Run auf Privatschulen "Wer einfach mal abhängt, macht sich verdächtig"

Warum schicken immer mehr gutbürgerliche Familien Ihren Nachwuchs auf Privatschulen - steckt mehr dahinter als der böse Wolf Globalisierungsangst? Die Soziologie-Professorin Paula-Irene Villa über irrationale Zwänge ehrgeiziger Eltern - und warum die Angst vor dem Mittelmaß unmenschlich ist.
Paula-Irene Villa: "Immer ist etwas an uns "zu": zu dick, zu faul, zu ungesund, zu nachlässig, zu wenig kreativ: zu verbessern."

Paula-Irene Villa: "Immer ist etwas an uns "zu": zu dick, zu faul, zu ungesund, zu nachlässig, zu wenig kreativ: zu verbessern."

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mm: Sie sind eine mächtige Stimme der Soziologenbranche, mit Georg Vobruba haben Sie das Ende des Mittelmaßes ausgerufen. Wie kommen Sie darauf?

Villa: In der Soziologie ist seit einigen Jahren, konzeptuell vom Kollegen Ulrich Bröckling entwickelt, viel die Rede vom sogenannten unternehmerischen Selbst. Wir leben in einer Zeit, in der die Einzelnen angehalten sind, sich permanent selbst zu optimieren, an sich zu arbeiten und sich zu managen - ganz wie ein Unternehmen. Dies gilt nicht nur hinsichtlich der Erwerbsarbeit, das unternehmerische Selbst durchdringt vielmehr den ganzen Mensch, schließt auch die Freizeit und derzeit vor allem den eigenen Körper mit ein. Alles wird als Ressource betrachtet, und die müssen ganz ökonomistisch mobilisiert werden. Da wird das Mittelmaß zum Defizitzustand. Konsequent formuliert: immer ist etwas an uns "zu": zu dick, zu faul, zu ungesund, zu nachlässig, zu wenig kreativ: zu verbessern.

mm: Die Durchdringung des Ökonomischen in sämtliche Lebensbereiche entfremdet uns also der Mitte, der eigenen wie der gesellschaftlichen?

Villa: Logiken wie Effizienz, Markt, Output, Ressourcen, sind Kategorien, die wir inzwischen für alles und jeden anwenden. Es erscheint uns nicht mehr völlig abstrus zu sagen, dass wir unsere Beziehung managen oder die Erziehung der Kinder optimieren.

mm: Könnte man das nicht als Neudeutsch abtun?

Villa: Neudeutsch ist das sicherlich, das macht es aber nicht weniger real oder wichtig. Ob die Ökonomisierung in der Praxis immer so durchschlagend ist wie wir in der Soziologie meinen, ist eine empirische Frage, die derzeit untersucht wird. Klar ist: Wir sind ja nicht wie kleine Roboter, die blind alles nachmachen, was als richtig oder gut gilt. Aber der Diskurs und die Normen sind extrem am Ökonomischen ausgerichtet. Es war in Westdeutschland lange ziemlich normal zu sagen, 'ich hab'e genug geschafft, jetzt gehe ich nach Hause, leg die Beine hoch und trinke ein Feierabendbier'; damit ist es vorbei.

mm: Mit dem Ende des Mittelmaßes ist gleichsam der Tod der Muße zu beklagen?

Villa: Ja. Wer einfach mal abhängt, macht sich verdächtig. Wir müssen immer alles in der Hand haben, gestalten, optimieren, kontrollieren; alles ist an einem möglichst effizienten Output ausgerichtet. Wir sind unentspannt. Selbst die Zeit mit unseren Kindern muss Quality Time sein. Immer mehr gilt als therapiebar, Kleinkinder in die Sprachförderung, in Kitas wird Early Mandarin angeboten, in den Schulferien noch extra Kompetenzen im Bildungscamp mitnehmen, im Wellnessurlaub maximal fit for job werden, im Sport challenges meistern und die Faulheit 'besiegen', statt auf den Bus warten Gehirnjogging mit der App.

mm: Dann sind wir in der Rolle der Selbstoptimierer obendrein zu schlimmen Kontrollfreaks geworden?

Villa: Das ist keine psychologische Individualproblematik. Wir werden doch nach diesen Kriterien bewertet, rein körperlich schon. Wer zum Beispiel "zu dick" ist, genügt den Anforderungen nicht, das ist die Unterstellung.

Dem Mittelmaß entkommen: "Es ist absurd. Und unmenschlich."

mm: Aber zumindest die Jugend chillt noch sehr gern.

