Scheinheiliger Bundestagswahlkampf Warum Moral das gefährlichste Wahlkampfthema ist

Von Irina Kummert
Von Irina Kummert
Kandidatenrunde: Moral ist zum Top-Wahlkampfthema avanciert

Kandidatenrunde: Moral ist zum Top-Wahlkampfthema avanciert

Foto: DPA

Waren es im Bundestagswahlkampf 2013 noch solide Staatsfinanzen, die Finanztransaktionssteuer oder eine Erbschaftsteuerreform, an denen sich die Geister schieden, ist diesmal die Moral zum Top-Wahlkampfthema avanciert. Ob die Strategie aufgeht, Gerechtigkeit als vermeintlich größten gemeinsamen Nenner zu nutzen, um bei der Wählerschaft zu punkten, wird sich erst nach der Wahl zeigen. Unabhängig vom Ausgang der Wahl steht die unerfreuliche Möglichkeit im Raum, dass wir diesmal besonders offensichtlich für dumm verkauft werden sollen.

Irina Kummert

Irina Kummert ist Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft und Mitglied der Ethikkommission des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Seit 2003 ist sie Geschäftsführende Gesellschafterin der Personalberatung IKP Executive Search.

Wir werden penetriert mit Allgemeinplätzen wie "Weil Wirtschaft Maß und klare Regeln braucht" oder "Bildung darf nichts kosten außer ein wenig Anstrengung", die nicht nur ökonomisch betrachtet falsch sind. Bildung etwa kostet uns alle etwas: Lehrkräfte, Bildungseinrichtungen und deren Unterhaltung sowie Lehrmittel. Unabhängig davon ist es in jeder Hinsicht auch in Zukunft unwahrscheinlich, dass "etwas Anstrengung" ausreicht. Das zeigen einerseits die aufgrund von Sanierungsstaus zum Teil erbarmungswürdigen Zustände in unseren Schulen und andererseits die für unsere Kinder nicht immer einfache Aufgabe, in unserer Leistungsgesellschaft zu bestehen.

Mehr Regeln schaffen nicht mehr Regeltreue

Das Wahlversprechen, sich für "höhere Löhne, gute Renten und die Wiederherstellung des Sozialstaats" einzusetzen ist nicht nur deshalb mit Vorsicht zu genießen, weil unklar bleibt, was der Maßstab für "höher" sein soll und was unter "gut" zu verstehen ist. Die Formulierung "Wiederherstellung des Sozialstaats" ist zum Teil ein Synonym für mehr soziale Gerechtigkeit, zum Teil aber auch für mehr Staat.

Durch die Aussage "Weil Wirtschaft Maß und klare Regeln braucht" wird pauschal unterstellt, dass Wirtschaftsakteure kein Maß kennen und durch mehr Regeln im Zaum gehalten werden müssen. Diese Vorverurteilung ist auch durch den derzeit omnipräsenten und aktuell gern als Beweis für die Amoralität der Wirtschaft herangezogenen Dieselskandal nicht gerechtfertigt. Moral oder Amoral ist letztlich bei Individuen verortet, die sich in einer konkreten Situation dafür oder dagegen entscheiden, sich an bestehende Regeln zu halten. Noch mehr Regeln werden daran nichts ändern, da es um ein bestimmtes Mindset und nicht um reine Regeltreue geht.

Wer viel Geld verdient, hat ein Imageproblem

Wer nicht das Bewusstsein hat, dass es aus unterschiedlichen Gründen sinnvoll und nützlich ist, sich an bestehende Regeln zu halten, aus dem werden selbst noch mehr Regeln keine integere Persönlichkeit machen. Davon auszugehen, dass die Manipulation von Abgasemissionen bei Dieselfahrzeugen ein Indiz dafür ist, dass alle Vertreter der gesamten Automobilindustrie amoralisch seien, ist genauso unsinnig wie die Unterstellung, dass alle Wirtschaftsakteure potenzielle Betrüger sind, denen die Politik auf die Finger schauen muss.

Wir demontieren unsere Leistungsträger und sägen damit den Ast ab, auf dem wir sitzen. Aber wir haben uns daran gewöhnt und nehmen es offenbar kaum noch bewusst zur Kenntnis: Wer in unserer Gesellschaft viel Geld verdient, hat ein echtes Imageproblem und ist per se verdächtig, moralisch unsauber zu sein. Von dort aus ist es nicht mehr weit zur Gerechtigkeit.

