Samstag, 14. Dezember 2019

Neues SPD-Duo Esken und Walter-Borjans Völker, hört die Inhalte!

Vom Scholz-Zug zum Walter-Borjans-Bus? Das künftige Führungsduo will die SPD linker machen
Lino Mirgeler/ DPA
Vom Scholz-Zug zum Walter-Borjans-Bus? Das künftige Führungsduo will die SPD linker machen

Die Entscheidung der SPD-Mitglieder für Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken hat die Berliner Politik schockiert. Doch wie furchteinflößend sind eigentlich die wirtschaftspolitischen Positionen des Duos? Der Themencheck.

Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken sollen künftig die SPD führen - so haben es die Parteimitglieder mehrheitlich entschieden. Politisch sind die beiden für viele Beobachter ein Schrecken: weitgehend unerfahren im Regieren auf Bundesebene - und gefühlt irgendwie weiter links, als man es von der SPD in den vergangenen 20 Jahren gewohnt war.

Doch was heißt das konkret? Welche wirtschaftspolitischen Forderungen haben die beiden Neuen? Und was würde es bedeuten, wenn sie daran festhielten?

Die schwarze Null soll weg: Schuldenmachen für die Zukunft

In seiner Zeit als nordrhein-westfälischer Finanzminister hat sich Norbert Walter-Borjans nicht nur einen Ruf als Schwarzgeldjäger verdient - sondern auch den eines zweifelhaften Haushälters, weil gleich mehrere seiner Landesetats gegen die Verfassung verstießen. Auch jetzt setzen er und Saskia Esken ganz aufs Schuldenmachen: Zugunsten von mehr Investitionen wollen sie das Dogma der schwarzen Null, also des ausgeglichenen Bundeshaushalts, kippen.

Tatsächlich finden sich die beiden designierten SPD-Chefs dabei in guter Gesellschaft. Eine große Anzahl namhafter Ökonomen plädiert ebenfalls dafür, dass der Staat die niedrigen Zinsen nutzt, um neue Schulden für Investitionen zu machen. Aus ihrer Sicht ist die schwarze Null mittlerweile zum Fetisch mutiert - eine Selbstfesselung der Politik.

Dabei gibt es ja noch die Schuldenbremse, die im Grundgesetz verankert ist - und die durchaus Spielräume bietet, die sich problemlos für mehr Investitionen ausschöpfen ließen, wie es Walter-Borjans vorschwebt. Gerechtfertigt wären zusätzliche Staatsausgaben allemal, wenn sie denn vernünftig investiert würden. Kurzfristig, weil sie dem Abschwung entgegenwirken, langfristig, weil heile Straßen, stabile Brücken und funktionstüchtige digitale Infrastruktur die Wachstumsmöglichkeiten der Volkswirtschaft verbessern.

Wegen der ökonomisch vorteilhaften Folgen von Investitionen macht es finanzpolitisch tatsächlich keinen Unterschied, ob der Bund eine schwarze Null erzielt, einen Überschuss von zehn Milliarden Euro erwirtschaftet oder ein Defizit in gleicher Höhe einfährt (das übrigens mit der Schuldenbremse vereinbar wäre).

Doch Walter-Borjans schweben in Wirklichkeit ganz andere Größenordnungen vor. Er plädiert für ein Investitionspaket mit einem Volumen von einer halben Billion Euro für die nächsten zehn Jahre. Das wäre selbst mit den einigermaßen flexiblen Vorgaben der Schuldenbremse nicht zu machen. Und auch kaum sinnvoll. Denn schon jetzt bekommt der Bund die Jahr für Jahr aufwachsenden Investitionsmittel nicht komplett ausgegeben. Würde der Finanzminister 50 Milliarden Euro zusätzlich zur Verfügung stellen, blieben sie zum größten Teil übrig.

Doch zu einer solchen finanzpolitischen Breitseite wird es ohnehin nicht kommen, weil die Union Schuldenaufnahme ablehnt. CDU und CSU verteidigen die schwarze Null nicht, weil sie die segensreiche Wirkung von Investitionen bestreiten. Sie sperren sich aus politischen Gründen, nicht aus ökonomischen.

Der ausgeglichene Haushalt ist eine der wenigen Trophäen, die die Unionsparteien im Koalitionsvertrag verankern konnten. Sie werden sie für die SPD kaum aufgeben.

Mindestlohn: zwölf Euro pro Stunde, und zwar sofort

Eine "sofortige Erhöhung des Mindestlohns auf zwölf Euro" macht das neue SPD-Spitzenduo zur Bedingung für den Verbleib in der GroKo. Grundsätzlich hätte auch die Union nichts gegen einen höheren Mindestlohn als die aktuell gültigen 9,19 Euro. Erst vor einer Woche hat die CDU aus Ärger über die "kümmerlichen 69 Cent" Steigerung seit 2015 auf ihrem Parteitag beschlossen, die zuständige Kommission möge ihre Geschäftsordnung ändern. Darin ist nämlich fixiert, dass der Mindestlohn immer nur im gleichen Maß steigt wie die Tariflöhne - womit die Kommission auch problemlos von einer Excel-Tabelle ersetzt werden könnte, wie der Koblenzer Sozialwissenschaftler Stefan Sell feststellt.

