Strittiges Interview des Wahlverlierers Torsten Albig Verhängnisvolle Liebe im hohen Norden

Ein Ministerpräsident plaudert im Interview offen über seine neue Liebe - und die Ehefrau, die er für sie verlassen hat. Jetzt hat SPD-Regierungschef Torsten Albig die Wahl in Schleswig-Holstein verloren - und manche sehen da einen Zusammenhang.
Neue Liebe, neues Glück, großer Fettnapf: Schleswig-Holsteins (Noch-)Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) und seine Lebensgefährtin und Unternehmerin Bärbel Boy wenige Tage vor der Wahl in Schleswig Holstein

Neue Liebe, neues Glück, großer Fettnapf: Schleswig-Holsteins (Noch-)Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) und seine Lebensgefährtin und Unternehmerin Bärbel Boy wenige Tage vor der Wahl in Schleswig Holstein

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Vor wenigen Wochen erst ging die Landtagswahl im Saarland verloren, am Sonntag dann die zweite Klatsche: wieder verlor die SPD kräftig, rutschte deutlich unter 30 Prozent, wurde mit Torsten Albig zudem erstmals seit 2005 ein SPD-Ministerpräsident abgewählt. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz ärgert das "höllisch", sagte er noch am Sonntagabend ohne Umschweife im Berliner Willy-Brandt-Haus.

Die Reaktion verwundert nicht. Denn die Niederlage des eigenwilligen und auch zur Selbstgefälligkeit neigenden Albig, wie Beobachter sagen, war in ihrer Höhe dann doch überraschend. Statt Rückenwind aus dem hohen Norden bläst den Wahlkämpfern in Nordrhein-Westfalen nun der Gegenwind ins Gesicht, muss NRW-Regierungschefin Hannelore Kraft (SPD) am kommenden Sonntag die Kohlen aus dem Feuer holen - auch für SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz.

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Verliert die SPD auch die Wahlen im bevölkerungsreichsten Bundesland, dürfte es für den Kanzlerkandidaten Schulz eng werden , sagen Politikexperten in Berlin. Und so ist die SPD-Führung wenig überraschend bemüht, Schaden von ihrem Parteichef abzuwenden. Der Sündenbock für eines der schlechtesten Wahlergebnisse der Nachkriegszeit der SPD in Schleswig-Holstein steht fest:

"Diese teilweise harte Erfahrung war total schön für die Beziehung"

Der Wahlkampf habe sich zuletzt "weniger auf die Inhalte als auf das Privatleben des SPD-Spitzenkandidaten" konzentriert, sagte SPD-Generalsekretärin Katarina Barley schon kurz nach Schließung der Wahllokale. Barley spielt damit auf ein Interview von Albig in der "Bunte" an. Darin verscherzte er sich Sympathien durch als abfällig empfundene Äußerungen über seine Noch-Ehefrau. Thomas Oppermann stößt ins gleiche Horn. "Offenkundig ist es Torsten Albig nicht gelungen, seinen Amtsbonus einzubringen", sagte der Fraktionschef im Bundestag.

Doch was hatte Albig eigentlich über seine Noch-Ehefrau gesagt, das vor allem ältere Wählerinnen vor den Kopf gestoßen haben könnte? Denn laut Analysen von Infratest Dimap verlor die SPD zum einen viele Wähler unter den 35- bis 60-Jährigen an die CDU. Zugleich konnte die CDU insbesondere bei Wählerinnen diesen Alters und den über 60-Jährigen zulegen - also genau dort, wo die SPD Wählerinnen verlor.

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Tatsächlich ließ sich Albig in dem am 20. April veröffentlichten Doppel-Interview mit seiner neuen Lebensgefährtin zunächst über die Wirkungen des gemeinsamen Heilfastens aus. "Wir haben zehn Tage Heilfasten gemacht. Nur Brühe, verdünnte Säfte und Tee. Diese für Körper und Geist teilweise harte Erfahrung war total schön für die Beziehung", so der markante Glatzkopf zur "Bunte". Fünf Kilo habe er abgenommen, fühle sich für die heiße Phase des Wahlkampfs "gestärkt und rundum wohl - was natürlich auch an Bärbel liegt".

Gemeint ist Bärbel Boy, 48, Strategieberaterin. Im Januar 2016 zog Albig bei seiner Frau Gabriele (53) aus und ins Haus der alleinerziehenden Mutter und ihren drei Söhnen ein. Eine ganz normale deutsche Ehe-Geschichte also.