Von den Wahlplakaten prangen Slogans wie "Es ist Zeit für mehr Gerechtigkeit", "Einsatz für Gerechtigkeit, gute Arbeit, faire Löhne" oder "Glaubwürdig für Gerechtigkeit". Was darunter konkret verstanden werden soll, bleibt im Dunkeln, was nur konsequent ist. Schließlich meinen und wollen wir nicht alle dasselbe, wenn wir über Gerechtigkeit, gute Arbeit und faire Löhne sprechen - im Gegenteil. Selten gibt es so unterschiedliche, ja teilweise diametral entgegengesetzte Auffassungen davon, was gut, fair und gerecht ist, wie im beruflichen Kontext. Was in einer bestimmten Situation als fair oder unfair, als gerecht oder ungerecht angesehen wird, hängt schließlich von der Perspektive und dem Interesse der Person ab, die die Situation beurteilt.

Sinnvolles ist nur wertvoll, wenn niemand daran verdient

Sinnvolles ist nur wertvoll, wenn niemand daran verdient

Das auf den Wahlplakaten proklamierte Gerechtigkeitskonzept muss sich zudem den Vorwurf gefallen lassen, alle gleich machen als gerecht sein zu wollen. Dazu passt das Selbstverständnis der Sharing Economy. Der US-amerikanische Soziologe und Ökonom Jeremy Rifkin ist davon überzeugt, dass die Ökonomie des Teilens den Niedergang des Kapitalismus einläuten und zu einer Weltgemeinschaft führen wird, in der wir es vorziehen, Dinge gemeinsam zu besitzen, statt profitorientiert zu denken und zu handeln.

Der Ansatz bedient den Mainstream der aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussionen. Am 08. Juni 2017 fand in Berlin eine Podiumsdiskussion mit dem Thema "Sharing Economy: Zwischen Weltverbesserung und Milliardengeschäft" statt. Der Titel der Veranstaltung ist Programm: Die Welt zu verbessern und gleichzeitig damit ein Milliardengeschäft zu machen, scheint von vorne herein ausgeschlossen zu sein. Warum eigentlich?

Wäre das Ergebnis weniger gut, wenn jemand mit der Verbesserung der Welt (was auch immer das heißen mag) ein Milliardengeschäft machen würde? Wie der Verlauf der Podiumsdiskussion in Berlin gezeigt hat, wird das entweder ernsthaft geglaubt oder - was keineswegs schmeichelhafter wäre - es wird unreflektiert daher gesagt, weil es sich vordergründig gut anhört.

Keine neue Wirtschaftsordnung in Sicht

Auf dem Podium saßen mehrheitlich Vertreter der Sharing Economy; unter anderem der Leiter Finanzen und Zentrale Dienste von Wikimedia Deutschland, das sich auf seiner Internetseite als "weltweite Bewegung, die sich für die Idee des Freien Wissens einsetzt" präsentiert. Es ging bei der Diskussion um die Frage, welche Konzepte der Ökonomie des Teilens es bereits gibt, wie sie gelebt werden und wie sich durch sie unsere Gesellschaft verändern wird, wenn sie sich durchsetzen.

Dass wir von einer dritten industriellen Revolution durch die Sharing Economy noch weit entfernt sind, wurde allein dadurch deutlich, dass von den anwesenden etwa 100 Gästen nur eine Handvoll angaben, bereits an Programmen wie Airbnb oder Car-Sharing zu partizipieren. Es sieht danach aus, als würde sich in einer Leistungsgesellschaft wie der unseren die Ökonomie des Teilens nur in kleinen Schritten realisieren lassen und sich vermutlich nicht so bald als neue Wirtschaftsordnung durchsetzen.

Nicht alles, was gut klingt, ist gut

Teilen und Profitorientierung gelten nicht nur bei Jeremy Rifkin, sondern gleichermaßen bei maßgeblichen Vertretern der Sharing Economy als ein Gegensatzpaar. Insbesondere der Vertreter von Wikimedia betonte mehrfach, das eigene Geschäftsmodell sei in erster Linie deshalb wertvoll, weil niemand davon einen ökonomischen Nutzen habe. Plattformen wie Wikipedia sind als frei zugängliche Wissenspools sinnvoll, aber wäre eine solche Plattform wirklich weniger wert, wenn jemand einen ökonomischen Nutzen davon hätte?

Derartige Fragen stellen wir uns viel zu selten. Stattdessen nicken wir viel zu häufig Aussagen ab, die sich gut und richtig anhören, ohne zu hinterfragen, ob sie tatsächlich gut und richtig sind. Bezogen auf die anstehende Bundestagswahl und deren Ausgang könnte uns genau das auf die Füße fallen.

Irina Kummert ist Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft, Mitglied des DVFA Ethik Panels sowie Mitglied des Arbeitskreises Wirtschaft & Soziales beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken und schreibt als Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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