Zur Ausgabe
Artikel 27 / 54
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Kommentar Die Welt nach der Krise

Das postamerikanische Zeitalter hat begonnen - keine schönen Aussichten.
aus manager magazin 11/2008

MANCHMAL GEHT DIE historische Entwicklung einschläfernd langsam - über lange Zeiträume passiert wenig Weltbewegendes. Doch dann überschlagen sich die Dinge plötzlich: Große Veränderungen vollziehen sich schnell - politisch, ökonomisch, gesellschaftlich. Wir erleben es gerade. Vieles geht zu Ende in diesen Wochen: der angelsächsisch geprägte Finanzkapitalismus mit seinem Grundvertrauen in die Eigenverantwortung des Individuums und die Stabilität der Märkte; die Erwartung schnellen Reichtums (für wenige) und der Traum von bescheidenem Wohlstand (für viele); zu Ende geht - auch das - die Nachkriegszeit mit ihrem US-zentrierten globalen Machtgefüge. Wir sind Zeitzeugen des Beginns des postamerikanischen Zeitalters. Der Weltmachtstatus der USA, seit einiger Zeit bereits angekratzt, verfällt im Zuge der Krise rapide.

JAHRZEHNTELANG FUSSTE AMERIKAS globale Machtfülle auf drei Säulen: Soft Power - die Anziehungskraft des amerikanischen Versprechens von Wohlstand und Freiheit; Hard Power - die einzige Militärmaschinerie von weltweiter Reichweite; und Cash Power - die USA hatten den größten Binnenmarkt der Welt, auf den all die anderen Länder exportieren wollten, und sie hatten eine Finanzindustrie, die dafür sorgte, dass der Rest der Welt den USA die nötigen Dollars lieh, um diese Nachfrage zu finanzieren.

Alle drei Säulen wackeln, um es vorsichtig zu formulieren.

Amerikas Soft Power hat sich in den Jahren unter der Bush-Administration weitgehend verflüchtigt (Guantanamo, stagnierende Einkommen). Was die Hard Power betrifft, so hat der Nimbus des US-Militärs arg gelitten (Irak, Afghanistan). Und die Cash Power - nun ja, auch wenn die USA nach wie vor eine junge Nation mit der Fähigkeit zur Neuerfindung sind (mm 9/2008), so löst sich die Geldsupermacht gerade in der finanziellen Kernschmelze auf: Auf Jahre werden die USA nicht mehr der globale Wachstumsmotor sein. Damit aber entfällt die bisherige Geschäftsgrundlage des Dollar-Recyclings: Weil die US-Bürger nicht mehr sparen, mussten sich die USA zuletzt 700 bis 800 Milliarden Dollar im Ausland leihen, Jahr für Jahr (linke Grafik). Das sind ziemlich genau die jährlichen Kosten des US-Militärapparats. Nun kommt noch einmal die gleiche Summe für die Rettung der Banken dazu, wenn's reicht.

Werden Amerikas Financiers - China, die Golfstaaten, Russ- land (rechte Grafik, das Überschussland Bundesrepublik hat Kapital vor allem in die EU exportiert) - all das bezahlen wollen? Zumindest zweifelhaft. Ihr eigenes exportgetriebenes Wachstum können sie damit jedenfalls nicht mehr finanzieren. Inzwischen ist es sogar denkbar, dass beispielsweise die chinesische Führung den Stecker zieht, ihre Billionen Dollar-Reserven abschreibt und die wankende Weltmacht zum Kippen bringt. Dem nächsten US-Präsidenten bliebe gar nichts anderes übrig, als Hals über Kopf den militärischen Rückzug aus aller Welt anzutreten. Ohne Cash Power keine Hard Power.

ES GIBT VIELE IN EUROPA und erst recht anderswo, die Amerikas Niedergang mit Freude, ja Schadenfreude begleiten.

Ich nicht. Denn eine Welt ohne westliche Supermacht kann abgleiten in ein chaotisches Ringen der Nationen. Wie in den 30er Jahren, als die von der Depression geschüttelten Staaten sich gegeneinander abschotteten (und später bekriegten).

So weit muss es nicht kommen. Für wahrscheinlicher halte ich das Szenario einer Regionalisierung: Die Welt zerfällt in Blöcke, meist mit einer Hegemonialmacht im Zentrum.

Ansätze sind längst sichtbar: Russland eint die Ex-Sowjetunion unter seiner Führung und dehnt seinen Einfluss in Zeiten der Krise auf schwächelnde Staaten wie Kuba aus. In Asien kursieren inzwischen Überlegungen, China, Japan, Korea und andere Länder stärker zu integrieren, sich vom US-Dollar abzukoppeln und einen eigenen, supranationalen Geldstandard zu schaffen. Im Westen igeln sich die Blöcke USA/Kanada und EU zumindest rhetorisch ein.

Im Regionalisierungsszenario bleiben all diese Regionen im Inneren relativ offene Volkswirtschaften, nach außen aber gebärden sie sich protektionistisch; insbesondere der freie Fluss des Kapitals würde nach dem aktuellen Desaster begrenzt werden.

Es wäre das Ende der Globalisierung, wie wir sie kennen. Eine nicht gerade freundliche Welt, aber eine befriedete - und deshalb kein Horrorszenario. u

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 27 / 54
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel