Sonntag, 5. April 2020

YouTube-Star interviewt die Bundeskanzlerin Ziemlich cool, Merkel

Angela Merkel und die fünf von LeFloid.

Als er am Donnerstag, 9. Juli 2015, um 23.25 Uhr ein öffentliches Videospiel beginnt, ist der Mann ziemlich aufgeregt, der in ein paar Stunden die Bundeskanzlerin interviewen wird. "Vorfreude?", fragt LeFloid. "Die ist so groß, dass ich um 23.25 Uhr noch mal 'nen Stream anfange, statt zu pennen, denn das kann ich heute eh nicht." Kurz danach schießt er gemeinsam mit einem Freund erst einmal ein paar Dutzend virtuelle Aliens kurz und klein.

So ganz ist Florian Mundt, wie "LeFloid" offline heißt, die Nervosität auch am folgenden Freitag noch nicht losgeworden, als er in einem der oberen Stockwerke des Bundeskanzleramts der mächtigsten Frau der Welt gegenübersitzt. Auf YouTube ist Mundt ein Star: Seine Videos, in denen er zweimal die Woche das Weltgeschehen kommentiert, werden millionenfach geklickt. "Warum jetzt und warum YouTube?", will er von Angela Merkel wissen; warum das Interview? Sie wolle halt jüngeren Menschen die Politik nahe bringen, sagt Merkel kurz vor dem dramatischen Griechenland-Wochenende kanzlerinnenadäquat."Sehr cool", findet Mundt. Keine Frage: Die ersten Minuten des Gesprächs laufen staksig.

"Ich bin nicht Claus Kleber für Jugendliche", hat Florian Mundt vor ein paar Wochen dem SPIEGEL gesagt. Trotzdem muss er sich nun an journalistischen Qualitätsstandards messen, also: sich nicht vor Merkels Karren spannen lassen. Diese Gefahr hatte Mundt zuvor thematisiert: Anfang des Jahres hatten drei amerikanische YouTuber US-Präsident Barack Obama interviewt - und waren ihrem deutschen Kollegen dabei entschieden zu handzahm. Ihn habe all der "Präsidentenhype" genervt, sagte Mundt am Donnerstag vor der Aufzeichnung.

Ohnehin hat sich "LeFloid" mit seinen "LeNews" auf YouTube einen relativ journalistischen Arbeitsauftrag gegeben: Er möchte zur Meinungsbildung beitragen. Deshalb gibt er zweimal pro Woche Nachrichten nicht nur wieder, sondern kommentiert sie: "Die Leute merken, dass da jemand eine Meinung vertritt, sie laufen mit oder regen sich auf, und plötzlich merken sie: Eigentlich habe ich auch eine Meinung", beschrieb er seinen Plan dem SPIEGEL.

So versucht er denn auch in seinem Interview, das er am Montagabend ungekürzt ins Netz gestellt hat, der Kanzlerin Meinungen zu entlocken. Bei der gleichgeschlechtlichen Ehe gelingt ihm das gut ("für mich ist Ehe das Zusammenleben von Frau und Mann", sagt Merkel), ebenso bei der Legalisierung von Cannabis ("Oh, da bin ich sehr restriktiv.").

Bei anderen Themen windet sich Politprofi Merkel allerdings geschickt heraus. Ob Whistleblower wie Edward Snowden nicht auch positive Folgen für die digitalisierte Welt haben könnten, will Mundt wissen: Merkel antwortet, für sie selbst sei die Rolle des Ausplauderers nichts. Auch der Anschlussfrage Mundts weicht sie aus. Dem jungen Publikum, das beide ansprechen wollen, dürfte es ohne Vorkenntnisse schwerfallen, allein auf Basis dieser Antworten einzuschätzen, wie die Kanzlerin denn nun tatsächlich zum Thema Geheimnisverrat steht.

Bei persönlicheren Fragen bleibt Merkel ebenfalls bekannt vage. Mundt möchte wissen, ob private Befindlichkeiten der Politiker die internationale Politik beeinflussen: "Das Bauchgefühl einer Angela Merkel leidet nicht unter der Bundeskanzlerin Angela Merkel?" Dazu sagt die Kanzlerin eher Seichtes ("Natürlich verändert ein Beruf jeden Menschen.") beziehungsweise Bekanntes (sie schütze gern ihr Privatleben).

So ist die Frau im blauen Kostüm, die LeFloid gegenübersitzt, auch nach 30 Minuten noch die Bundeskanzlerin - und nicht etwa die Angela. Die Volkstümelei eines Barack Obama sei ihre Sache nicht. Auf dessen Social-Media-Strategie mit Hunde- und Urlaubsbildern angesprochen, zieht sich Merkel erneut ins Allgemeine zurück: Wenn sie sich im Internet einen eigenen Sender aufbauen würde, gäbe das doch Probleme mit dem klassischen Medienrecht. Da würde doch sicher der Vorwurf laut, sie lasse nur genehme Fragesteller zu Wort kommen.

Hier beeilt sich Mundt, seinen Zuschauern noch einmal zu versichern, dass er kein Geld von der Kanzlerin erhalte und sie die Fragen auch nicht mit ihm abgesprochen habe. Im Internet sei ihm dies zuvor immer wieder vorgeworfen worden.

Wenn nach 30 Minuten allerdings ein Eindruck bei den Zuschauern haften geblieben ist, dann ist es dieser: Mundt war vorbereitet und zumeist souverän; Politprofi Merkel aber eben auch.

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