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Hochschulen "Die Mittelmäßigkeit durchbrechen"

Konrad Osterwalder, Rektor der ETH Zürich, über die Qualität deutscher Universitäten und die Erfolgschancen der Exzellenzinitiative.
aus manager magazin 9/2007

Herr Osterwalder, in internationalen Rankings tauchen die deutschen Hochschulen seit vielen Jahren erst um Platz 50 auf. Die Exzellenzinitiative von Bund und Ländern, die im Oktober neue Elite-Unis küren wird, soll diesen misslichen Zu- stand jetzt ändern. Sehen Sie schon Fortschritte?

Osterwalder: Ja. Viele deutsche Unis haben ein großes Stück jener Autonomie zurückgewonnen, die sie in den Jahrzehnten zuvor aus politischen Gründen verloren hatten. Exzellente Wissenschaft braucht Autonomie, um sich selbst Ziele zu setzen und die Methoden zu finden, mit denen sich diese Ziele erreichen lassen.

Wo ist diese Entscheidungsfreiheit besonders wichtig?

Osterwalder: Etwa bei Berufungen. Jeder Uni-Präsident soll allein beschließen können, welchen Professor er zu welchen Bedingungen einstellt. Nur so kann er erreichen, dass er tatsächlich den leistungsfähigsten und aussichtsreichsten Kandidaten ernennt. Die Beamten des Ministeriums haben an dieser Stelle nichts mitzureden.

Die deutschen Uni-Präsidenten müssen sich bei Berufungen an die zahllosen Vorschriften des öffentlichen Dienstes halten. Was bewirkt, dass viele aussichtsreiche Wissenschaftler ins Ausland wechseln - wo die Besoldung und Ausstattung der Lehrstühle mit Personal und Laborgerät freizügiger gestaltet werden kann, etwa an die ETH Zürich.

Osterwalder: Stimmt. Hier sind die deutschen Hochschulen noch im Nachteil. Aber einige führende Institute holen bereits gewaltig auf, etwa die beiden Münchener Universitäten oder die TU Karlsruhe. Hoffentlich auch die künftigen Gewinner der Exzellenzinitiative.

Die ETH hat als Bundeshochschule deutliche Vorteile gegenüber den deutschen Unis, die fast alle den nicht selten finanzschwachen Ländern unterstellt sind. Ist das föderale System auch die Ursache für die Malaise der übrigen deutschen Hochschulen?

Osterwalder: Das föderale System hat seine Berechtigung, wo Hochschulen den Forschungs- und Ausbildungsbedarf einer Region decken. Die Ex- zellenzinitiative bietet jetzt jedoch die Chance, die Schwächen des föderalen Hochschulsystems auszugleichen.

Die Exzellenzinitiative schüttet insgesamt 1,9 Milliarden Euro aus. Das klingt nach viel Geld. Ist es aber genug?

Osterwalder: Leider nein. Die Summe wird über fünf Jahre ausgezahlt. Selbst wenn die gesamte Jahresrate von 380 Millionen auf eine einzige Uni konzentriert würde - es wäre immer noch zu wenig, um den Anschluss an den Finanzrahmen der Weltelite zu bekommen. Die ETH hat einen Jahresetat von umgerechnet 810 Millionen Euro. Eine deutsche TU, deren Budgetplanung ich gut kenne, muss mit rund 350 Millionen Euro pro Jahr auskommen - und dabei anderthalb mal so viele Studenten ausbilden wie wir. Insofern sind die 20 Millionen Euro, die jede der acht bis zehn künftigen deutschen Elite-Unis von der Exzellenzinitiative jährlich bekommen werden, kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

Alle Professoren jammern, weil ihnen angeblich staatliche Finanzhilfen fehlen. Geht es in der Wissenschaft tatsächlich nur ums Geld?

Osterwalder: Ein großes Jahresbudget ist nicht alles im akademischen Betrieb. Aber ganz ohne Finanzkraft lässt sich auch hier keine Exzellenz erzielen.

Dennoch halten Sie die Exzellenzinitiative für einen wichtigen Schritt?

Osterwalder: Ja. Denn es geht um eine Trendwende, um eine Strukturierung der einst künstlich verflachten Hochschullandschaften. Die deutsche Politik hat in den vergangenen Jahren erkannt, dass die Universitäten unmöglich alle gleich sein können. Die einen sind besser in der Forschung, die anderen in der Lehre. Die einen haben ein naturwissenschaftliches Profil, die anderen bemühen sich mehr in den Geistes- oder in den Gesellschaftswissenschaften. Diese Differenzierung ist ein Gewinn und führt nicht notwendigerweise zu Diskriminierungen.

Welche Konsequenzen hat diese Erkenntnis für die deutschen Unis?

Osterwalder: Die meisten deutschen Hochschulen wollen jetzt diese Tendenz zur Mittelmäßigkeit durchbrechen, die über Jahrzehnte grassierte. Hierbei hilft ihnen die Strahlkraft, die von der Exzellenzinitiative ausgeht. Wenn sich eine deutsche Hochschule künftig Elite-Uni nennen darf, dann bewerben sich dort auch die international angesehenen Professoren - und in der Folge auch bessere Studenten. Damit wird eine Qualitätsspirale nach oben in Gang gesetzt; Forschung und Lehre profitieren langfristig von dieser Leuchtturmwirkung.

