Sonntag, 20. Oktober 2019

Wie Mobilität sich positiv verändert Die letzte Meile? Am besten zu Fuß

Fußgängerzone: Die meisten Wege in der Innenstadt werden zu Fuß zurückgelegt

Roland Stimpel
  • Copyright: Silke Reents
    Silke Reents
    Roland Stimpel (61) publiziert zu Verkehr, Stadtplanung und Wohnen. Der gelernte Stadt- und Regionalplaner hat sich schon in seiner Studienzeit mit Verkehrsfragen beschäftigt und war Mitglied einer Bürgerinitiative, die eine in Berlin geplante Stadtautobahn über den Potsdamer Platz stoppte. Heute ist er mit damaligen Mitstreitern im Verband FUSS e.V. aktiv, der sich für die Belange von Fußgängern einsetzt.

manager-magazin.de : Haben Sie schon mal einen E-Scooter ausprobiert, Herr Stimpel?

Roland Stimpel: Nein, noch nie. Ich bin mal auf einem Segway-Roller gefahren. Das war ganz lustig, aber für mich kein ernsthaftes Verkehrsmittel. Auch für E-Scooter sehe ich keinen Vorteil gegenüber dem Fahrrad. Aber wenn andere Leute lieber stehen als treten wollen, sollen sie das machen. Nur halt nicht dort, wo Fußgänger unterwegs sind.

Verkehrsminister Andreas Scheuer hat ja schon umgelenkt: E-Scooter sollen nun doch nicht auf Gehwegen fahren dürfen. Sind Sie jetzt zufrieden?

Sagen wir: Zu 80 Prozent. Das Schlimmste Haken ist damit verhindert - das hätte ja für viele Menschen nicht mehr, sondern weniger Mobilität gebracht. Was aber noch fehlt: Das Abstellen von kommerziellen Fahrzeugen zum Beispiel an E-Scooter-Verleihstationen sollte als Sondernutzung ausgewiesen werden müssen - und es ist nicht einzusehen, dass die Abstellplätze auf dem Bürgersteig eingerichtet werden, zu Lasten der Fußgänger. Das könnte man auch am Fahrbahnrand machen.

Haben Sie Sorge, dass E-Scooter trotz des Verbots auf Bürgersteigen unterwegs sein werden?

Klar, das wird passieren. E-Scooter sind gegen Unebenheiten empfindlicher. Wenn der Bürgersteig sich glatter fährt als die Straße, werden die Leute darauf ausweichen wollen. Es drohen auch wenig Konsequenzen: Die Bußgelder hierzulande liegen bei rund 20 Euro. In Frankreich sind es 135 Euro. Auch darum ist Paris eine Stadt der Flaneure: Weil Fußgänger ungefährdeter unterwegs sein können.

Sind E-Scooter nicht das kleinere Übel im Vergleich zu Autos?

Es ist tatsächlich unsere Hoffnung, dass durch solche Verleihsysteme mehr Autos ersetzt werden. Denn unter allen Fahrzeugen sind E-Scooter, abgesehen vom Fahrrad, noch mit die stadtfreundlichsten. Sie sind langsamer als Autos, sie machen weniger Lärm, sie verpesten die Luft nicht. Sie sollen deshalb auch ausreichenden und sicheren Raum bekommen. Dazu würde auch beitragen, dass man die generelle Geschwindigkeit für Autos in Ortschaften bei 30 km/h ansetzt statt wie bisher bei 50.

E-Scooter könnten den Verkehr in der Stadt radikal verändern. Wohin entwickelt sich das Miteinander auf der Straße?

Es gibt ein paar übergeordnete Trends. Attraktive Städte wachsen und verdichten sich immer mehr; es gibt immer mehr Senioren und Familien mit Kindern dort. Gesundheit und Klimaschutz sind stärker ins allgemeine Bewusstsein gerückt. Das macht Druck, den Stadtraum effizienter zu nutzen. Die ineffizienteste Nutzung ist die mit dem Auto: Es braucht zwei Stellplätze, am Start- und am Zielort, mit entsprechender Zuwegung. Ein Auto braucht also nach einer Faustregel rund 100 Quadratmeter Fläche, ein Fahrrad oder ein E-Scooter zehn. Ein Fußgänger kommt mit einem Quadratmeter aus. Bei der sogenannten letzten Meile hat der Fußverkehr übrigens den höchsten Anteil in unseren Städten - weit über 50 Prozent.

E-Scooter werden als Fahrzeug für die letzte Meile angepriesen.

Wie man die am besten überwindet, weiß niemand besser als der Einzelhandel. Und was sehen wir dort? Die großen Einkaufszentren hätten auf ihren langen privaten Gängen längst schon ihren Kunden Roller anbieten können. Aber das macht kein Center, denn Geschäfte sind am attraktivsten, wenn sie bestens zu Fuß erreichbar sind. Auch große Touristenmetropolen haben die Erfahrung gemacht, dass eine kleine Zahl von Besuchern auf E-Scootern eine weitaus größere Zahl flanierender Touristen verschreckt.

Woran liegt es dann, dass so viele Menschen sich als Autofahrer fühlen und sich so sehr mit ihrem Fahrzeug identifizieren, dass sie "ich stehe da vorne" sagen, wenn sie ihr Auto meinen, aber kaum jemand ebenso vehement als Fußgänger auftritt?

Zu Fuß gehen ist halt so unspektakulär. Das Beiläufige macht auch seinen Charme aus. Es gibt keine großen Probleme: Man geht halt los und fertig. Über Hindernisse ärgert man sich, aber man schafft es irgendwie doch, geht außen herum. Da gerät leicht aus dem Blick, dass der Gehweg ein verteidigungswürdiger Besitzstand ist. Straßen werden immer noch zu sehr von der Mitte her gedacht: Erst optimiert man die Fahrbahn, dann den Parkstreifen für den ruhenden Verkehr, dann kommen die Radwege und erst zum Schluss der Streifen am Rand für die fast vergessene Mehrheit der Verkehrsteilnehmer, die zu Fuß geht. Aber allmählich ändert sich das Bewusstsein, und das verdanken wir auch den neuen Formen der Mobilität. Verkehr wird insgesamt stadtverträglicher, Fahrzeuge werden durch die Elektrifizierung kleiner. Und man kann so viel einfach technisch regeln.

Was zum Beispiel?

Bei den E-Scootern kann man dafür sorgen, dass sie in Fußgängerzonen einfach abschalten. Dass sie bei Regen langsamer fahren und nachts gar nicht. Ich bin sehr zuversichtlich, dass Mobilität sich positiv verändert. Für jedes neue technische Mittel müssen am Anfang erst gesellschaftliche Konventionen entwickelt werden. Und das ist ein Prozess, der jetzt einsetzt. Berlin etwa bekommt ein Fußgängergesetz, Leipzig hat, vorbildlich, einen eigenen Beauftragten für den Fußverkehr. Der Verkehr entwickelt sich in die richtige Richtung - wir kommen aus dem Elend heraus.

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung