Dienstag, 16. Juli 2019

Bayer, BASF, Siemens - die Industrie baut Stellen ab Jobabbau - wir sind am Anfang des Tunnels

Gasbrennkessel: In Deutschland kündigt sich ein Strukturwandel an, den andere Länder bereits hinter sich haben
Hendrik Schmidt/ / DPA
Gasbrennkessel: In Deutschland kündigt sich ein Strukturwandel an, den andere Länder bereits hinter sich haben

In der Industrie hat ein tiefgreifender Strukturwandel eingesetzt. Wenn es gut läuft, werden die Deutschen es kaum spüren. Wenn es schlecht läuft, bekommen die Populisten noch mehr Rückenwind.

Zuerst das Positive: Die Arbeitslosigkeit in Deutschland ist so niedrig wie kaum irgendwo sonst im Westen. Und so wird es wohl zunächst auch bleiben. Die Prognosen fürs nächste Jahr sagen voraus, dass die Arbeitslosenquote hierzulande abermals geringer ausfallen wird als die Vergleichswerte für die USA und erst recht als für Frankreich und Italien.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Die Angst vor Arbeitslosigkeit, viele Jahre lang das bestimmende Lebensgefühl der Bundesbürger, ist weitgehend verschwunden. Doch hinter den positiven Zahlen verbergen sich enorme Umwälzungen. In Deutschland kündigt sich ein Strukturwandel an, den andere Länder bereits hinter sich haben und der viele Gewissheiten hierzulande ins Wanken bringen kann.

Denn niedrige Arbeitslosenzahlen bedeuten nicht unbedingt, dass alles bleibt, wie es ist. Unter der statistischen Benutzeroberfläche entfaltet sich manches Drama: Menschen verlieren ihre Jobs, finden neue, verlassen ihren Wohnort, ziehen anderswohin. Unternehmen werden umgebaut, neu sortiert, einige Branchen schrumpfen, andere wachsen. Strukturwandel ist eine schmerzhafte Angelegenheit.

Die Einschläge kommen näher. Bayer Börsen-Chart zeigen, seit dem Monanto-Kauf stark unter Druck, streicht auch in Deutschland Stellen, der Chemieriese BASF Börsen-Chart zeigen hat einen weltweiten Stellenabbau verkündet, der deutsche Industriekonzern Siemens Börsen-Chart zeigen reduziert ebenfalls die Zahl seiner Mitarbeiter, um die Sparten börsenfähig zu machen, der Autohersteller Ford, selbst heimatverbundene Familienunternehmen wie Miele und Schaeffler streichen Stellen. Schlaglichter, die zeigen, wie stark die Industrie hierzulande unter Druck ist.

Mehr als eine vorübergehende Schwächephase

Deutschlands Wirtschaft besteht immer noch zu fast einem Viertel aus Industrie. Nirgends sonst in vergleichbar reichen Ländern ist der Fertigungsanteil an der Wirtschaftsleistung so groß.

Anderswo hat die Bedeutung der Industrie in den vergangenen Jahrzehnten deutlich abgenommen. Deutschland hingegen spezialisierte sich immer weiter auf seine Stärken: Auto, Maschinen und Anlagen, Chemie.

Die Güter dieser Branchen machen den größten Teil der deutschen Exporte aus. (Achten Sie Montag auf neue Daten vom deutschen Export und von der Produktion.) Doch nun kommt die Industrie gleich aus mehreren Richtungen gleichzeitig unter Druck.

Die Stimmung bei den Managern in produzierenden Unternehmen ist gedämpft; der Ifo-Konjunkturklimaindex fürs Verarbeitende Gewerbe ist auf dem niedrigsten Stand seit Jahren. Die Auftragseingänge sind rückläufig. Immerhinjedes zwölfte Industrieunternehmen erwartet für die kommenden drei Monate Kurzarbeit.

Vieles spricht dafür, dass die derzeitige Schwächephase der Industrie über das übliche konjunkturelle Auf und Ab hinausgeht.

China, Chips und Trump

Strukturelle Verschiebungen sind am Werk, die bleibende Veränderungen verursachen werden. Insbesondere drei Faktoren spielen eine Rolle:

Schwächere Schwellenländer: Bei wichtigen Kunden der deutschen Industrie hat sich das Entwicklungstempo verlangsamt. In den Schwellenländern, zumal in China, ist die Phase der raschen Industrialisierung der vergangenen zwei Jahrzehnte vorbei. Der Bedarf an Maschinen, Fabriken und Autos wächst auch dort nicht unbegrenzt weiter.

Digitalisierung: Die nächste Stufe der Digitalisierung dürfte sich besonders stark in der Fertigung niederschlagen. Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) kommt zu dem Ergebnis, dass infolge der Digitalisierung bis 2025 rund 1,3 Millionen Jobs wegfallen werden. Auf längere Sicht seien ein Fünftel aller Jobs in Deutschland bedroht, sagt die OECD vorher, ein weiteres Drittel werde einem tief greifenden Wandel unterliegen.

Handelskrieg: Die globale Protektionismuswelle ist dabei, eine destruktive Dynamik zu entfalten. Die Weltwirtschaft droht in eine unkooperative Logik der eskalierenden Handelsbeschränkungen abzurutschen - Zoll, Gegenzoll, Gegengegenzoll… Besonders betroffen: die Autoindustrie sowie Maschinen- und Anlagebau, Deutschlands Vorzeigeindustrien. Bereits jetzt beeinträchtigt die handelspolitische Unsicherheit das Branchenklima.

Das heißt nicht, dass die Arbeitslosigkeit wieder Größenordnung erreichen wird wie in den düsteren 1990er Jahren. In anderen Branchen entstehen zusätzliche Jobs. Und die Alterung der Gesellschaft begrenzt das Angebot an Arbeitskräften. Auch wenn die Zahl der Arbeitslosen in den kommenden Monaten leicht ansteigen sollten, wie das IAB prognostiziert, werden kaum wieder Millionen Menschen dauerhaft vom Erwerbsleben ausgesperrt sein.

Ödnis und Verunsicherung

Doch eine teilweise Deindustrialisierung bringt eigene Herausforderungen mit sich. So verzeichnen Länder mit schrumpfender Industrie häufig eine steigende Einkommensungleichheit. In Deutschland hingegen war die Verteilung der Einkommen in den vergangenen zehn Jahren weitgehend stabil.

Auch die relativ ausgewogene Regionalstruktur der Bundesrepublik - getragen von mittelständischen Industrieunternehmen in ländlichen Gegenden - könnte deutlich metropolenlastiger werden, wie das in anderen Ländern längst der Fall ist.

Beide Tendenzen schlagen sich in der Politik nieder. Viele Bürger empfinden ihre Existenz als zunehmend unsicher, fühlen sich selbst und ihre Heimatregion abgehängt. Was wiederum das Erstarken von populistischen Bewegungen begünstigt; wir sprachen drüber.

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