Henrik Müller

Ukraine-Krise Öffnung, Hoffnung, Terror

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Der eskalierende Ukraine-Konflikt zeigt, dass wir auf eine Epoche der Instabilität zusteuern. Die Auswirkungen auf unsere Sicherheit und unseren Wohlstand sind kaum zu überschätzen.
Ukrainische Soldaten bei Kiew: Ein brutales Ringen um Vorherrschaft, Einfluss und knappe Ressourcen hat eingesetzt. Im Zweifel würden sich stets die Stärkeren durchsetzen.

Ukrainische Soldaten bei Kiew: Ein brutales Ringen um Vorherrschaft, Einfluss und knappe Ressourcen hat eingesetzt. Im Zweifel würden sich stets die Stärkeren durchsetzen.

Foto: SERGEI SUPINSKY/ AFP

Vor ein paar Jahren schrieb Henry Kissinger ein Buch über die Ordnung der Welt. Der frühere US-Außenminister, Sicherheitsberater und Historiker, inzwischen 97 Jahre alt, machte darin ein großes Panorama auf: Sein Ausgangspunkt war der Dreißigjährige Krieg, eine Zeit, als in Europa Kämpfe, Terror und Seuchen wüteten und Millionen Menschen starben. Das Chaos endete erst, als mit dem Westfälischen Frieden von 1648 eine neue Ordnung etabliert wurde: die "Westfälische Ordnung", die in seinem Kern über Jahrhunderte Bestand hatte und die Kissingers akademisches Lebensthema ist.

Ferne Geschichte. Allerdings interessierten Kissinger vor allem Parallelen zur Gegenwart: "Stehen wir am Beginn einer Periode, in der Kräfte jenseits der Begrenzung durch irgendeine Ordnung unsere Zukunft bestimmen?" formulierte er. Ein brutales Ringen um Vorherrschaft, Einfluss und knappe Ressourcen? Beantwortet man diese Frage mit Ja, dann eröffnet sich ein düsteres Szenario: Im Zweifel würden sich stets die Stärkeren durchsetzen.

Dem Kampf mit allen Mitteln wären keine Grenzen gesetzt. Kriege würden wieder möglich. Stabilität wäre ein ferner Wunsch, dringend notwendige Zusammenarbeit von der Klima- bis zur Migrationspolitik unmöglich. Dieses Kräftemessen würde an die regellosen Strukturen in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts erinnern, nun allerdings nicht mehr ausgetragen mit Pieken und Musketen, sondern mit Cybersabotage, Energieembargos und atomarer Bewaffnung.

ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazins. Müller ist Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für manager magazin gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse und schreibt die Kolumne "Magisches Viereck".

Die derzeitige Entwicklung verleiht Kissingers Frage eine neue Dringlichkeit. Während die Kriegsgefahr in Europa steigt, weil Russland Truppen an den Grenzen zur Ukraine aufmarschieren lässt, wappnet sich der Westen – mit Sanktionsplänen, Truppenverlegungen in die östlichen Nato-Mitgliedstaaten, Waffenlieferungen und Vorbereitungen auf Flüchtlingswellen.

Die bevorstehende Woche wird geprägt sein von Krisentreffen. Montag reist Bundeskanzler Olaf Scholz nach Kiew, Dienstag weiter zu Wladimir Putin. Mittwoch und Donnerstag kommen die Verteidigungsminister der Nato-Staaten in Brüssel zusammen. Ab Freitag versammelt sich die internationale Szene der Strategen und Berater zur Münchner Sicherheitskonferenz.

Hektische diplomatische Bemühungen verbunden mit veritablen Drohungen sollen die Logik der Eskalation doch noch durchbrechen. Man kann nicht sicher sein, dass sie Erfolg haben werden. Zum Wochenende machten bereits US-Geheimdienstberichte die Runde, wonach Mitte kommender Woche mit einer russischen Invasion zu rechnen sei.

Abermals stecken wir in einer Phase, in der verwitterte internationale Strukturen morsch geworden sind und unklar bleibt, was danach kommt: Beginnt eine Periode "ohne jede Begrenzung durch irgendeine Ordnung"? Oder entstehen aus der Krise neue Sicherheitsstrukturen? Wie sich das geopolitische Umfeld weiterhin entwickelt, hat übrigens enorme Auswirkungen auf Wirtschaft und Wohlstand, dazu etwas weiter unten mehr.

