Streit um Gasversorgung IW-Chef Hüther warnt vor Gasstopp für private Haushalte

Die Forderung von Multiaufsichtsrat Karl-Ludwig Kley, bei einer Gasknappheit die Industrie zu bevorzugen, hat eine Debatte angeheizt. Michael Hüther, Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft, und Klaus Müller, Präsident der Netzagentur, warnen davor, private Haushalte vom Netz zu nehmen.
"Abschaltung privater Haushalte mit Sicherheitsfragen verbunden": IW-Chef Michael Hüther

"Abschaltung privater Haushalte mit Sicherheitsfragen verbunden": IW-Chef Michael Hüther

Foto: Michael Kappeler / dpa

Eon-Aufsichtsratschef Karl-Ludwig Kley hatte im manager magazin eine Abschaltung erst bei den Privaten und dann bei der Industrie ins Spiel gebracht , sollte im Zuge des Konfliktes mit Russland in Deutschland das Gas knapp werden. Diese Forderung stößt unmittelbar auf Widerspruch. Michael Hüther (60) etwa, Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), warnt davor, die privaten Haushalte vom Netz zu nehmen. "Ich verstehe das Anliegen, die Industrie so lange wie möglich mit Gas zu versorgen", sagte er der "Rheinischen Post" vom Freitag. Doch Privathaushalte seien nicht nur gesetzlich geschützte Kunden, sondern eine Abschaltung der Haushalte "wäre auch mit Sicherheitsfragen verbunden".

Für die zuständige Bundesnetzagentur wäre es zudem im Vorhinein auch "gar nicht möglich, eine massenhafte Abschaltung sicher zu planen". Es sei allerdings denkbar, "die Haushalte durch Auslobung von Prämien zum freiwilligen Energiesparen zu bringen", sagte Hüther.

Die Bundesregierung hatte kürzlich wegen des russischen Kriegs in der Ukraine und der damit verbundenen Diskussionen über russische Energielieferungen den Notfallplan Gas aktiviert und die Frühwarnstufe ausgerufen. Im Fall einer Mangellage entscheidet sie darüber, wer noch wie viel Gas bekommt. Privathaushalte sind dabei ebenso geschützt wie etwa Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen.

Auch Politiker von Union und SPD haben Forderungen zurückgewiesen, dass im Falle eines Gas-Import-Stopps aus Russland Unternehmen länger als Privathaushalte mit den dann verbleibenden Gasreserven versorgt werden. "Die Wirtschaft muss für den Menschen da sein und nicht umgekehrt", sagte der SPD-Bundestagsabgeordnete Ralf Stegner. Forderungen, die Gas-Priorisierung zu ändern, "gehen gar nicht".

Andreas Jung (CDU), Mitglied des Bundestagsausschusses für Klimaschutz und Energie, sagte: "Es muss noch mal sensibel diskutiert werden, wo welche Einsparungen vertretbar sind. Aber klar ist: Niemand soll frieren, Privathaushalte brauchen besonderen Schutz."

Netzagentur-Chef Müller mahnt

Der Präsident der Netzagentur , Klaus Müller (51), lehnte eine Vorfahrt für die Industrie nun ebenfalls ab. "Ich kann und möchte mir nicht vorstellen, dass man die Versorgung von Krankenhäusern weniger wichtig finden kann als die der Industrieunternehmen", sagte er ebenfalls der "Rheinischen Post".

Müller mahnte, die Gruppen nicht gegeneinander auszuspielen. "Trotzdem ist die Frage legitim und notwendig, was ich in einer Gasnotlage zuhause tun kann oder muss, um Gas, CO2 und Geld zu sparen, damit unser Land insgesamt gut durch die Krise kommt", sagte er. Das gelte aber für die Industrie ebenso wie für private Verbraucher.

BASF-Chef Brudermüller gegen Gasembargo

Gegen ein mögliches Embargo von Erdgas aus Russland hat sich BASF-Chef Martin Brudermüller (60) ausgesprochen. "Wenn über Nacht die Erdgaslieferungen aus Russland wegfallen, würde das zu einer irreversiblen Schädigung der Volkswirtschaft führen", sagte er am Freitag bei der Hauptversammlung des Unternehmens. Im Extremfall müsste BASF die Produktion im Stammwerk in Ludwigshafen einstellen. "Wir sehen das wie die Bundesregierung", sagte Brudermüller. "Sie hat sich gegen ein Erdgasembargo ausgesprochen. Wir halten diese Linie für die richtige."

Deutschland sei sehr stark abhängig von russischem Erdgas. "Russland deckt rund 50 Prozent des deutschen Erdgasverbrauchs. Damit bilden die russischen Gaslieferungen die Basis für die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie. Auch für BASF in Ludwigshafen. Das sind Realitäten", betonte Brudermüller. Das Unternehmen beziehe kein Gas und kein Öl direkt aus Russland, sondern von westeuropäischen Lieferanten. "In deren Portfolio ist aber auch Erdgas aus Russland. Und damit auch in einem ähnlichen Verhältnis bei BASF am Standort in Ludwigshafen. Um es klar zu sagen: Eine kurzfristige Lösung, Erdgas aus Russland zu ersetzen, gibt es nicht."

Mercedes-Benz trifft Vorbereitungen

Der Automobilbauer Mercedes-Benz bereitet sich unterdessen auf einen möglichen Stopp der Gaslieferungen aus Russland vor. Wie jedes Unternehmen schaue sich Mercedes an, welche Abhängigkeiten es gebe und wie es sich unabhängiger machen könne von Gas, erklärte Vorstandschef Ola Källenius (52) der Nachrichtenagentur Reuters.

Zur Energiesicherheit arbeite der Dax-Konzern Hand in Hand mit deutschen Behörden. "Es ist noch zu früh zu bewerten, welches Szenario hier zum Tragen kommen könnte", sagte Källenius. "Aber ja, wir treffen Vorbereitungen."

hr/mit Nachrichtenagenturen