Jens-Uwe Meyer

Was Manager von Helmut Schmidt lernen können Bleiben Sie arrogant!

"Wer Visionen hat, der sollte zum Arzt gehen." Dieses Zitat von Helmut Schmidt scheint nicht mehr in eine Zeit zu passen, die durch Veränderungen und Innovationen getrieben ist. Hat Helmut Schmidt als Rollenbild für das moderne Management ausgedient? Weit gefehlt!
Helmut Schmidt: Hinter seiner vielgescholtenen Arroganz verbarg sich vor allem eines - Führungsstärke in unsicheren Situationen

Helmut Schmidt: Hinter seiner vielgescholtenen Arroganz verbarg sich vor allem eines - Führungsstärke in unsicheren Situationen

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Helmut Schmidt: Politiker, Publizist und Philosoph

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Helmut Schmidt hatte das Gen großer Visionäre in sich - auch wenn er sich das wahrscheinlich selbst niemals eingestanden hätte. Seine Fähigkeit, im Kopf komplexe Lösungen zu entwickeln und konsequent umzusetzen, ist gerade in einer Wirtschaft, die von zunehmender Komplexität getrieben wird, zeitgemäß wie nie.

Und hinter seiner vielgescholtenen Arroganz verbarg sich vor allem eines: Führungsstärke in unsicheren Situationen. Was hinterlässt Helmut Schmidt dem modernen Management? Drei Lektionen.

Schmidt-Lektion 1: Keine Angst vor Komplexität

Microsoft ist für seine überraschenden Fragen im Einstellungsgespräch bekannt. Ein Bewerber erhält plötzlich die Aufgabe, innerhalb von 20 Minuten einen Evakuierungsplan für New York City zu entwickeln. Dabei geht es nicht darum, unbedingt die eine, richtige Lösung zu entwickeln. Das Unternehmen will sehen, inwieweit Bewerber - vor allem Führungskräfte - in der Lage sind, situative Entscheidungen in sich verändernden, komplexen Systemen zu treffen.

Jens-Uwe Meyer

Dr. Jens-Uwe Meyer ist Vorstandsvorsitzender der Innolytics GmbH, Autor und internationaler Keynote Speaker. Mit 13 Büchern (u.a. "Digitale Gewinner", "Digitale Disruption") und mehr als 250 Artikeln zählt er zu den Vordenkern für Digitalisierung und Innovation in Europa.
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Welche Ressourcen habe ich zur Verfügung? Was passiert, wenn sich die Umstände ändern? Wie gehe ich mit einer plötzlichen Massenpanik um? Welche Rolle spielen die Medien?

Helmut Schmidt hätte mit der Beantwortung dieser Frage wahrscheinlich wenig Probleme gehabt. Die Situation der Flutkatastrophe 1962 lässt sich gut mit der zunehmenden Komplexität der Märkte von heute vergleichen. Dinge verändern sich schnell, einmal getroffene Entscheidungen müssen möglicherweise revidiert werden. Was können wir von Helmut Schmidt lernen?

Zunächst einmal: Kühlen Kopf bewahren und eine Zigarette rauchen. Anschließend neue Lösungen entwickeln, im Kopf durchspielen und dabei das große Ganze im Auge behalten. Nicht auf Regularien und bewährte Entscheidungsmuster zurückziehen, sondern situativ und pragmatisch entscheiden.

Schmidt-Lektion 2: Gib niemals zu, dass du ein Visionär bist!

Wer das eingangs erwähnte Zitat von Helmut Schmidt für bare Münze hält, täuscht sich. Schmidt war ein Visionär. Nur eben kein Träumer: Visionen mussten für ihn greifbar sein, Ideen waren wertlos, wenn sie nicht umgesetzt wurden. Seine Philosophie unterschied sich nur unwesentlich von der des großen Erfinders Thomas Edison, der stets predigte: "Was sich nicht verkauft, möchte ich nicht erfinden."

Für Träumereien hatte Edison ähnlich wenig übrig wie Schmidt: "Der Wert einer Idee liegt darin, sie zu nutzen." Dieses Edison-Zitat hätte genauso gut von Helmut Schmidt stammen können. Schmidts Erfolge sind nicht nur durch seinen Mut und seine Entscheidungsfreude erklärbar.

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Helmut Schmidt: Politiker, Publizist und Philosoph

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Schmidt war Visionär: Er konnte sich klare Zukunftsbilder vorstellen und seine Visionen Schritt für Schritt in die Tat umsetzen. Allerdings gehörte er zu den pragmatischen Visionären. Die Welt in 20 Jahren unter dem Einfluss der digitalen Revolution - sich dies vorzustellen, wäre wahrscheinlich nicht seins gewesen. Aber eine Vision zur Integration von Hunderttausenden Flüchtlingen in das deutsche Wirtschaftssystem, das wäre durchaus eine Herausforderung für ihn gewesen. Schmidts Visionen mussten anfassbar sein. Und sie durften niemals den Namen "Vision" tragen.

Schmidt-Lektion 3: Mach es nicht allen recht!

Zu den beliebtesten Managementphrasen in Unternehmen gehören Sätze wie: "Wir müssen erst einmal alle abholen." Oder: "Wir brauchen eine Stakeholder-Strategie." Statt Entscheidungen zu treffen, werden Arbeitskreise gebildet. Aus mutigen Entscheidungsvorlagen werden Kompromisse, die am Ende niemanden so richtig gefallen. Im Herbst 1977 hatte Helmut Schmidt die wahrscheinlich schwierigsten Entscheidungen seiner Karriere zu fällen. Ihm war klar, dass es keine Kompromissentscheidung geben konnte, die der Situation wirklich gerecht würde. Er bekannte sich zur Staatsräson und machte damit deutlich: Dies ist meine Entscheidung, zu der ich stehe. Ich respektiere Gegenmeinungen, aber sie sind aktuell irrelevant. Kritiker nannten ihn deshalb arrogant.

In Zeiten der digitalen Disruption braucht es arrogante Manager, die mutige Entscheidungen treffen. Wie sieht das Geschäftsmodell einer Bank in fünf Jahren aus? Welche Bedürfnisse werden Käufer von Herden und Waschmaschinen in fünf Jahren haben? Und wie sollen Unternehmensstrukturen der Zukunft aussehen? Auf diese Fragen gibt es weder eindeutige Antworten noch solche, die sich in Arbeitsgruppen oder durch Kundenbefragungen beantworten lassen. Gerade Unternehmen, die im Wandlungsprozess stehen, brauchen Manager, die wie Helmut Schmidt sagen: "Dies ist meine Entscheidung. Ich akzeptiere Gegenmeinungen, aber sie sind irrelevant." Auch auf die Gefahr hin, dass andere sie für arrogant halten.

In der Wirtschaft ist es Mode geworden, Inspirationen bei den großen Unternehmenslenkern des Silicon Valley zu suchen: Jeff Bezos von Amazon, Travis Kalanick von UBER oder Marc Zuckerberg von Facebook. Schaut man sich die Gründer dieser Unternehmen an, wird man feststellen, dass sie viele Eigenschaften haben, die auch Helmut Schmidt in sich vereinte: Sie beherrschen die Komplexität, die sich aus Unsicherheit und schnellem Wandel ergibt. Sie denken visionär, aber sie handeln höchst pragmatisch. Und sie sind überheblich - davon überzeugt, dass ihre Meinung die beste von allen ist. Arroganz in ihrer reinsten Form.

Jens-Uwe Meyer ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.

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