Prekäre Stabilität

Dass in Europa inzwischen wieder Grenzverschiebungen möglich sind, ist eine direkte Folge des Niedergangs der bisherigen internationalen Ordnung. Die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg waren geprägt von einer prekären Stabilität. Mit dem sowjetisch dominierten Warschauer Pakt und der US-geführten Nato standen sich zwei Blöcke gegenüber, hochgerüstet und ideologisch gegensätzlich. Europa war in Machtsphären aufgeteilt. Nur an den Rändern existierten Länder ohne Blockbindung: in Skandinavien (Schweden, Finnland), auf dem Balkan (Jugoslawien, später auch Albanien), auf der iberischen Halbinsel (Spanien, Portugal).

Stabil war dieses Patt, weil beide Blöcke jeweils im Innern von einer Hegemonialmacht fest zusammengehalten wurden. Ein Ausbrechen aus der jeweiligen Phalanx war entweder militärisch quasi unmöglich (im Osten) oder nicht erstrebenswert (im Westen). Prekär war diese Situation, weil die Logik der Abschreckung stets die eigene totale Vernichtung mit einkalkulierte. Frieden stellt man sich eigentlich anders vor.

Aber immerhin: Es war ein streng geordnetes System, in dem über Jahrzehnte der Wohlstand gedeihen konnte und Handels- und Unternehmensverflechtungen immer enger wurden, während der kulturelle Austausch blühte. Das galt insbesondere für die Länder des Westens. Aber auch die Sowjetunion versuchte, ein System der sozialistischen Arbeitsteilung zu etablieren, das Moskau im Rahmen des "Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe" (RGW) dirigierte.

Die Ära der Doppel-Hegemonie ging zu Ende, als die Sowjetunion zusammenbrach. Man kann diese Implosion als Folge "imperialer Überdehnung" interpretieren, ein Konzept, das der Yale-Historiker Paul Kennedy allen Großreichen vorhergesagt hat: "Große Mächte" würden sich ausdehnen, bis die Aufrechterhaltung des Reiches irgendwann ihre ökonomischen Möglichkeiten übersteige. In der Sowjetunion war dieser Prozess der inneren Verarmung durch äußere Überdehnung unübersehbar.

Seit 2008 geht es mit dem Westen bergab

Übrig blieben die USA als einzige Macht von globaler Reichweite. Auf die duale Ordnung der Nachkriegszeit folgte nun eine Phase westlicher Dominanz. Die Globalisierung nach dem großen Mauerfall erfasste weite Teile des Globus. Öffnung, Demokratie, Marktwirtschaft – die 1990er Jahre waren weltweit von großem Optimismus getragen. Unter US-Führung erlebte die Welt ein Jahrzehnt lang Aufschwung und Stabilität. Das Bild bekam erste Kratzer, als nach den Anschlägen vom 11. September 2001 die Weltmacht sich in lange Kriege in Afghanistan und im Irak verstrickte.

Dessen ungeachtet nahm die Globalisierung in den 2000er Jahren richtig Fahrt auf. Die ökonomische Integration nahm eine Intensität an, wie es das nie zuvor gegeben hatte. Mehr noch: Immer mehr Menschen machten sich persönlich ein Bild von der Welt jenseits der Grenzen. Zwischen 1990 und 2010 verdoppelte sich das globale Fluggastaufkommen – schlecht fürs Klima, aber gut für die Weitung der geistigen Horizonte. So gesehen war die Globalisierung ein großes Projekt gegen die Engstirnigkeit.

Russland mit neuem Wohlstand und Selbstbewusstsein

Das Jahr 2008 markiert den Höhepunkt dieser westlich dominierten Ordnung. China war inzwischen der Welthandelsorganisation (WTO) beigetreten, integrierte sich in die Weltwirtschaft. In internationalen Institutionen spielte Peking eine zurückhaltend konstruktive Rolle. Bei den Pekinger Olympischen Sommerspielen in jenem Jahr präsentierte sich das Gastgeberland als eine sich öffnende Nation.

