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Die Anti-Capitalisten

Debatten: In den Gründerjahren als Kampfblatt der Bosse verschrien, bekämpft mm heute das "Capital".
aus manager magazin 9/2001

Die Russen in Deutschlands Osten, Kommunisten vor den Fabriktoren, Linksradikale an der Werkbank, Jusos auf dem Marsch durch die Institutionen. Nur in den Vorstandsetagen trotzen sie der offenbar bevorstehenden so-zialistischen Machtübernahme.

Weimarer Republik? Nein, Bonner Republik, Anfang der 70er Jahre.

Mitten in diese stürmischen Zeiten platzte Ende 1971 das elitäre manager magazin, das es nicht am Kiosk gab, sondern nur in der so genannten Controlled Circulation. Eine Clubzeitung für die verhassten Führungskräfte! Mutig, mutig. Und das aus dem linksliberalen Spiegel-Verlag. Das irritierte die Linke.

Prompt kamen Sticheleien aus dieser Ecke. Die "Frankfurter Rundschau" vermutete im mm-Erscheinen gar eine Verschwörung: "Was hier betrieben wird, unter dem Deckmantel der Seriosität, ist Geheimwissenschaft, Cliquenbildung, Kultivierung von elitärem Bewusstsein und Hochmut."

Eliten waren damals verpönt, Manager als Ausbeuter und Karrieristen verschrien. Für die Linke war es nur eine Frage der Zeit, wann der Sozialismus siegen wird und die Manager zu Befehlsempfängern von Bürokraten degradiert werden.

Bis weit in die SPD hinein forderten Systemveränderer die Verstaatlichung der Banken, die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, Investitionslenkung und Mitbestimmung. Das waren in den Gründer- jahren des manager magazins die Reizthemen der wirtschaftspolitischen Diskussion.

Dabei mischte mm munter mit. Natürlich war das junge Blatt Partei, in persona des FDP-Mitglieds Leo Brawand. Sein Credo postulierte er bereits in seinem dritten Editorial, damals "Briefing" genannt: "mm ist ein progressives, realitätsbezogenes Blatt; es ist im Zweifelsfall nicht sozialistisch" (4/1972) - was auch immer das hieß.

Jedenfalls war mm kein kapitalistisches Kampfblatt. Ganz liberal präsentierte sich mm als Forum für Grundsatzdiskussionen. In vielen Round-Table-Diskussionen stritten sich Anhänger und Gegner des Kapitalismus. Es gab Interviews mit linken Galionsfiguren wie Willy Brandt, Erhard Eppler oder Günter Grass.

Selbst der linke Wuschelkopf Johano Strasser, damals Juso-Vorstand, durfte in mm (6/1973) philosophieren, warum Banken und Schlüsselindustrien verstaatlicht werden müssen. Gleichzeitig beruhigte er die mm-Leser: "Auch eine sozialistische Gesellschaftsordnung braucht Manager." Allerdings prophezeite Strasser: "Die Tätigkeit des Managers wird politisiert werden: Er wird öffentlich Rechenschaft ablegen müssen."

Das ging der mm-Klientel dann doch zu weit. Damit es nicht zur sozialistischen Machtübernahme kam, veröffentlichte mm deshalb vorsorglich Tipps von Horst-Udo Niedenhoff (damals wie heute: Institut der Deutschen Wirtschaft), wie Linksradikale von den Betrieben fern gehalten werden können (4/1977).

Dort beschreibt Niedenhoff, "mit welchen Forderungen die linken Gruppen Agitation betreiben". Höchste Vorsicht sei geboten, wenn diese zum Beispiel die "Erweiterung sowie Erneuerung der sanitären Anlagen am Arbeitsplatz" fordern. Wer das wolle, wolle auch die Revolution.

Weil die Manager die Gefahr rechtzeitig rochen, kam es aber nicht zur Revolution in den Betrieben. Deutschland bekam eine konservative Regierung, die 68er machten Karriere - und lesen heute mm.

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