Erzeugerpreise Zweistellige Inflationsrate - für die Produzenten

So stark sind die Preise gewerblicher Produkte seit der Ölkrise 1975 nicht mehr gestiegen. Plus 10,4 Prozent maßen die Statistiker im Juli. Der Materialmangel dürfte auch auf die Verbraucherpreise durchschlagen.
Teures Metall: Stahlcoils im Arcelormittal-Werk Eisenhüttenstadt

Teures Metall: Stahlcoils im Arcelormittal-Werk Eisenhüttenstadt

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Die deutschen Hersteller haben ihre Preise im Juli so stark angehoben wie seit über 46 Jahren nicht mehr. Die Erzeugerpreise gewerblicher Produkte stiegen um 10,4 Prozent zum Vorjahresmonat, teilte das Statistische Bundesamt am Freitag mit. Ein größeres Plus gab es zuletzt im Januar 1975, als die Preise im Zusammenhang mit der ersten Ölkrise stark gestiegen waren. Von Reuters befragte Ökonomen hatten lediglich 9,2 Prozent erwartet, nachdem die Steigerungsrate im Juni noch 8,5 Prozent betragen hatte. Neben Energie verteuerten sich vor allem Vorprodukte wie Holz und Stahl.

Von A wie Aluminium bis Z wie Zellstoffvlies: Materialengpässe und höhere Beschaffungskosten belasten inzwischen die große Mehrheit der Unternehmen. Daher haben 88 Prozent mit höheren Einkaufspreisen zu kämpfen, wie der Deutsche Industrie- und Handelskammertages (DIHK) bei seiner Umfrage unter fast 3000 Betrieben herausfand. Die Folge: Zwei Drittel sehen sich gezwungen, gestiegene Kosten an ihre Kunden weiterzugeben.

Energie verteuerte sich im Durchschnitt um 20,4 Prozent. Grund dafür sei vor allem ein Basiseffekt aufgrund der im Frühjahr 2020 im Zuge der Pandemie stark gefallenen Preise, hieß es. Damals wurden an den Rohstoffbörsen zeitweise sogar negative Preise für Erdöl gehandelt. Auch die seit Januar teilweise zusätzlich anfallende deutsche CO2-Bepreisung auf Brennstoffe wie Mineralölerzeugnisse und Erdgas hatte einen Einfluss. Vorleistungsgüter wurden 15,6 Prozent teurer. Nadelschnittholz kostete 111 Prozent mehr als im Juli 2020. Metallische Sekundärrohstoffe aus Eisen-, Stahl- und Aluminiumschrott (+100 Prozent), aber auch Betonstahl in Stäben (+82 Prozent) kosteten erheblich mehr. Bei Roheisen, Stahl und Ferrolegierungen lag der Aufschlag bei 52,3 Prozent.

Die Produzentenpreise gelten als Frühindikator für die Inflation der Verbraucherpreise. In der Statistik werden die Preise ab Fabrik geführt - also bevor die Produkte weiterverarbeitet werden oder in den Handel kommen. Sie können damit einen frühen Hinweis auf die Entwicklung der Verbraucherpreise geben. Die Inflationsrate liegt derzeit mit 3,8 Prozent so hoch wie seit 1993 nicht mehr und könnte sich Ökonomen zufolge nun Richtung 5 Prozent bewegen.

Die meisten Volkswirte, darunter auch die geldpolitischen Entscheider sowohl in der Europäischen Zentralbank wie auch der US-Federal Reserve, sehen das Phänomen aber als vorübergehend an. Ohne starke Lohnerhöhungen auf breiter Front könne sich der Preisauftrieb nicht lange halten, daher gebe es auch keinen Grund zum Gegensteuern mit weniger Liquidität für den Finanzmarkt oder gar höheren Zinsen, was den Aufschwung abbremsen würde. Die langfristigen Inflationserwartungen sind weiterhin unter der Zielmarke von 2 Prozent. Zuletzt gaben auch die Preise vieler Rohstoffe wieder spürbar nach.

ak/Reuters