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Henrik Müller

Mehr Staatsverschuldung wagen Wer spart, ist der Dumme

Deutschland finanziert sich trotz der Corona-Pandemie solide. Genau deswegen sollten wir uns höher verschulden.
aus manager magazin 12/2020
Plant mit neuen Schulden in Höhe von 96 Milliarden Euro für das kommende Jahr: Finanzminister Olaf Scholz

Plant mit neuen Schulden in Höhe von 96 Milliarden Euro für das kommende Jahr: Finanzminister Olaf Scholz

Foto: TOBIAS SCHWARZ / AFP

Eigentlich müssten diverse westliche Volkswirtschaften gerade auf die Pleite zusteuern. Durch die Corona-Krise steigen die ohnehin hohen Staatsschulden noch weiter: Die öffentlichen Verbindlichkeiten sind in diesem Jahr in die Höhe geschnellt. Und da werden sie auf absehbare Zeit auch bleiben (siehe Grafik). Schon jetzt steht der Westen zusammengenommen so tief in der Kreide wie zuletzt am Ende des Zweiten Weltkriegs, kalkuliert der Internationale Währungsfonds (IWF).

Eigentlich braucht es nur noch eine weitere oder längere Krise, um eine Welle von Staatspleiten auszulösen. Sollte man jedenfalls denken.

Zwei Dinge haben sich grundlegend verändert. Zum einen liegt die Verzinsung von Anleihen großer westlicher Volkswirtschaften knapp über null oder sogar darunter. Zum anderen greifen die Notenbanken massiv in die Bondmärkte ein: Seit Februar hat die Bank von Japan 75 Prozent der neu emittierten Schuldverschreibungen aufgekauft, die Europäische Zentralbank (EZB) 71 Prozent, die Federal Reserve in den USA 57 Prozent, so der IWF. Damit sind Staatspleiten praktisch ausgeschlossen.

Allerdings gibt es einen Ausreißer: Deutschland bleibt im Vergleich gering verschuldet. Daran ändern auch die Milliardenrettungsprogramme kaum etwas. Sobald die derzeitige Corona-Rezession vorüber ist, soll die Schuldenbremse wieder greifen, das scheint ausgemacht.

Klar, vorsichtige Haushaltsführung ist hierzulande populär. Solidität und Stabilität haben hohen Stellenwert in einem Land, das im 20. Jahrhundert gleich zweimal das Desaster aus Hyperinflation und Staatspleite erlebt hat. Eben deshalb ist der deutsche Sonderweg bei den öffentlichen Finanzen mit Moral getränkt. Es geht nicht um rein fiskalisch-technische Fragen, sondern darum, Chaos und Instabilität abzuwenden.

So weit, so verständlich. Dennoch stellt sich die Frage, ob die relative deutsche Sparsamkeit unter den veränderten Bedingungen auch sinnvoll ist. Sie ahnen die Antwort.

Die Zinsen auf deutsche Staatsanleihen sind inzwischen über das gesamte Laufzeitenspektrum negativ. Der Staat kann sich also nicht nur umsonst Geld leihen, er kassiert sogar einen Aufschlag. Investiert er dieses Geld in Vermögenswerte, die langfristig positive volkswirtschaftliche Renditen abwerfen – etwa: Bildung, Forschung, klimaneutrale Energie- und Verkehrsnetze –, wäre das ein gutes Geschäft. Und es wäre insofern generationengerecht, als wir Heutigen den Künftigen notwendige Investitionen abnehmen.

Dazu kommt: Deutschland verzeichnet seit Jahren gewaltige Ersparnisüberschüsse, die sich in deutlich positiven Leistungsbilanzsalden niederschlagen. Diese Gelder fließen großteils in Länder, die der Überschuldungsgrenze viel näher sind als wir. Gesamtwirtschaftlich eher bedenklich.

Politökonomisch sind wir ohnehin gebunden. Sollten Italien oder Frankreich an den Rand der Pleite trudeln, wird die EZB ihnen beispringen müssen. Deutschland wird sich dem kaum entgegenstellen. Die Alternative wäre ein Zerbrechen von EU, Binnenmarkt und Währungsunion. Keine von Vernunft geleitete Bundesregierung wird eine solche Krise riskieren, zumal in einer geostrategischen Lage, in der sich die Animositäten schnell zuspitzen können. Das bedeutet auch: Die hohen Schulden der anderen sind eine Versicherung gegen plötzlich steigende Zinsen, sodass auch Deutschland eine höhere Verschuldung wagen könnte.

Um nicht missverstanden zu werden: Dies ist kein Plädoyer für eine haltlose Schuldenwirtschaft, sondern dafür, fiskalische Regeln, die aus einer anderen Ära stammen, neu zu bewerten. Wer spart, sollte am Ende nicht der Dumme sein.

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