Russland wiederum war nach harten Jahren der postsowjetischen Krise zu neuem Wohlstand und Selbstbewusstsein gelangt, auch dank hoher Rohstoffpreise. Möglich war all dies, weil die westlich inspirierte Weltordnung, von der auch die einstigen ideologischen Gegner profitierten, letztlich von den USA garantiert wurde.

Doch bereits auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung taten sich Risse auf. Andere Mächte wurden stärker und forderten die USA heraus. Wladimir Putin wurde bei der Münchner Sicherheitskonferenz von 2007 bereits sehr deutlich und brandmarkte Amerika als aggressive Macht – es war ein frühes Präludium zum heutigen militärischen Stand-off in der Ukraine. 2008 intervenierten seine Truppen im westlich gesinnten Georgien und trennten Teile des Staatsgebiets ab. Die USA konnten dem letztlich nichts entgegensetzen.

"Imperiale Überdehnung"

Der Westen, auch das wurde 2008 deutlich, wurde nun selbst von Symptomen der "imperialer Überdehnung" geplagt. Die Finanzkrise offenbarte Schwächen im Innern des demokratisch-kapitalistischen Systems der USA. Die Eurokrise in den 2010er Jahren zeigte aller Welt, wie uneins die alte Welt sein kann.

Es kam noch schlimmer: Das Aufkeimen des Populismus in den 2010er Jahren – mit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten und dem Brexit-Referendum von 2016 als weithin sichtbaren Auswüchsen – schwächte den Westen weiter, weil sich diese Triumpfe des Irrationalismus und Irrsinns als Fehler eines Systems interpretieren ließen, das es mit der Freiheit des Individuums zu weit getrieben hatte.

Fatale Signale

In diesem Umfeld litt auch das transatlantische Verhältnis. Trump stellte öffentlich die Nato in Frage. Angela Merkel betonte die Notenwendigkeit zu mehr europäischer Eigenständigkeit: "Wir müssen selber für unsere Zukunft kämpfen, als Europäer, für unser Schicksal", sagte sie im Frühjahr 2017 in einem bayerischen Bierzelt – ohne dass daraus irgendetwas Konkretes gefolgt wären.

Fatale Signale. Denn sie bedeuteten ja nichts anderes, als dass Amerika seine Weltmachtrolle nicht mehr spielen konnte, während andere tragfähige Strukturen nicht in Sicht waren. So konnte sich Putin Hoffnungen auf weitere Machtverschiebungen zu seinen Gunsten machen. In Peking ging man daran, Hongkong in die Volksrepublik einzugliedern und Taiwans Unabhängigkeit mit militärischen Provokationen zu testen.

Dies ist die Lage: Die "Begrenzungen durch irgendeine Ordnung" (Kissinger) lösen sich allmählich auf. Allerlei Mächte fühlen sich nun stark genug, ihren eigenen Vorteil zu suchen und ihre Einflusszonen zu vergrößern. Das trifft nicht nur auf China und Russland zu, sondern auch auf mittelgroße Staaten wie die Türkei oder Saudi-Arabien. Wer wollte sie bremsen?

2022 – eine historische Weggabelung

Immerhin: Der Westen hat angesichts der russischen Bedrohung die Reihen wieder fester geschlossen – inklusive eng abgestimmter Sanktionskataloge und lindernder Maßnahmen im Fall von Gegensanktionen. Die USA sind unter Präsident Joe Biden wieder tatkräftig involviert in europäische Sicherheitsfragen. Derartige Zusammenarbeit ist notwendig, um die Gefahr militärischer Aggression einzudämmen. Aber sie wird nicht genügen, um eine Renaissance des Westens zu stiften.

Für Deutschland bedeuten die gegenwärtigen Ereignisse ein böses Erwachen. Nach dem Ende des Kalten Krieges hatte die Bundesrepublik abgerüstet und ihre Wirtschaft in einem Maß geöffnet wie kaum ein anderes Land. Was in einer liberal geordneten Welt vernünftig sein mag, ist in einer Ära des Powerplay der Großmächte risikoreich: Wir sind verletzlich und erpressbar – von China wegen der intensiven Wirtschaftsbeziehungen, von Russland wegen des hohen Anteils an den deutschen Energieimporten.