Was - außer mehr Geld - brauchen die deutschen Unis sonst noch auf ihrem Weg in die Liga der internationalen Exzellenz?

Osterwalder: Die Hochschulleitungen brauchen Führungs- und Entscheidungskompetenz - auch nach innen, gegenüber akademischen Gremien. Viele deutsche Unis haben das erkannt und werden bereits von fähigen Hochschulmanagern geleitet. Die Zeit, in der irgendein Seniorprofessor turnusmäßig und im Nebenamt seine Uni führen kann, ist vorbei.

Wann dürfen wir mit ersten Erfolgen rechnen? Wann geht zum Beispiel der erste Nobelpreis

wieder einmal an einen deutschen Hochschulforscher - und nicht nur an die Max-Planck-Institute?

Osterwalder: Fünf Jahre wird es mindestens dauern, bis das System greift und die Aufwärtsspirale erste Erfolge bringt. Das ist leider sehr viel länger als in der Wirtschaft, wo Innovationen viel schneller Ergebnisse zeitigen. Und ob ein Nobelpreis dazugehört, das kann ich beim besten Willen nicht vorhersagen. Aber schon im nächsten Jahr könnte einer dabei sein.

Warum ist das Hochschulsystem viel träger als die Wirtschaft?

Osterwalder: Wenn Sie einen Studiengang reformieren, dann dauert es circa fünf Jahre, bis die ersten Absolventen die neuen Lerninhalte und Methoden in ihrer Berufspraxis umsetzen können. Wenn Sie ein neues Berufungsverfahren starten, dann haben die nach den neuen Kriterien eingesetzten Professoren erst nach etwa fünf Jahren genug geforscht und publiziert, um damit Preise zu gewinnen. Wissenschaft braucht nun mal mehr Zeit als die Wirtschaft, es geht leider nicht schneller.

Greift die deutsche Wirtschaft den schwächelnden Hochschulen denn genug unter die Arme?

Osterwalder: Mancherorts schon. Die RWTH Aachen bekommt zum Beispiel mehr Forschungsaufträge aus der Industrie als die ETH. Das hat mit der Aachener Tradition im Maschinen- und Automobilbau zu tun. Auch die TU München kann erfreulich viele dieser sogenannten Drittmittel einwerben, etwa von BMW und Audi. Ich kann jedenfalls nicht erkennen, dass sich die deutsche Wirtschaft über Gebühr zurückhalten würde bei der Förderung ambitionierter öffentlicher Hochschulen.

Woher rührt dann die Schwäche des deutschen Universitätssystems? Wie konnte es passieren, dass die einstmals führende Wissenschaftsnation in den internationalen Rankings so weit zurückfiel?

Osterwalder: Der entscheidende Fehler war die Trennung von Hochschulforschung und außeruniversitärer Forschung. Die Max-Planck-Gesellschaft und die Helmholtz-Gemeinschaft betreiben exzellente Forschung - hauptsächlich aus Bundesmitteln. Auch die Fraunhofer-Institute sind in ihren Fachgebieten der angewandten Forschung exzellent und weltweit einzigartig. Die Unis, die von den Ländern finanziert werden, können da nicht mithalten. Das sollte sich raschestmöglich ändern, Forschung und Lehre müssen stärker zusammengeführt werden. Die Hochschulen und die außeruniversitären Institute sollten viel enger zusammenarbeiten.

Die Max-Planck-Direktoren, die alle Freiheiten der zweckfreien Grundlagenforschung genießen, werden da kaum mitmachen. Ein Nobelpreisanwärter korrigiert doch keine Proseminararbeiten in den Massenfächern und ordnet sich auch sonst nicht den Regularien eines Landesbediensteten im universitären Lehrbetrieb unter.

Osterwalder: Vorsicht vor Pauschalurteilen! In Harvard, wo ich einige Jahre gelehrt und geforscht habe, hielt ein veritabler Nobelpreisträger die Vorlesung "Physik für Poeten". Dabei ging es um einfachste physikalische Zusammenhänge, sozusagen für Fachfremde. Die Veranstaltung war über Jahre eine der beliebtesten auf dem gesamten Campus. Aber ansonsten haben Sie recht: Die außeruniversitären Forscher sollten im Routinelehrbetrieb entlastet werden durch akademische Hilfskräfte. Auf diese Weise könnten beide Seiten von der Kooperation profitieren, die Unis wie die Koryphäen.

Wer sind Ihre Favoriten für die Kür zur Elite-Uni, deren Ergebnis im Oktober bekannt gegeben wird?

Osterwalder: Es würde mich sehr wundern, wenn die RWTH Aachen auch in dieser zweiten Runde der Exzellenzinitiative leer ausginge. Auch die Freie Universität Berlin, bei der ich in einem Beratungsgremium mitarbeite, hätte den Titel verdient. Und aus nachbarschaftlicher Verbundenheit wünsche ich der Uni Konstanz den Erfolg. u

Das Interview führte mm-Redakteur Michael O. R. Kröher.

Das Interview führte mm-Redakteur Michael O. R. Kröher.

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