Massiver Staatseingriff stützt Deutsche Wirtschaft wächst Ende 2020 trotz Lockdown

Dank eines guten Schlussquartals kommt Deutschlands Wirtschaft im Vergleich zu anderen EU-Staaten 2020 mit einem blauen Auge davon. Auch die Verschuldung fällt geringer aus als erwartet. Doch im ersten Quartal droht ein Rückschlag.
Kein Auftragsmangel: In der Pandemie erwies sich die Bauindustrie als eine Stütze der deutschen Wirtschaft

Kein Auftragsmangel: In der Pandemie erwies sich die Bauindustrie als eine Stütze der deutschen Wirtschaft

Foto: Daniel Bockwoldt/ picture alliance / dpa

Die deutsche Wirtschaft und der Staat haben das Corona-Jahr 2020 etwas besser abgeschlossen als bislang angenommen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs von Oktober bis Dezember trotz erneuten Lockdowns um 0,3 Prozent zum Vorquartal, weil steigende Exporte und der Bauboom den Einbruch beim Konsum mehr als wettmachten. Das Statistische Bundesamt korrigierte damit am Mittwoch seine aus dem Januar stammende Schätzung von 0,1 Prozent nach oben.

2020 insgesamt schlägt nun ein Minus von 4,9 statt der ursprünglich ermittelten 5,0 Prozent zu Buche - es ist dennoch der stärkste Einbruch seit der Finanzkrise 2009.

Zugleich fiel das Staatsdefizit um fast 19 Milliarden Euro geringer aus als bisher geschätzt: Bund, Länder, Kommunen und Sozialversicherung gaben zusammen 139,6 Milliarden mehr aus als sie einnahmen. "Das war das erste Defizit seit 2011 und das zweithöchste seit der deutschen Vereinigung", erklärten die Statistiker. Nur 1995 fiel es größer aus, als die Treuhandschulden in den Staatshaushalt übernommen wurden.

Altmaier rechnet mit 3 Prozent Wachstum in 2021

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (62) sieht in den Daten "ein wichtiges Signal der Zuversicht". Er rechnet in diesem Jahr mit einem Wirtschaftswachstum von 3 Prozent. Allerdings droht zunächst ein neuer Rückschlag: Wegen des anhaltenden Lockdowns - in dem etwa Hotels, Restaurants und viele Geschäfte geschlossen bleiben müssen - dürfte die Wirtschaft im laufenden ersten Quartal schrumpfen.

"Da der aktuelle Winter-Lockdown nun deutlich länger dauert als der erste im vergangenen Frühjahr und der Schwung in der Industrie voraussichtlich etwas nachlässt, erwarten wir mit minus 1,5 bis minus 3,0 Prozent einen schwierigen Start", sagte die Chefvolkswirtin der Förderbank KfW, Fritzi Köhler-Geib. Ab Frühjahr dürfte aber der Aufschwung einsetzen, da mit steigender Immunisierung wieder Lockerungen möglich werden dürften - etwa im Gastgewerbe. Das Vorkrisenniveau dürfte aber erst Mitte 2022 wieder erreicht werden, erwarten die meisten Experten.

Bauen kann die exportabhängige deutsche Industrie auf einen bessere globale Nachfrage. "Die gut laufende Konjunktur in China und die anziehende Produktion in den USA helfen den deutschen Exporteuren", erwartet etwa Ifo-Präsident Clemens Fuest (52). Die Ausfuhren wuchsen bereits im vierten Quartal um 4,5 Prozent. Sie stützten die Konjunktur ebenso wie die Bauausgaben, die um 1,8 Prozent zum Vorquartal zulegten. Dagegen sanken die privaten Konsumausgaben um 3,3 Prozent.

Massiver Staatseingriff stützt, Defizit steigt dafür stark an

Verglichen mit anderen europäischen Ländern kam Deutschland 2020 wirtschaftlich mit einem blauen Auge davon. Die britische Wirtschaft etwa brach doppelt so stark ein. Das vergleichsweise gute Abschneiden ist auch dem massiven Staatseingriff zu verdanken, der dafür ein hohes Defizit in Kauf nahm. Der Fehlbetrag im Staatshaushalt entspricht 4,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Die europäischen Maastricht-Regeln sehen eigentlich eine Obergrenze von drei Prozent vor. "Die Anwendung wurde jedoch für die Jahre 2020 und 2021 ausgesetzt", hieß es beim Statistikamt. Grund ist die Corona-Pandemie.

Um eine gravierendere Rezession zu verhindern, hielt der Staat mit massiven Konjunkturhilfen dagegen, was große Löcher in die Kasse riss. "Zum Defizit von Bund und Ländern trugen vor allem die Ausgaben für die staatlichen Sofort- und Überbrückungshilfen sowie die Beschaffung und Bereitstellung von Schutzausrüstung bei", hieß es dazu.

Deutlich weniger Steuereinnahmen

So fielen die Einnahmen um 3,0 Prozent auf 1563 Milliarden Euro. Dabei brach das Aufkommen aus Unternehmenssteuern um 13,5 Prozent ein, das aus Lohnsteuern um 2,3 Prozent. Die Ausgaben legten um 9,3 Prozent auf 1702,6 Milliarden Euro zu. Die gezahlten monetären Sozialleistungen wie Arbeitslosen- und Kurzarbeitergeld sowie Renten- und Kindergeldzahlungen erhöhten sich dabei um 8,7 Prozent.

Das größte Defizit wies der Bund mit 86,6 Milliarden Euro aus. Die Sozialversicherungen kamen auf ein Minus von 33,7 Milliarden Euro, die Länder von 18 Milliarden. Die Gemeinden verzeichneten 2020 auch aufgrund höherer Transfers von Bund und Ländern mit 1,3 Milliarden Euro ein vergleichsweise geringes Defizit.

rei/Reuters