Zwölf Euro fände die Union wahrscheinlich übertrieben - aber auch das ist nicht allzu revolutionär. Der unterlegene SPD-Chefkandidat Olaf Scholz forderte diesen Betrag bereits vor zwei Jahren. Im Vergleich mit anderen westeuropäischen Staaten ist der deutsche Mindestlohn niedrig.

Betroffen wären von solch einer hohen Steigerung viele Arbeitnehmer in Deutschland: Rund ein Viertel von ihnen sind im Niedriglohnsektor beschäftigt, verdienen also derzeit weniger als rund elf Euro in der Stunde. Viele kommen damit angesichts drastisch steigender Mieten schon jetzt kaum über die Runden, überdies droht ihnen die Altersarmut, weil sie nur mickrige Rentenansprüche ansammeln und kein Geld für private Vorsorge haben. Sozialpolitisch wäre ein höherer Mindestlohn also wünschenswert.

Und selbst ökonomisch könnte er womöglich sinnvoll sein. Denn der deutschen Wirtschaft wird bald eine wichtige Ressource ausgehen: Arbeitskräfte. Das Jahr 2019 wird das letzte sein, in dem der Pool an Menschen, die ihre Arbeit zur Verfügung stellen, noch einmal kräftig wächst. Spätestens ab Mitte der Zwanzigerjahre wird er kleiner werden. Weil Wohlstand Wachstum erfordere, müssten künftig weniger Menschen mehr erwirtschaften, sagt Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

Das funktioniert nur mit einer höheren Produktivität, für die Unternehmen wiederum auch in ihre Mitarbeiter investieren müssen, etwa in Weiterbildung. Bislang verspüren sie zu selten den Druck dazu - nicht zuletzt wegen des niedrigen Mindestlohns.

Das brisante an der Forderung der künftigen SPD-Führung ist allerdings das Wort "sofortig". Der Bonner Arbeitsmarktforscher Holger Bonin warnt vor solch einer schlagartigen Erhöhung: Dann könnten tatsächlich viele Niedriglöhner ihren Job verlieren, anstatt mehr zu verdienen. Stattdessen sollte der Mindestlohn schrittweise angehoben werden. Das gäbe Unternehmen die nötige Zeit, um die Produktivität der Mindestlohn-Jobs zu erhöhen.

Vor einem Fehlschluss warnt Bonin jedoch: Höhere Stundenlöhne bedeuten nicht zwangsläufig höhere Einkommen. Bislang ist die Arbeitszeit der Betroffenen häufig in dem Maß gesunken, wie der Mindestlohn stieg.

Klimapaket aufschnüren: Teurer für Reiche und Unternehmen

Auch beim Thema Klimaschutz könnte ein neuer Konflikt zwischen SPD und Union entbrennen. Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken haben vor ihrer Wahl mehrfach angekündigt, das Klimapaket der Großen Koalition noch einmal aufschnüren zu wollen:

  • Den anfänglichen Preis für den Ausstoß von CO2 will das designierte Führungsduo von 10 auf 40 Euro pro Tonne erhöhen - womit es den Forderungen vieler Klimaexperten entgegenkäme, allerdings auch die CSU verprellen würde, die bei einem höheren CO2-Preis massive Bürgerproteste fürchtet.
  • Die Mehrkosten für die Bürger wollen Walter-Borjans und Esken allerdings durch eine sogenannte Klimaprämie kompensieren: In diesem Modell würde der Staat jedem Bürger pauschal einen bestimmten Betrag aus den Einnahmen des CO2-Handels zurückzahlen. So würden vor allem reicheren Bürgern mit höherem CO2-Ausstoß Mehrkosten drohen. Experten sorgen sich allerdings, dass eine pauschale Rückzahlung einen Teil der Lenkungswirkung der CO2-Steuer wieder zunichtemacht.
  • Den Strompreis will das künftige Führungsduo senken, indem es die Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz verringert. Die Förderung von Wind-, Solar- und Biogasanlagen soll künftig zum Teil über einen Investitionsfonds erfolgen, der sich am Kapitalmarkt Geld besorgt.
  • Den Ausbau der erneuerbaren Energien wollen Walter-Borjans und Esken beschleunigen. Dafür wollen sie die geplante pauschale Regel zum Abstand zwischen Windrädern und Wohnsiedlungen bekämpfen. Um Proteste zu minimieren, sollen Kommunen und Bürger verbindlich an den Einnahmen aus den Windkrafterträgen beteiligt werden. Streit mit der Union ist in diesem Punkt programmiert; das Gros der Experten indes hält ein solches Maßnahmenpaket für äußerst sinnvoll.
  • Das Thema Klima birgt also großen Zündstoff. Esken hatte Mitte November in einem Interview mit dem "Tagesspiegel" gedroht, die Koalition notfalls infrage zu stellen, falls es keine Nachbesserungen beim Klimapaket gebe. Ob die Parteibasis das mittragen würde, dürfte sich am Freitag auf dem SPD-Parteitag zeigen. Walter-Borjans und Esken dürften ihre Forderungen zum Klima dort zur Debatte stellen

Die Union gibt sich mit Blick aufs Klimapaket bislang unnachgiebig. CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer betont, das Paket werde nicht neu verhandelt. Wirtschaftsminister Peter Altmaier sperrt sich explizit gegen neue Diskussionen über die Abstandsregel für Windräder.

 

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