegen könne jeder. Kein Wunder, dass sich Fachkräfte da nicht wertgeschätzt fühlen. Zum Glück ist da inzwischen einiges in Bewegung gekommen. Was wir aber brauchen, ist einen grundlegenden Mindset-Wechsel.

Inwiefern?

Wir müssen Pflege als wissenschaftliche Disziplin begreifen. Bei uns an der FOM gibt es ein berufsbegleitendes Bachelor-Studium "Pflege und Digitalisierung", das Pflegekräfte in die Lage versetzt, sowohl ihr medizinisches Wissen zu vertiefen als auch klinische Prozesse digital zu steuern. Solche Spezialisten brauchen wir im modernen Gesundheitswesen. Und dadurch wird auch die Anerkennung für diese Berufe wachsen.

David Matusiewicz (38) ist Professor für Medizinmanagement an der FOM Hochschule in Essen und Direktor des Forschungsinstituts für Gesundheit & Soziales (ifgs). Darüber hinaus unterstützt er als Business Angel Technologie-Start-ups im Gesundheitswesen.