Jens-Uwe Meyer

Gähnkrampf statt Wahlkampf Was Politiker von innovativen Firmen lernen können

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2017. Ein Land befindet sich im Umbruch. Die Digitalisierung verändert die Wirtschaft in einer nie gekannten Geschwindigkeit. Neue Branchen und Industrien entstehen, hunderttausende Arbeitsplätze werden ganz oder teilweise ersetzt. Die deutsche Automobilindustrie dieselt dem Schicksal der Dinosaurier entgegen, mit der Zulieferindustrie ist ein ganzer Zweig der traditionellen Industrie im radikalen Umbruch. Kunden werden durch Methoden wie Open Innovation in die Entwicklung neuer Produkte und Angebote einbezogen. Ideen und Innovationen boomen. Mit einer Ausnahme: in der Politik.

Jens-Uwe Meyer

Dr. Jens-Uwe Meyer ist Vorstandsvorsitzender der Innolytics GmbH, Autor und internationaler Keynote Speaker. Mit 13 Büchern (u.a. "Digitale Gewinner", "Digitale Disruption") und mehr als 250 Artikeln zählt er zu den Vordenkern für Digitalisierung und Innovation in Europa.
www.jens-uwe-meyer.de 

Sind die Plakate, die Sie im Bundestagswahlkampf lesen, zwanzig Jahre alt, zehn, fünf - oder doch erst einige Tage? Haben Sie irgendwo neue Ideen entdeckt? Immerhin, FDP-Chef Christian Lindner hat das Wort "Digitalisierung" fehlerfrei auf seine Poster geschrieben, aber sonst? Bullshit-Bingo. Mehr von diesem, weniger von jenem, Grün klaut bei Schwarz, Schwarz klaut bei Gelb, Rot wieder bei Grün. Dieser Bundestagswahlkampf ist wie ein Retrofilm: Ein Ausflug in die guten alten Zeiten, als die Welt noch beständig war.

Wahlkampf als Urform von Open Innovation

Im Zeitalter der digitalen Disruption, das ich in meinem neuen Buch  beschreibe, wirkt das ganze Konzept des Bundestagswahlkampfs antiquiert. Die aktuelle politische Auseinandersetzung ist so ziemlich die schlechteste Form dessen, was in der Wissenschaft Open Innovation  genannt wird: die Einbeziehung der Kunden (beziehungsweise in diesem Fall: der Wähler) in einen Entwicklungsprozess.

In der Wirtschaft funktioniert Open Innovation so: Unternehmen stellen ihre Herausforderungen vor, Kunden bringen ihre Ideen ein. Eigentlich ganz einfach. Dieses Prinzip existiert in verschiedenen Formen: In der frühen Phase einer Produktentwicklung werden Kunden zu Diskussionen eingeladen, in späteren Phasen entwickeln sie gemeinsam mit Unternehmen Ideen für innovative Angebote, später werden die Innovationen in der Praxis getestet. Das Feedback fließt unmittelbar in die Entwicklung mit ein.

Nichts anderes waren die ersten demokratischen Ansätze im antiken Griechenland: Mitreden, mitdiskutieren, Ideen einbringen. Aber was ist daraus geworden? Ein einschläferndes Ritual - alle vier Jahre. Dabei könnten die Erfinder von Open Innovation die antiken Ansätze durchaus in das digitale Zeitalter übertragen. Übertragen auf die Politik würde das bedeuten: Ideen von Bürgern fließen in den Entwicklungsprozess für innovative Zukunftskonzepte ein. Neue Ansätze werden in der Praxis getestet und diskutiert, bevor sie umgesetzt werden. Wie das funktioniert, machen Unternehmen wie die Messe München mit der Ispo-Open-Innovation-Plattform  vor: Mehr als 35.000 Sportler entwickeln Neues gemeinsam mit Sportartikelherstellern. Und: Es funktioniert!

Bitte! Schafft diesen Wahlkampf ab!

Politik sollte ein permanenter Open Innovation Prozess sein: Ein dauerhafter Dialog zwischen den Dienstleistern (Politikern) und ihren Kunden (Sie und ich). Was haben wir stattdessen? So etwas Ähnliches wie Mitwirkung alle vier Jahre. Dieses Konzept stammt aus dem analogen Zeitalter. Die Wahl zwischen sechs Parteien? (Okay, da stehen noch einige mehr auf dem Wahlzettel, aber realistische Chancen haben die nicht.) Selbst eine McDonalds-Menükarte bietet mehr Optionen. Was, wenn ich gerne CDU mit einem kleinen bisschen Grün und etwas Links hätte? Plus einigen Ideen, die ich selbst gerne beisteuern möchte? Nichts. Keine Auswahl. Da geh ich doch lieber zu McDonalds. Dort kann ich in einigen Restaurants seit neuestem wenigstens meinen Burger konfigurieren.

Das eigentliche Problem dieses Bundestagswahlkampfes sind nicht die Politiker. Es ist der Wahlkampf selbst. Das Konzept stammt aus einer Zeit, in der nicht einmal Science-Fiction-Autoren sich Dinge wie die Digitalisierung vorstellen konnten. Das digitale Zeitalter braucht disruptive Ansätze in der Politik. Schade, dass die Piraten den ersten Ansatz einer digitalen Mitbestimmung so kolossal vergeigt haben. Aber reden wir nicht ständig davon, dass man Dinge testen soll? Dass man aus dem Scheitern lernen und einen neuen Anlauf wagen soll? Ganze Kohorten von Topmanagern fliegen ins Silicon Valley, um genau diese Botschaft zu lernen.

Wer hat den Mut, einen neuen Anlauf zu wagen? Für eine zeitgemäße digitale Demokratie. Mit echter Interaktion. Mit richtiger Mitwirkung. Die beste Botschaft des Wahljahres 2017 wäre: Lasst uns den Wahlkampf neu erfinden! Und einfach mal die Kunden fragen.

Jens-Uwe Meyer ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.