So gesehen stellt die Russland-Krise von 2022 eine Weggabelung dar: Entweder es gelingt uns, gemeinsam mit den USA und anderen westlich geprägten Ländern, liberale Werte international abzusichern. Oder wir bewegen uns auf eine regellose Phase der Weltpolitik zu, in der auch die Wirtschaft stark leiden würde – Deutschlands Modell der Exportorientierung und internationalen Kapitalverflechtung wird dann nicht mehr wie gewohnt aufrechtzuerhalten sein.

Das Projekt Selbstbehauptung

Um sich dem ersten Szenario zu nähern, braucht die Bundesrepublik eine glaubwürdige Außenpolitik, die in langen Linien denkt und sich an Werten und Prinzipien ausrichtet. Priorität sollte die Stärkung der inneren Strukturen der EU haben, mit der Schaffung einer gemeinsamen europäischen Armee als zentralem Projekt.

Deutschland wird nur wirksam sein können, wenn es glaubwürdig ist. Eine konstruktive, aber robuste Außenpolitik hat nur eine Chance, wenn sie von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt getragen wird. Das heißt auch: Die Bundesregierung wird kaum anders können, als den Einfluss der Konzerne auf die Außenpolitik zurückzudrängen.

Der in der Vergangenheit allzu oft wirtschaftsopportunistische außenpolitische Kurs macht Berlin nicht gerade zu einem überzeugenden internationalen Partner. Der Reputationsschaden etwa, den die Russland-Pipeline Nord Stream 2 verursacht hat, ist kaum zu beziffern.

Angesichts der tief greifenden geostrategischen Verschiebungen wird sich der Westen nur behaupten können, wenn er geschlossen auftritt und sich nicht über Gaslieferungen oder potenzielle Absatzmärkte gegeneinander ausspielen lässt. Es geht nicht mehr nur ums Geschäft, sondern inzwischen auch um Selbstbehauptung.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der bevorstehenden Woche

Montag

Kiew – Beistand – Kanzler Scholz reist in die Ukraine.

Dienstag
Moskau – Versuch einer Eindämmung – Kanzler Scholz bei Russlands Präsident Putin.

Berlin – Wann platzt die Blase? – Der "Rat der Immobilienweisen" legt sein Frühjahrsgutachten 2022 zu den Perspektiven des deutschen Immobilienmarktes vor. Angesichts steigender Zinsen stellt sich die Frage, ob und wann die Stimmung kippt – und wie scharf gegebenenfalls eine Korrektur der hohen Bewertungen ausfallen wird.

Luxemburg/Tokio – Konjunktur-Buchhaltung – Die Statistiker der EU und Japans veröffentlichen Zahlen zur Entwicklung der Wirtschaftsleistung im letzten Quartal 2021.

HV-Saison I – Aktionärstreffen von Siemens Healthineers.

Mittwoch

Brüssel – Ernstfall – Treffen der Nato-Verteidigungsminister (bis Donnerstag), während die Ukraine-Krise sich weiter zuspitzt.

Berlin – Corona und kein Ende – Die Ministerpräsidentenkonferenz konferieren mit Bundeskanzler Scholz.

Peking – Die Preise in Fernost – Chinas Statistikamt gibt Zahlen zur Preisentwicklung bekannt.
Berichtssaison I – Geschäftszahlen von MTU, Heineken, Air Liquide, Carrefour, Clariant, Schindler, Cisco, Kraft Heinz, Hilton.


Donnerstag
Berichtssaison II – Geschäftszahlen von Airbus, Commerzbank, Gerresheimer, Villeroy & Boch, Schneider Electric, Lagardere, Air France-KLM, Orange, Nestlé, Reckitt Benckiser, Standard Chartered, Intel, Walmart.

HV-Saison II – Aktionärstreffen von Infineon, Aurubis.


Freitag
München – Bestandsaufnahme in der Krise – Beginn der Münchner Sicherheitskonferenz (bis Sonntag).

Berichtssaison III – Geschäftszahlen von Allianz, EdF, ENI, Renault, Deere.