Villa: Das ist ihr gutes Recht. Aber auch das wird bedroht, denn immer steht irgendein Zusatzkurs an oder ein Verein, dem Aktivitäten geschuldet sind oder ein Instrument, auf dem geübt werden soll...

mm: Nicht einmal das Instrument lassen Sie als musisches Refugium gelten?

Villa: In Einzelfällen mag es das sein, und das ist wunderbar. Viel häufiger aber ist es ein weiterer Disziplinierungs-und Erziehungs-, ein Klassenzwang, um es böse zu sagen.

mm: Es ist Ihnen partout nichts Positives darüber zu entlocken, dass wir als Gesellschaft dem Mittelmaß entkommen wollen?

Villa: Nein. Denn es ist absurd. Und unmenschlich. Es bringt mit sich, dass alle immer am Limit sind oder es zumindest sein sollen. Sich permanent neu erfinden, maximal kreativ, optimal vorbereitet. Oder aber "gestört": ADHS, LRS, Dyskalkulie, selektiver Mutismus, Über- oder Untergewicht, hochbegabt, unterfordert. Nichts und niemand ist mehr normal, niemand darf mehr Mittelmaß sein. Vielleicht sollten wir nicht nur über das Ende der Wachstumsökonomie diskutieren, sondern auch über das rechte Maß des Gewöhnlichen und Durchschnittlichen. Womöglich wären wir dann alle etwas entspannter und realistischer.

mm: Schaffen wir durch den Zwang zum Besser, Höher, Schneller, Superduper nicht auch den Zwang zur Individualisierung, zum Ich-Branding sozusagen?

Villa: Oder umgekehrt, das greift ja ineinander über. Die in der Moderne und der Modernisierungslogik, die spätestens seit Kant einsetzt, angelegte Maxime, habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, ist gleichzeitig die befreiende Individualisierungslogik der Moderne. Die Optimierung macht daraus wieder einen Zwang. Wenn niemand mehr Mittelmaß ist, ist niemand mehr ungewöhnlich. Ungewöhnlich sein, das war in der Geschichte reserviert für die Genies oder die genialen Künstler oder die Verrückten; denen hat man unterstellt, dass sie immer und in allem ungewöhnlich sind, alle anderen waren irgendwie normal.

mm: Ist der Abschied vom Mittelmaß, der zwanghafte Drang zum Außergewöhnlichen nicht auch Ausdruck einer völlig verängstigten Gesellschaft, die sich davor fürchtet, aus den Angeln gehoben zu werden?

Villa: Absolut. Wir haben es ganz wesentlich mit der Angst der Mittelschichten zu tun, der Schichten, die seit Jahrzehnten auf Bildung und Fleiß setzen als Ticket zur Aufwärtsmobilität oder zumindest für Statuserhalt. Mit den Reformen der letzten Jahre, der Agenda 2010, Hartz 4, der De- und Neuregulierung von Arbeitsmärkten und Sozialpolitik in der Bundesrepublik, der Riesterrente und privater Gesundheitsvorsorge etwa, ist eine Dynamik der Unsicherheit in Gang gekommen. Auch das Entstehen von Privatuniversitäten in Deutschland ist noch gar nicht lange her; überhaupt die zunehmende Ausweitung des privaten Sektors auch in der Bildung, in Schulen.

"Dann kann man das öffentliche Schulsystem gleich wegwerfen"

mm: Der Historiker Hans-Ulrich Wehler hat nachgewiesen, dass der Fahrstuhleffekt in der Bundesrepublik nicht mehr garantiert ist, die soziale Polarisierung zwischen Akademikern und Nicht-Akademikern wächst.

Villa: Deshalb greift für die Mittelschichten genau diese Optimierungs- und Managementlogik. Hier noch ein Kurs und da noch eine Zusatzkompetenz, noch mehr Weiterbildung, mehr Sport, damit man zeigt, dass man sich diszipliniert und schindet. Das passiert selbstverständlich nicht bewusst, das ist klar. Es gibt keinen Plan, dass die Leute sagen, ich bin verunsichert, also mache ich Sport. Aber so interpretieren wir das aus der soziologischen Kenntnis heraus.

mm: Es herrscht nun auch in den Mittelschichten ein furioser Trend, die Kinder auf private Schulen und Universitäten zu schicken. Selbst die Tochter des Präsidenten der Ludwigs-Maximilians-Universität, die unter den Eliteinstitutionen im Land zu den besten zählt, absolvierte den Bachelor in Oxford. Ist das sinnvoll?

