Mittwoch, 8. April 2020

Empfehlungen für deutsche Krankenhäuser Ärzte bereiten sich auf Mangel an Intensivbetten vor

Intensivbett in einer Klinik in Dresden: Wer wird behandelt, wer nicht?
Ronald Bonss/dpa-Zentralbild/dpa
Intensivbett in einer Klinik in Dresden: Wer wird behandelt, wer nicht?

Wer wird noch behandelt, wenn es nicht mehr genug Plätze auf der Intensivstation gibt? Deutsche Ärzte haben jetzt Empfehlungen entwickelt. Das Alter allein ist demnach nicht ausschlaggebend.

Schon jetzt liegen in Deutschland mehr als 800 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, mehr als 500 müssen beatmet werden. Noch reichen die Kapazitäten aus, um alle kritisch Erkrankten zu versorgen. Deutschlands Notfall- und Intensivmediziner bereiten sich jedoch bereits auf Engpässe vor.

"Nach aktuellem Stand der Erkenntnisse zur Covid-19-Pandemie ist es wahrscheinlich, dass auch in Deutschland in kurzer Zeit und trotz bereits erfolgter Kapazitätserhöhungen nicht mehr ausreichend intensivmedizinische Ressourcen für alle Patienten zur Verfügung stehen", heißt es in einem Dokument, das sieben Fachgesellschaften gemeinsam verabschiedet haben.

Das Schreiben enthält medizinische und ethische Empfehlungen, die Ärzten und Pflegern dabei helfen sollen, auf einer überlasteten Intensivstation zwischen den Patienten in Lebensgefahr zu priorisieren. Dabei entscheiden sie zwischen Leben und Tod. "Eine enorme emotionale und moralische Herausforderung für das Behandlungsteam", so umschreiben es die Fachorganisationen in ihrem Papier.

Das Prinzip der Triage: So viele Leben retten wie irgend möglich

"Sollten wir in die schwierige Situation kommen, zwischen Patienten entscheiden zu müssen, dann wollen wir gewappnet sein", sagt Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). "Wir wollen am Ende dieses schwierigen, schmerzlichen Prozesses sagen können: Es war eine fundierte, gerechte Entscheidung."

Können nicht mehr alle lebensbedrohlich erkrankten Patienten behandelt werden, kommt das Prinzip der Triage aus der Katastrophenmedizin zum Einsatz. Dabei werden die Patienten anhand bestimmter Kriterien priorisiert. Das Ziel ist, mithilfe der begrenzten Ressourcen so viele Leben wie möglich zu retten.

Alter soll kein Kriterium für die Auswahl sein

Gibt es etwa nicht mehr genug Beatmungsgeräte, werden Patienten zurückgestellt, bei denen es keine oder nur eine sehr geringe Aussicht auf eine erfolgreiche Behandlung gibt. "Vorrangig werden dann diejenigen Patienten klinisch notfall- oder intensivmedizinisch behandelt, die dadurch eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit beziehungsweise eine bessere Gesamtprognose (auch im weiteren Verlauf) haben", heißt es in dem Papier.

Dabei sei wichtig, zwischen allen kritisch erkrankten Patienten zu entscheiden und nicht nur innerhalb der Gruppe der Covid-19-Erkrankten. Das bedeutet, dass im Zweifel auch Patienten mit einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall von der Entscheidung betroffen sein können. Auch sei nicht zulässig, die Entscheidung nur vom Alter oder sozialen Kriterien abhängig zu machen, schreiben die Fachgesellschaften.

Dem 80-Jährigen werde in Deutschland nicht von vornherein die Behandlungsmöglichkeit verweigert, erklärt Janssens, der als Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler arbeitet.

"Die Kollegen in Italien und Spanien sind jetzt schon schwer traumatisiert"

Zu den Entscheidungskriterien zählen stattdessen neben dem aktuellen Zustand auch weitere Erkrankungen. Wer etwa eine sehr weit fortgeschrittene Krebserkrankung oder ein fortgeschrittenes Leberversagen hat, wird eher zurückgestellt. Ebenfalls nicht behandelt wird, wenn der Patient keine Intensivtherapie wünscht. Dieser Grundsatz sollte aber immer gelten, auch wenn genügend Betten und Geräte zur Verfügung stehen.

Neben Kriterien für eine Priorisierung enthält das Papier auch Empfehlungen dafür, wer die Entscheidung treffen soll. Demnach sollte - falls möglich - jeder Fall in einem Team aus mindestens drei Personen diskutiert werden und zwar von:

  • möglichst zwei intensivmedizinisch erfahrenen Ärzten,
  • möglichst einem Vertreter der Pflegenden,
  • gegebenenfalls aber auch weiteren Fachvertretern.

Noch handelt es sich bei den Empfehlungen in Deutschland nur um ein theoretisches Konstrukt. Gibt es neue wissenschaftliche Erkenntnisse oder praktische Erfahrungen, soll das Papier angepasst werden. Schon jetzt sind Fachleute dazu aufgerufen, es zu kommentieren.

Es sei erschütternd gewesen zu sehen, unter welchem Druck Kollegen in anderen Ländern bereits Entscheidungen dieses Ausmaßes hätten fällen müssen, ohne irgendeine Orientierung zu haben, sagt Janssens. "Die Kollegen in Italien und Spanien sind jetzt schon schwer traumatisiert. Das geht an niemandem spurlos vorbei."

Der Kriterienkatalog solle Ärzten in Deutschland deshalb als Stütze dienen. Außerdem sei wichtig, an alle in der Bevölkerung zu kommunizieren, dass in dieser schwierigsten aller Situationen nicht einfach nach Bauchgefühl entschieden werde.

la/dpa/Spon

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