Donnerstag, 17. Oktober 2019

Deutscher Top-Ökonom über soziale Ungleichheit "Die Anreize im Steuersystem? Eine Katastrophe!"

Gary Waters / Getty Images

Ist Ungleichheit automatisch ungerecht? Nicht unbedingt, sagt der Finanzwissenschaftler Andreas Peichl. Das deutsche Steuersystem sei zwar zum Teil "pervers", eigentlich aber gehe es uns "super".

Andreas Peichl
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    Andreas Peichl (37) ist Professor für Quantitative Finanzwissenschaft an der Universität Mannheim. Als Leiter der Forschungsgruppe "Internationale Verteilungsanalysen" am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung untersucht er intensiv, wie sich die Besteuerung auf soziale Ungleichheit auswirkt.

Herr Peichl, wir zitieren eine Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung: Vier von fünf Deutschen empfinden die soziale Ungleichheit in Deutschland als zu groß. Können Sie die Leute verstehen?

Andreas Peichl: Deutschland ist kein zu ungleiches Land. Es liegt im OECD-Mittelfeld, was die Verteilung der verfügbaren Einkommen angeht. In Skandinavien sind die Einkommen etwas gleichmäßiger verteilt, in den USA ungleicher. Es gibt zwar in Deutschland einen Trend zu wachsender Ungleichheit, aber die Empfindung der Deutschen ist dem weit voraus.

Woher kommt dieses Wehklagen?

Peichl: Da spielen die Medien eine große Rolle, die lieber über die Extreme berichten: Armut auf der einen Seite, Reichtum auf der anderen. Zum Beispiel die Geissens auf RTL 2: Die verprassen sinnlos Unmengen an Geld. Vergleicht man das mit der eigenen Situation, kommt schnell das Gefühl auf, den anderen gehe es besser.

Wann würden Sie persönlich denn von zu viel Ungleichheit sprechen?

Peichl: Das ist schwer zu sagen. Fest steht: Wir brauchen ein Maß an Ungleichheit als Anreiz für Produktivität. Wer gute Leistungen bringt, muss davon auch einen Vorteil haben. Der Anreiz funktioniert natürlich nur, solange jeder auch die Chance auf ein vernünftiges Einkommen hat. Irgendwo gibt es durchaus einen Punkt, an dem Menschen abgehängt werden. Die Frage ist nur, wo dieser Punkt ist. Darauf hat die Forschung bisher keine Antwort.

Die von Ihnen zitierte OECD wies 2015 in einer Studie darauf hin, dass dieser Punkt schon überschritten sei: Danach habe der Anstieg der Ungleichheit in Deutschland seit Mitte der 80er-Jahre das Wirtschaftswachstum gebremst.

Peichl: Diese Studie basiert leider auf methodischen Fehlern. Wenn der Autor sie bei mir als Bachelorarbeit eingereicht hätte, wäre er durchgefallen. Es ist wissenschaftlich leider einfach nicht möglich, einen Kausalzusammenhang zwischen Ungleichheit und Wachstum festzustellen.

Auch DIW-Präsident Marcel Fratzscher beklagt die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland. Er ist der Meinung, immer mehr Menschen würden abgehängt, Deutschland sei inzwischen so ungleich wie die USA.

Peichl: Das stimmt auch, wenn man sich die Markteinkommen der Deutschen anschaut, also die Einkommen vor Steuern und Transferleistungen. Markteinkommen sind aber aus meiner Sicht gar nicht die relevante Größe. Entscheidend ist doch, wie viel ein Haushalt tatsächlich für Konsum verwenden kann. Und die verfügbaren Einkommen sind in Deutschland wesentlich gleicher verteilt, weil mehr durch Steuern umverteilt wird als in den USA.

Der künftige US-Präsident Donald Trump will den Spitzensteuersatz senken. Sie haben die Auswirkungen der US-Steuerpolitik auf die Ungleichheit erforscht. Was halten Sie von dem Plan?

Peichl: Den Spitzensteuersatz zu senken, wäre mit Sicherheit nicht die richtige Variante. Viele Amerikaner glauben, man sollte die Reichen nur wenig besteuern, so würden mehr Arbeitsplätze entstehen und es ginge allen besser. Das ist empirisch nicht nachweisbar. In den 60er-Jahren betrug der US-Spitzensteuersatz über 90 Prozent, in den 80ern gerade mal 28 Prozent. Das Wirtschaftswachstum war in beiden Jahrzehnten ähnlich hoch. Eine Auswirkung des Spitzensteuersatzes auf Beschäftigung und Wachstum lässt sich also nicht nachweisen, wohl aber auf die Ungleichheit.

Halten Sie einen Spitzensteuersatz von 90 Prozent denn für sinnvoll?

Peichl: 90 Prozent sind aus Anreizgesichtspunkten sicherlich zu hoch. Die Frage ist, ab wann der Spitzensteuersatz greifen soll. Jahreseinkommen über 100 000 Euro sollte man ruhig mit 50 Prozent besteuern. Und bei noch höheren Einkommen kann man auch weitere Stufen einbauen. Wenn ein CEO ein oder zwei Millionen mehr verdient, macht sein Unternehmen nicht automatisch mehr Gewinn. Solch hohe Gehälter folgen weniger einer Marktlogik als einer guten Verhandlungsposition. Und man darf nicht vergessen: Das Geld, das der CEO mehr bekommt, verdienen die anderen Beschäftigten weniger.

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