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Kommentar Die angelsächsische Krankheit

Der große Konsumboom geht zu Ende. Weltweit kommt jetzt Angstsparen in Mode.
aus manager magazin 6/2008

NACHHALTIG HÄLT SICH DAS GERÜCHT, wir Deutschen seien "Angstsparer". Zu sicherheitsfixiert, um mal so richtig Geld auszugeben. Zu vorsichtig, um einen schönen Aufschwung zustande zu bringen. Zu verunsichert, um uns hemmungslos dem Konsumrausch hinzugeben. Gerade keynesianisch gewirkte Politiker und Ökonomen hängen dieser These an. Angeblicher Beleg: Die Sparquote - der Anteil, den die Bürger von ihrem verfügbaren Einkommen zurückhalten - ist seit 2001 gestiegen. Andere Länder hingegen hätten gezeigt, wie man sich nachhaltiges Wirtschaftswachstum zusammenkauft.

Sind die Deutschen zu feige?

Wahr ist: Die Sparquote ist zuletzt wieder gestiegen, was vorübergehend die Konjunktur bremst. Falsch ist, dass dies ein großes Problem sei.

LÄNGST IST KLAR, dass der hemmungslose Konsumrausch, in den sich viele Nationen seit den frühen 90er Jahren hineingesteigert haben, zu Ende geht. Und er hinterlässt einen schmerzhaften Katzenjammer. Schon ist von der "angelsächsischen Krankheit" die Rede, weil die USA und Großbritannien am stärksten betroffen sind. Die Symptome: Sparquoten um die Nulllinie, hoffnungslos überbewertete Immobilienmärkte, defizitäre Leistungsbilanzen. In dieser unkomfortablen Situation bleiben keine leichten Auswege. Die Bürger werden ärmer, weil ihre Häuser an Wert verlieren. Sie müssen sich wieder angewöhnen, zu sparen und ihre rekordhohen Schulden zu tilgen. Eine ganze Generation von Hyperkonsumenten, die gelernt hat, in Nach-mir-die-Sintflut-Manier Geld auszugeben, muss sich von gewohnter Opulenz verabschieden. Das dauert.

Westliche Gesellschaften brauchen Schätzungen zufolge Sparquoten von rund 10 Prozent, um die Folgen der Alterung abfedern zu können: Früh ergrauende Nationen wie die deutsche müssen etwas mehr zurücklegen; relativ jüngere wie die amerikanische, die britische oder die französische kommen womöglich mit etwas weniger als 10 Prozent aus. So weit der Anspruch. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Die angelsächsischen Länder sind weit entfernt von diesem Normal-niveau, im Gegensatz zu kontinentaleuropäischen Ländern wie Frankreich oder Deutschland (siehe Grafik). Ein Befund, der gravierende Folgen für den weiteren Lauf der globalen Konjunktur hat: Solange Amerikaner und Briten ihre privaten Finanzen den trüberen Erwartungen anpassen müssen, verlieren sie ihre angestammte Rolle als unverwüstliche Nachfrager der Weltwirtschaft. Bis vor Kurzem hat ihr Hang zu exzessivem Shopping den Rest der Welt mitgezogen - jetzt werden sie zu Bremsern.

NATÜRLICH SIND DERART HEFTIGE Umschwünge der Sparquote nicht wünschenswert, weil sie die Wirtschaft destabilisieren. Also stellt sich die Schuldfrage: Wer hat den Leuten eigentlich das Sparen abgewöhnt? Warum haben sich beispielsweise die Amerikaner, die in all den Jahren zwischen 1950 und 1990 stets 9 bis 14 Prozent ihrer Einkommen zurücklegten, plötzlich zu einem finanziellen Sittenverfall hinreißen lassen?

Mit Mentalität und Demografie allein lässt sich das nicht erklären, eher schon mit Politik.

Die Sparquote in den USA sackte ab, nachdem die Notenbank unter Alan Greenspan Anfang der 90er Jahre begonnen hatte, die Wirtschaft mit Cash zu fluten. Niedrige Zinsen machten es unattraktiver, Geld auf die Seite zu legen. Parallel dazu wurden die Bankenmärkte dereguliert und die Finanzmärkte international geöffnet, was das Kreditgeschäft erleichterte. So kam eine expansive Spirale in Gang: Leichtere Finanzierungen ließen die Immobiliennachfrage in die Höhe schnellen; die Bürger waren reicher, auf dem Papier wenigstens; sie könnten noch höhere Schulden verkraften, warben die Banken. Das Zusammenspiel von lockerer Geldpolitik und leichter Finanzmarktregulierung entfachte einen Kredit- und Konsumboom, der die Fähigkeit zur Selbstbescheidung überforderte - bei den Bürgern, die aufhörten zu sparen; bei den Bankern, die halsbrecherische Geschäfte forcierten, wie jetzt die Finanzkrise offenbart.

In Kontinentaleuropa hingegen fand der Kurswechsel der Geldpolitik mit Zeitverzögerung statt, die Deregulierung blieb schwächer dosiert. Auch hier gab es Immobilienbooms (in Spanien, Frankreich oder Schweden), aber die Sparquoten stürzten nicht völlig ab - Europa ist nur schwach infiziert mit der angelsächsischen Krankheit.

Und Deutschland? Wird unversehens zu einer Art Vorbild. "Angstsparen", so sieht es aus, wird in den nächsten Jahren weltweit in Mode kommen. u

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