Ganz normal? Für viele wohl nur bis zu einer bestimmten Stelle des Interviews, wo Albig über das Verhältnis zu seiner Noch-Ehefrau spricht.

"Wenige Momente, in denen wir uns auf Augenhöhe ausgetauscht haben"

"Freundschaftlich" sei es, versichert der Vater zweier Kinder. Die Trennung von seiner Frau sei für ihn ein sehr schwerer Schritt gewesen. "Mir war diese Ehe wichtig. Wir haben uns ja mal sehr geliebt." Irgendwann aber hätte das Paar nicht mehr genügend aufeinander aufgepasst. Wörtlich heißt es dann:

"Irgendwann entwickelte sich mein Leben schneller als ihres. Wir hatten nur noch ganz wenige Momente, in denen wir uns auf Augenhöhe ausgetauscht haben. Ich war beruflich ständig unterwegs, meine Frau war in der Rolle als Mutter und Managerin unseres Haushaltes gefangen."

Diese Äußerung, spekulierte die "Süddeutsche Zeitung" einen Tag vor der Wahl , werde der einen oder anderen ebenfalls am Herd gefangenen Hausfrau in Schleswig-Holstein sauer aufgestoßen sein. Auf dem platten Land, dessen Bewohnern mitunter ein konservatives Geschlechter-Rollenverständnis zugeschrieben wird, hätte es Kritik und Häme gehagelt, hätten Gegner Albigs die Interview-Passage genussvoll zitiert mit dem Hinweis, dass dies ja eine recht rückständige Rollensicht der Geschlechter sei.

"Das Interview hat die Stimmung zerschlagen"

Die "Welt" spekuliert am Montag gar , ob das "Bunte"-Interview Albig letztlich die Wahl und das Amt gekostet haben könnte. Die Zeitung weist darauf hin, dass die SPD in einer Umfrage vier Tage nach Veröffentlichung des Interviews überraschend um 3 Prozentpunkte auf 30 Prozent abgesackt war und seitdem in Umfragen auch nicht mehr zulegen konnte.

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Was SPD-Generalsekretärin Barley noch am Sonntag vorsichtig andeutete, glaubt Schleswig-Holsteins Ex-Ministerpräsident und CDU-Mann Peter Harry Carstensen längst zu wissen: "Das Interview in der ,Bunten' hat die Stimmung zerschlagen", so Carstensen zur "Welt".

SPD-Landeschef Ralf Stegner wiederum sieht ein Verschulden weder bei den eigenen Wahlkämpfern noch bei Martin Schulz. Auch die Inhalte seien nicht für die verlorene Wahl verantwortlich. Vielmehr habe die SPD "einen Bruch" in den letzten 14 Tagen vor der Wahl gehabt, schob Stegner indirekt Albig den Schwarzen Peter zu. Dessen Zukunft ließ er am Dienstag bewusst offen.

Kritik hatte sich Albig zuvor schon von seinem Stellvertreter und Grünen-Umweltminister Robert Habeck zugezogen, der ihm indirekt Überheblichkeit vorwarf. Habeck sagte dem Podcast-Journalisten Tilo Jung: "Die eigentlichen Aufreger sind eher: Welcher Politiker ist überheblich? Es gibt ein Interview des Ministerpräsidenten, wo er seine Trennungsgeschichte von seiner Familie breitgetreten hat - das haben viele Leute nicht als besonders klug empfunden."

Albig-Stellvertreter wirft Ministerpräsident indirekt Überheblichkeit vor

Kann zu viel persönliche Inszenierung in der Politik dann doch schaden?

Befürwortern dieser These fällt mit Blick auf den gestrauchelten Ministerpräsidenten Albig nun das Beispiel Rudolf Scharping ein. Die "Bunte" zeigte im August 2001 den SPD-Verteidigungsminister sogar auf dem Titelblatt - planschend mit seiner Freundin im Pool auf Mallorca. Zeitgleich rüsteten sich seine Soldaten für den Einsatz in Mazedonien.

Das hatte nicht nur in der Truppe für Missstimmung gesorgt. Kanzler Schröder setzte Scharping elf Monate später den Ministerstuhl vor die Tür.

Auch Albig wird sich nun womöglich einen neuen Job suchen müssen. Ob es für den eines Pressesprechers wie seinerzeit unter Finanzminister Peer Steinbrück noch reicht? Nach seinem unglücklichen Medienauftritt in der "Bunten" so kurz vor der Wahl dürften manche jedenfalls Zweifel an einem "Medienprofi" Albig hegen.

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