30 Jahre Deutsche Einheit Die wenigen Ostdeutschen auf der Liste der Reichsten

Die manager-magazin-Liste der reichsten Deutschen liefert auch ein Maß für den Stand der deutschen Einheit. Unter den 500 größten Vermögen findet sich nach 30 Jahren fast niemand aus dem Osten. Fast.
Stephan Schambach

Stephan Schambach

Foto: Newstore

Es gibt sie durchaus, die wirtschaftlichen Erfolgsstorys im Osten. Mehrere Unternehmer haben dort ihr Paradies gefunden, wie der Report von mm-Redakteurin Eva Buchhorn  zum 30. Jahrestag der Wende zeigte.

Auch im großen Stil geht es voran, wie die Ansiedlung von Tesla in Grünheide (Mark) mit der laut Firmenchef Elon Musk (49) "wichtigsten Autofabrik der Welt" unterstreicht. Zwar hat bisher keines der ostdeutschen Länder den Anschluss an die Wirtschaftskraft auch nur der schwächsten West-Länder geschafft. Trotzdem finden die ökonomischen Studien 30 Jahre nach der Deutschen Einheit Belege für eine "Win-Win-Situation" oder gar "blühende Landschaften" (Prognos-Institut im Auftrag des ZDF).

Doch einige harte Fakten bleiben, die das Gefühl der bleibenden Trennung erklären helfen. Schon die Suche nach Unternehmenszentralen, die für wirtschaftliche Macht stehen, gestaltet sich im Osten des Landes mühselig. So erfolgreich viele Unternehmen im Osten auch sind, gesteuert werden sie in aller Regel von Muttergesellschaften aus dem Westen - abgesehen vom regional durchaus starken Mittelstand, der aber kaum auf eine kritische Größe kommt.

Noch deutlicher wird die Bilanz, blickt man auf das persönliche Vermögen, das die gerade veröffentlichte mm-Liste der 500 reichsten Deutschen  offenbart.

Die zugezogenen Milliardäre von Potsdam

Unter den 176 Milliardären im Land findet sich niemand aus dem Osten - es sei denn, man zählt Übergesiedelte dazu wie Verlegerin Friede Springer (78, Rang 42 mit 4,1 Milliarden Euro Vermögen) oder ihren erkorenen Nachfolger Mathias Döpfner (57), die beide in Potsdam wohnen - oder gar SAP-Mitgründer Hasso Plattner (76, Rang 14 mit 11 Milliarden Euro), der dort ein Institut und immerhin einen Zweitwohnsitz unterhält.

Dann gibt es noch eine Reihe Unternehmerfamilien, die im Osten zugekauft und dort ihre Firmenadressen gewählt, aber ihre eigentliche Heimat im Westen behalten haben: so die Getränkedynastie Eckes-Chantré (Rang 176 mit 1 Milliarde Euro) aus Rheinhessen, der mit dem deutschen Sektmarktführer Rotkäppchen-Mumm das Vorzeigeunternehmen aus Sachsen-Anhalt gehört; der Berliner Möbelmagnat Kurt Krieger (72, Rang 166 mit 1,1 Milliarden Euro) im brandenburgischen Schönefeld; die Papierfabrikanten Schrödinger-Huesmann aus dem bayerischen Schrobenhausen mit Leipa in Schwedt (Oder); oder die Siegener Stahlunternehmer Winterhager (jeweils Rang 411 mit 0,4 Milliarden Euro) mit ihrer Holding im sächsischen Freital.

Auch nicht viel erhebender für geborene DDR-Bürger oder Kinder des Umbruchs in der Nachwendezeit ist die Unternehmergeschichte von Karl Gerhold (70), der sein Vermögen von rund 600 Millionen Euro (Rang 283) mit dem Magdeburger Energiedienstleister Getec gemacht hat. Gerhold wurde 1990 von Niedersachsen zum Aufbau der Regierung des Partnerlands Sachsen-Anhalt geschickt und machte sich dann dort selbstständig. Die Holding hält er lieber am Wohnort in Hannover.

Von Intershop und VEB

So bleiben nur wenige Ostdeutsche auf der Reichstenliste. Als vermutlich einziger Milliardär mit DDR-Biografie darf neuerdings Ronald Slabke (47) gelten, der sich als Großaktionär seiner Fintech-Holding Hypoport mit 1,1 Milliarden Euro auf Rang 110 geschoben hat .

Der Thüringer Stephan Schambach (50) und der gebürtige Mecklenburger Holger Loclair (69) sind mit jeweils rund 350 Millionen Euro (Rang 463) dabei.

Schambach ist die Rolle des Paradeossis schon gewohnt. In den 90er-Jahren nannte der Seriengründer sein E-Commerce-Unternehmen bewusst Intershop, nach der DDR-Ladenkette. Intershop aus Jena machte Furore am Neuen Markt und im Silicon Valley - und wurde vom Platzen der New-Economy-Blase voll erwischt. Schambach aber machte weiter, mit der 2016 an Salesforce verkauften Nachfolgefirma Demandware. Aktuell versucht er mit NewStore in Boston wieder sein Glück.

Loclair war schon in der DDR unternehmerisch erfolgreich - so gut das eben ging, als Betriebsdirektor des VEB Spezialfarben Oranienburg. Nach der Wende machte dieser Betrieb den Prozess durch, der für viele andere das endgültige Aus bedeutete: die Privatisierung durch die Treuhand. Mit dem Markennamen Orafol fanden die Klebetechniker einen Käufer aus Westberlin, der schließlich Loclair die Leitung und auch die Aktienmehrheit anvertraute. So ist immerhin ein Industrieller aus dem Osten im Osten unter den 500 reichsten Deutschen zu finden.

Wäre die Liste länger wie noch im Vorjahr, hätte wohl auch noch Rolf Elgeti (43) darauf gestanden, ein Bauernsohn aus der Nähe Rostocks und heute in Potsdam zu Hause. Der Aufsichtsratschef von TAG Immobilien und schillernde Multiinvestor  mit wechselndem Geschick kam 2019 mit rund 300 Millionen Euro auf Platz 524 der damals noch 1001 Ränge umfassenden Reichstenliste . Elgeti ließ jedoch wissen, das manager magazin habe ihn zu reich geschätzt. Das jedenfalls passiert nicht vielen Ostdeutschen.

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