Freitag, 18. Oktober 2019

Wirtschaftsweisen-Chef Schmidt "Deutschland braucht bei der Energiewende Druck von außen"

Windpark in Brandenburg: Die Wirtschaftsweisen wollen die Energiewende radikal reformieren

2. Teil: "Wir wollen nicht in der alten Energiewelt bleiben"

mm: In den USA ist Windstrom schon die günstigste Energiequelle. Sogar die Windlobby will die Subventionen in sechs Jahren beenden. Warum soll so etwas nicht in Deutschland möglich sein? Stattdessen denken Sie sich ein neues Subventionssystem aus.

Schmidt: Es gilt, einige Dinge auseinanderzuhalten: Der Ausbau der Erneuerbaren ist ein politisches Ziel, das angesichts der aktuellen Kosten der Erneuerbaren nicht durch den Markt realisiert werden kann. Wenn man dieses gesellschaftliche Ziel akzeptiert, dann muss man sich fragen, wie es kostenminimal bis 2050 erreicht werden kann. Deswegen ist ein Fördersystem sinnvoll, das automatisch dann keine Subventionen mehr zahlt, sobald die Erneuerbaren auch ohne Subventionen auskommen können. Im Gegensatz zum EEG ist unser Grünstrommodell genau ein solches Fördersystem, denn sobald der weitere Zubau ohne Subventionen möglich ist, werden der Preis für Grünstromzertifikate und damit die Subventionen stark fallen.

mm: Wir sind doch bereits auf dem Weg in die Marktwirtschaft: Die Fördersätze sinken ständig, die Solarförderung läuft aus.

Schmidt: Mit einem Ausbaudeckel für die Photovoltaik ist es nicht getan. Bis dieser erreicht ist, geht der Ausbau ja weiter. Es ist weder klimapolitisch noch technologiepolitisch sinnvoll, wenn bayerische Landwirte noch mehr Solaranlagen auf ihren Dächern installieren.

mm: Das EEG ermöglicht es Firmen und Privatleuten auch, den Strom zu immer größeren Anteilen selbst zu verbrauchen. Auch dort geht der Trend in Richtung Markt.

Schmidt: Für den einzelnen rechnet sich das ganz prima, aber die anderen müssen die Systemkosten tragen. Wer Eigenstrom selbst verbraucht, bleibt ja trotzdem am Netz. Je mehr Strom Firmen und Privatleute selbst verbrauchen, desto weniger Abgaben zahlen sie für Netze und EEG-Umlage. Gleichzeitig nehmen die Anforderungen an den Erhalt der Netzstabilität zu. Es muss darum gehen, alle Nutzer des Versorgungssystems auch an dessen Kosten zu beteiligen.

mm: Sie halten am Stromsystem des vergangenen Jahrhunderts mit zentralen Großkraftwerken fest. Die neuen Technologien ermöglichen eine kleinteilige Versorgung, die den Verbrauchern viele Kostenvorteile bringen kann.

Schmidt: Wir wollen nicht in der alten Welt bleiben. Es geht darum, den Übergang in die neue Welt zu geringen Kosten zu erreichen. Das wiederum braucht Zeit. Wenn Hausbesitzer mit Solaranlagen profitieren und der Rest dafür zu viel zahlt, kann das nicht der richtige Weg sein. Letztlich wollen wir ja etwas gegen den Klimawandel tun. Der lässt sich nicht nur mit erneuerbaren Energien um jeden Preis bekämpfen oder einem Glühbirnenverbot. Ein übergreifendes System wie der Emissionshandel oder eine Steuer auf Kohlendioxid würde genügen. Die Förderung braucht es dann eigentlich nicht, sie ist sogar kontraproduktiv.

© manager magazin 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung