Sonntag, 19. Januar 2020

Portrait Stefan Hell Helle Leuchte

Hat nun eine weitere prestigeträchtige Auszeichnung im Trophäenschrank: Nobelpreisträger Stefan Hell

Mit Laserstrahlen und leuchtenden Farbstoffen hat Stefan Hell die Lichtmikroskopie revolutioniert. Dafür erhält der studierte Physiker nun den Chemie-Nobelpreis. Hell selbst hielt die Auszeichnung zuerst für einen Scherz.

Hamburg - Es ist die klassische Frage, der sich jeder Nobelpreisträger stellen muss: "Was haben Sie gemacht, als Sie von Ihrem Preis erfahren haben?" Den Physiker Stefan Hell entlarvt sie als fast klischeehaften Wissenschaftler: "Ich habe eine Studie gelesen", sagt Deutschlands neuester Nobelpreisträger, als ihn ein Redakteur der Nobelpreis-Website darauf anspricht. "Und was haben Sie danach gemacht?" - "Ich habe den Absatz, der mich interessierte, zu Ende gelesen."

Erst danach habe er dann seine Frau angerufen.

Gemeinsam mit den US-Amerikanern Eric Betzig und William Moerner wird Hell im Dezember 2014 der wichtigste Wissenschaftspreis der Welt überreicht. Die drei haben mit unterschiedlichen Verfahren die Auflösung von Lichtmikroskopen enorm verbessert. Hells STED-Mikroskopie - die Abkürzung steht für "Stimulated Emission Depletion" - kann biologische Strukturen sichtbar machen, die 20 Nanometer groß sind, 2000-mal feiner sind als ein menschliches Haar.

Zwei Laser für höchste Auflösungen

Dazu müssen Biologen Zellen zuerst mit Farbstoffen anfärben, die unter Laserlicht leuchten, und sie dann mit Lasern bestrahlen. Anschließend nutzen sie erneut Laserlicht, um bestimmte leuchtende Bereiche auszublenden. So kann Hell Moleküle in einem nur noch zwanzig Nanometer großen Bereich aufleuchten lassen. Zwar kamen Elektronenmikroskope schon vor Hells Erfindung auf solche Auflösungen. Allerdings müssen Proben unter ihnen in feine Scheiben geschnitten und mit Metall bedampft werden - Hells Megalupe lässt hingegen Blicke auf lebende Zellen zu.

Das war für die wissenschaftliche Gemeinschaft ein wichtiger Durchbruch: "Er hat wirklich für das Mikroskop eine völlig neue Dimension erschlossen", sagte Hells Chef am Deutschen Krebsforschungszentrum, Otmar Wiestler, am Mittwoch der dpa. "Wir können jetzt plötzlich sehen, wie Krebszellen miteinander kommunizieren, wie Krebszellen mit gesunden Zellen des Körpers Kontakt aufnehmen und auf der Basis kann man natürlich versuchen, völlig neue Behandlungsmöglichkeiten zu entwickeln."

Die STED-Mikroskopie (im Kreis innen) liefert in diesem Beispiel etwa zehnmal schärfere Details von Strukturen einer Nervenzelle als ein herkömmliches Mikroskop (außen).
Donnert/ Hell/ Max-Planck-Institut
Die STED-Mikroskopie (im Kreis innen) liefert in diesem Beispiel etwa zehnmal schärfere Details von Strukturen einer Nervenzelle als ein herkömmliches Mikroskop (außen).
Entsprechend begeistert seien die DKFZ-Wissenschaftler in Heidelberg über die Auszeichnung. Auch in Göttingen, wo Hell als einer der Direktoren des Max-Planck-Instituts für biophysikalische Chemie arbeitet, feierten die Forscher am Mittwochmittag. Hell selbst hatte zuerst einen Scherz vermutet: "Dann aber habe ich mich an die Stimme von Professor Mormark erinnert." Normark ist der Sekretär der schwedischen Wissenschaftsakademie, die die Nobelpreise verleiht.

Liebling der Preis-Komitees

Hells Nobelpreiskarriere begann 1990 während seiner Physik-Doktorarbeit in Heidelberg. Damals hatte er das 4Pi-Mikroskop entwickelt, in dem Proben von mehreren Seiten bestrahlt werden; bereits auf diese Weise ließ sich die Auflösung bestehender Lichtmikroskope verbessern. Davon ausgehend entwickelte Hell anschließend in den 90er Jahren seine STED-Mikroskopie, die er im Jahr 2000 vorstellte.

Der Wissenschaftler wurde 1962 in Rumänien geboren; zwischen 1991 und 1993 arbeitete er am Europäischen Molekularbiologischen Laboratorium in Heidelberg, anschließend an den Universitäten Turku und Oxford. Seit 2002 ist er Direktor bei Max Planck in Göttingen, seit 2003 Abteilungsleiter am Deutschen Krebsforschungszentrum. Seine Mikroskope haben Hell bereits viele Wissenschaftspreise eingebracht, zuletzt im September 2014 den eine Million Dollar schweren Kavli-Preis für Nanowissenschaften.

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