Samstag, 24. August 2019

Einkommen und Vermögen Typisch deutsch - lieber alle ärmer als einige etwas reicher

Lieber gleicher als ungleich, so mögen es angeblich die Deutschen. Dabei ist die Umverteilung in der Republik zumindest mit Blick auf die Einkommen schon sehr hoch

Vor die Wahl gestellt, selbst 80.000 Euro zu verdienen, während der Nachbar 100.000 Euro bekommt oder aber jeweils nur 60.000 Euro zu verdienen, dürften die meisten Deutschen sich für die zweite Option entscheiden. So zumindest das Ergebnis psychologischer Studien. Wir bevorzugen es, weniger zu bekommen oder ärmer zu sein, statt reicher, aber eben weniger reich als die Menschen, mit denen wir uns vergleichen.

Daniel Stelter

Dabei überschätzen wir, wie ungleich es in Deutschland zugeht und sind deshalb besonders anfällig für die Forderungen nach mehr Umverteilung. Andere Studien wiederum zeigen, dass Bürger/-innen das Ausmaß der Umverteilung unterschätzen und gefragt nach dem wünschenswerten Grad der Umverteilung geringere Werte nennen, als wir sie schon haben.

Gefördert wird diese Wahrnehmung durch eine mediale und politische Dauerkampagne, die in der vermeintlichen Ungleichheit die größte Ungerechtigkeit sieht und nach immer mehr Umverteilung und einer endlich "gerechteren", sprich höheren Besteuerung der Reichen ruft. Dabei funktioniert bei den Einkommen die Umverteilung schon sehr gut. So liegt der Gini-Koeffizient (Maßstab der Gleichverteilung, 0 = alles gleich; 1 = einer hat alles, alle anderen nichts) vor Umverteilung bei rund 0,5, nach Umverteilung bei 0,29 - und dies seit mehr als zehn Jahren stabil.

Damit ist Deutschland eines der Länder mit der geringsten Ungleichheit bei den verfügbaren Einkommen. Nur Irland und Frankreich verteilen noch mehr um als wir.

Hinzu kommt, dass gerade der Niedriglohnbereich in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich aufgeholt hat. Die Einkommen der unteren zehn Prozent sind zwar langsamer gewachsen als jene der oberen zehn Prozent, aber schneller als die Einkommen der Mittelschicht. Nach Umverteilung steht die Mittelschicht in Deutschland als die Dumme da.

Vermögensverteilung ist ungleicher

Anders sieht es bei der Vermögensverteilung aus. So zeigen Daten der OECD, dass Deutschland in dieser Hinsicht zu den Ländern mit mehr Ungleichheit gehört. Der Gini-Koeffizient liegt bei 0,8, verglichen mit einem Durchschnitt von 0,7 in der OECD.

Dieser Umstand wurde in der letzten Woche sogar vom Internationalen Währungsfonds (IWF) kritisiert. In seiner Länderstudie stellt er einen Zusammenhang zwischen der ungleichen Vermögensverteilung und den Exportüberschüssen her. Demnach würden die Eigentümer der Unternehmen überproportional von den Exporten profitieren und immer reicher werden und zugleich durch ihre hohe Sparquote dazu beitragen, dass wir weiterhin unsere Ersparnisse in das Ausland exportieren. Letzteres führt dann zu weiterhin hohen Exportüberschüssen, wie ich an dieser Stelle mehrfach erläutert habe.

Da dem IWF - wie auch Donald Trump und Emanuel Macron - die deutschen Exportüberschüsse schon lange ein Dorn im Auge sind, ist es nur konsequent, hier anzusetzen und über den Umweg der Vermögensverteilung in Deutschland die Exporte endlich klein zu bekommen. Konkret fordert der Fonds höhere Steuern auf Erbschaften und Vermögen in Deutschland. Dabei befindet sich die Erbschaftssteuer hierzulande schon deutlich über dem Niveau anderer Länder - ich erinnere zum Beispiel an Italien.

Und das geringe Aufkommen aus der Erbschaftssteuer liegt nicht an den zu geringen Sätzen, sondern an den Ausnahmen, die gerade für Unternehmenserben gelten. Es ist durchaus möglich, auch die Unternehmen bei der Besteuerung mit einzubeziehen, zum Beispiel, indem man in jedem Jahr ein 33stel der Erbschaftssteuer veranlagt und so eine Spitzenbelastung im tatsächlichen Erbfall vermeidet. Realistischerweise wird die Politik davor aber zurückschrecken - aus Angst, Arbeitsplätze zu gefährden.

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