Villa: Wenn man aus einer bestimmten Optimierungslogik her denkt, dass die Kinder maximal beste und ausschließlich kompetitiv gedachte Ausgangsbedingungen haben, macht das strategisch Sinn. Ethisch, gesellschaftlich und politisch betrachtet fällt die Antwort anders aus. Wenn alle ihre Kinder auf Privatschulen schicken, kann man anschauen, wie das läuft in Chile beispielsweise oder in Japan oder in manchen Städten der USA. Dann kann man das öffentliche Schulsystem gleich wegwerfen, weil es nichts mehr taugt und nur noch die hingehen, die sich nichts anderes leisten können.

mm: Gleiche Bildungschancen für alle, zumindest in der Theorie, ist eine großartige deutsche Errungenschaft...

Villa: ... und die deutschen Bildungstitel, ob das Abitur, die Ausbildung im dualen System, früher das Diplom oder jetzt Bachelor und Master, sind hoch kompetitive und sehr erfolgreiche Bildungstitel. Ich glaube, eine Elite, die auch internationale Erfahrung hat oder aus einer anderen Ecke der Welt stammt, dass die sich schwer tut mit dem deutschen Bildungssystem, weil man so enzyklopädisch lernt, so frontal und so unlustmäßig. Ich kenne viele Leute aus vielen Ecken der Welt, die das durchaus ausprobiert haben und die Kinder dann doch auf Privatschulen schicken, weil sie entsetzt waren über zu große Klassen, so wenig Spaß, so wenig Menschlichkeit, so wenig Lust am Denken, so wenig Kreativität, so viel Unmotiviertheit. Obendrein sind die Kinder so viel zu Hause und sollen dort noch von den Eltern beschult werden. Da resignieren viele.

"Eltern sollten sich engagieren, statt aus dem System zu flüchten"

mm: Also doch gute Gründe für den Run auf die Privaten?

Villa: Gute Gründe, die aber im Negativen kumulieren. Ich finde, die Eltern sollten sich engagieren und politisch aktiv werden, damit die Schulen anders werden anstatt aus dem System zu flüchten. Sonst kommen die Abwärtsspiralen in Gang.

mm: Sie sind im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, der DGS, und die hat allen Soziologie-Instituten in Deutschland empfohlen, sich nicht mehr an den CHE-Rankings, des Centrums für Hochschul-Entwicklung, zu beteiligen. Haben Sie solche Angst vor der Konkurrenz, vor Transparenz, vor Benotung?

Villa: Ganz im Gegenteil. Man soll uns ganz genau auf die Finger schauen, was wir etwa in der Lehre oder in der Forschung machen. Und das wird vielfach sehr sinnvoll getan, etwa vom Wissenschaftsrat oder im Rahmen der DFG. Aber die CHE-Rankings werden zum Einen methodologisch nicht gut genug gemacht und sie werden zum Anderen genutzt, um die Unis gegeneinander auszuspielen und in eine Reihung zu bringen, die sinnlos und eigentlich unmöglich ist. Das CHE-Ranking soll der Orientierung bei der Studienwahl dienen, wird aber politisch genutzt für Ressourcenverteilungen. Dass wir als Experten für empirische Themen bewertet werden von Unqualifizierten, musste einfach Widerstand mit sich bringen. Andere Fachverbände haben nachgezogen, z.B. Chemie, BWL, Geschichts- und Erziehungswissenschaften. Wir wollen uns evaluieren lassen und wir finden auch, dass eine Orientierung für Studierende ganz wichtig ist. Aber wir sind keine Produkte, die man irgendwie testet und wieder ins Regal stellt. Mit studium.org hat die Deutsche Gesellschaft für Soziologie gemeinsam mit dem Verband der Historiker/innen eine eigene Plattform entwickelt, die valide und solide Studienstandorte vorstellt und bewertet.

Lesen Sie hierzu in der neuen Ausgabe von manager magazin: Warum immer mehr Unternehmer und Top-Manager Unsummen in die Ausbildung ihrer Kinder investieren, ihnen damit aber oft mehr schaden als nutzen. Außerdem: Weshalb das deutsche Abitur an britischen Eliteuniversitäten besonders geschätzt wird und wie Ex-Thyssen-Chef Dieter Vogel seinem Sohn nach einer Ausbildung in England und den USA fünf Millionen Euro spendierte.