Gekappte Prognosen Industrie im Dauerstress

Ukraine-Krieg, Lieferengpässe und Inflation: Die deutsche Industrie schreibt die für 2022 eigentlich erwartete Erholung nach zwei Pandemiejahren weitgehend ab. Sorgen bereiten auch die massiv gestiegenen Importpreise.
Schweißarbeiten an einem Kran: "Versorgungsnetzwerke und Lieferketten sind zum Zerreißen gespannt"

Schweißarbeiten an einem Kran: "Versorgungsnetzwerke und Lieferketten sind zum Zerreißen gespannt"

Foto: Stefan Puchner / dpa

Der Bundesverband der Industrie (BDI) hat am Montag seine Prognose für das Exportwachstum im laufenden Jahr von 4,0 auf 2,5 Prozent gesenkt. "Versorgungsnetzwerke und Lieferketten sind zum Zerreißen gespannt", begründete BDI-Präsident Siegfried Russwurm (58) am Rande der Hannover Messe die pessimistischere Einschätzung. Noch immer beschäftigten die Corona-Folgen und hier insbesondere die Lockdowns in China die Industrie. Die Produktion dürfte daher nur um knapp 2 Prozent zulegen und damit geringer als vor Beginn der russischen Invasion in der Ukraine erwartet.

Es könne sogar noch schlimmer kommen, sollten sich die Lieferkettenprobleme in der zweiten Jahreshälfte nicht entspannen. Zudem müsse weiterhin russisches Gas nach Westeuropa kommen. "Eine Unterbrechung russischer Gasexporte würde das Wachstum in Europa abwürgen und unsere Wirtschaft in die Rezession schicken", sagte Russwurm.

Auch der VDMA senkt seine Prognose erneut

Abermals senkten auch die Maschinenbauer angesichts des russischen Kriegs gegen die Ukraine, der globalen Lieferschwierigkeiten und der Lockdowns in Teilen Chinas ihre Produktionsziele für 2022. "Wir müssen unsere Prognose von bisher plus 4 Prozent auf plus 1 Prozent reduzieren", sagte der Präsident des Branchenverbands VDMA, Karl Haeusgen (56), in Hannover.

Zugleich könne die Branche aber immer noch auf ein sehr hohes Auftragspolster mit einer Auslastung von aktuell 11,6 Monaten blicken, betonte er. Beim Umsatz rechneten die Volkswirte des Verbands mit einem nominalen Zuwachs von acht Prozent – dies würde einen Höchststand von 239 Milliarden Euro bedeuten.

ZVEI hält an Wachstumsaussichten fest

Der Elektroindustrieverband ZVEI hält dagegen angesichts voller Auftragsbücher an seiner Prognose von 4 Prozent Wachstum für das laufende Jahr fest. "Elektrifizierung und Digitalisierung sind derartig stabile Trends, dass sie die Industrie das Jahr über tragen werden", sagte Verbandsgeschäftsführer Wolfgang Weber.

Zwar sind die Auftragsbücher in vielen Unternehmen voll, doch können sie nicht wie gewohnt abgearbeitet werden, weil vielfach Teile wie Mikrochips fehlen. Der Materialmangel in der deutschen Industrie hat sich im Mai auch wegen der Corona-Lockdowns in China weiter verschärft. 77,2 Prozent der Firmen klagten über Engpässe oder Probleme bei der Beschaffung von Vorprodukten und Rohstoffen, wie das Münchner Ifo-Institut bei seiner Unternehmensumfrage herausfand. Im April waren es noch 75,0 Prozent.

"Die Lieferketten stehen unter Dauerstress", sagt der Leiter der Ifo-Umfragen, Klaus Wohlrabe. "Die Schließung von Häfen in China hat für viele Unternehmen die Situation weiter verschlechtert."

In der Volksrepublik – dem mit Abstand wichtigsten deutschen Handelspartner – werden wegen Coronaausbrüchen immer wieder ganze Städte wie die Wirtschaftsmetropole Shanghai in wochenlange Lockdowns geschickt. Dadurch können Waren nicht produziert werden oder kommen verspätet an. Rund jedes zweite deutsche Unternehmen, das von Materialmangel betroffen war, gab an, die aktuellen Lockdowns in China hätten die Situation weiter verschlimmert. Insbesondere der Autobau ist hier betroffen. "Die massive Störung der Logistikketten wird die Erholung merklich verzögern", sagt das Ifo-Institut voraus. 2021 wurden Waren im Wert von mehr als 245 Milliarden Euro zwischen Deutschland und China gehandelt.

Einfuhrpreise drastisch erhöht

VDMA-Chef Haeusgen nannte auch die Inflation als Risiko. Massiv gestiegene Energiepreise als Folge des russischen Kriegs gegen die Ukraine haben die deutschen Importe im April so stark verteuert wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Einfuhrpreise erhöhten sich um 31,7 Prozent zum Vorjahresmonat, wie das Statistische Bundesamt ermittelte. "Eine höhere Vorjahresveränderung hatte es zuletzt im September 1974 im Rahmen der ersten Ölkrise gegeben", hieß es.

"Die aktuellen Daten spiegeln auch die Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine wider", erklärten die Statistiker. Sichtbar wird das im Energiesektor. Hier waren die Einfuhren um 157,4 Prozent teurer als im April 2021. Dies geht insbesondere auf Erdgas zurück, das gut viermal so viel kostete wie im Vorjahreszeitraum (+301,2 Prozent).

Zuversicht ziehen die Maschinenbauer aber aus "zahlreichen Geschäftschancen auf vielen wichtigen Absatzmärkten", wie Haeusgen sagte. Dazu zählten "vor allem die nach wie vor wirkenden staatlichen Konjunktur- und Infrastrukturprogramme rund um den Globus sowie die wachsenden Anstrengungen vieler Staaten, den Klimawandel zu bekämpfen".

hr/Reuters