Weltklimagipfel - was Sie über Rohstoffe in Deutschland wissen müssen Schleswig-Holstein läuft Saudi-Arabien den Rang ab

Bohrinsel Mittelplate in der Elbmündung: Schleswig-Holstein trägt so viel zur deutschen Ölversorgung bei wie Saudi-Arabien

Bohrinsel Mittelplate in der Elbmündung: Schleswig-Holstein trägt so viel zur deutschen Ölversorgung bei wie Saudi-Arabien

Foto: HO/ REUTERS

Die Ölscheichs, die sich an diesem Freitag zur Opec-Tagung in Wien versammeln, haben größere Sorgen als ihre Position auf dem deutschen Markt. Ein Blick in den neu erschienenen Situationsbericht der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) dürfte sie aber durchaus irritieren: Die Opec-Führungsnation Saudi-Arabien steht nur noch auf Platz 10 der wichtigsten Rohöllieferanten Deutschlands, mit einem Minus von 42 Prozent auf 1,4 Millionen Tonnen - in etwa gleichauf mit der heimischen Produktion in Schleswig-Holstein.

Im dortigen Wattenmeer betreibt die Deutsche Erdoel AG (Dea) die einzige Bohrinsel des Landes, Mittelplate-Dieksand. Dea, bis zum Frühjahr eine Tochter des RWE-Konzerns , ist nun in russischen Händen - wie ein Großteil der deutschen Energiequellen ...

Alle Energie kommt aus dem Osten

Russische Gaspipeline: Alle wichtigen Energierohstoffe kennen nur eine Richtung, westwärts nach Deutschland

Russische Gaspipeline: Alle wichtigen Energierohstoffe kennen nur eine Richtung, westwärts nach Deutschland

Foto: © Denis Sinyakov / Reuters/ REUTERS

Ob zum Fahren, zum Heizen oder für das Licht: Ohne Russland geht es nicht. Das osteuropäische Land bleibt trotz aller Sanktionen Lieferant Nummer eins der drei wichtigsten Energieträger in Deutschland. Der russische Anteil am Erdölimport beträgt 31 Prozent, bei Erdgas sind es 43 Prozent und bei Steinkohle 26 Prozent.

Die gesamte Rechnung für Rohstoffimporte aus Russland belief sich 2014 laut BGR auf 32,1 Milliarden Euro, gefolgt von jeweils gut 19 Milliarden Euro in die Niederlande und nach Norwegen. Die Zahlen reflektieren Deutschlands Position als rohstoffarmes Industrieland, das auf Einfuhren angewiesen ist.

Gemessen an den gesamten Importen der deutschen Volkswirtschaft von 917 Milliarden Euro (und mehr noch den Exporten von 1,1 Billionen Euro), fallen die Ausgaben für Öl und Co. aber gar nicht weiter auf. Und es gibt durchaus auch nennenswerte Rohstoffvorräte im Inland ...

Nummer eins beim Kohlescheffeln

Schaufelradbagger in Lausitzer Braunkohletagebau: Deutschland ist die Nummer eins - aber nicht stolz darauf

Schaufelradbagger in Lausitzer Braunkohletagebau: Deutschland ist die Nummer eins - aber nicht stolz darauf

Foto: Arno Burgi/ dpa

Ohne Handel wäre der benzinbetriebene Straßenverkehr rasch lahmgelegt. In der Stromproduktion aber ist Deutschland vergleichsweise autark. Zu 100 Prozent selbst versorgen kann es sich nicht nur mit den aufkommenden Energieträgern Wind und Sonne, sondern auch mit dem bislang dominanten Brennstoff Braunkohle.

Dank der Gruben in Rheinland und Lausitz ist Deutschland sogar weltweit führend in der Braunkohleförderung - ein Spitzenplatz, den die Bundesregierung während der laufenden Pariser Klimakonferenz aber nicht allzu stolz einnehmen wird.

In der Tonnenstatistik führt Kies

Ziemlich viel Kies: 238 Millionen Tonnen Sand und Kies wurden 2014 aus dem deutschen Boden geholt

Ziemlich viel Kies: 238 Millionen Tonnen Sand und Kies wurden 2014 aus dem deutschen Boden geholt

Foto: Florian Gärtner/DPA

Kies war einmal ein gängiges Synonym für Geld, ebenso wie Kohle - und all das gibt es reichlich in Deutschland. Mit dem Preis für die Ware kommt der deutsche Bergbau gerade so über die Milliarden-Euro-Schwelle.

Aber die im BGR-Bericht genannten Mengen sprechen durchaus von gewichtiger wirtschaftlicher Aktivität. Die deutsche Braunkohleproduktion von 178 Millionen Tonnen wird noch übertroffen von gebrochenen Natursteinen (211 Millionen Tonnen) sowie Bausand und Baukies (238 Millionen Tonnen).

Kaolin bringt bald mehr ein als Ruhrkohle

Abraumhalde "Monte Kaolino" im bayerischen Hirschberg: Gut für Porzellan, Papierindustrie und einen Sommerskilift

Abraumhalde "Monte Kaolino" im bayerischen Hirschberg: Gut für Porzellan, Papierindustrie und einen Sommerskilift

Foto: Armin Weigel/ picture alliance / dpa

Immerhin drittwichtigster Produzent weltweit ist Deutschland für Kaolin. Schon mal gehört? Das auch als "weißes Gold" bezeichnete weiche Gestein ist wichtig für die Porzellan- und die Papierherstellung. So wichtig, dass der Bedarf trotz der großen eigenen Förderung nur mit Hilfe von Kaolin-Importen aus Tschechien gedeckt werden kann.

Die gut vier Millionen Tonnen aus bayerischer und sächsischer Erde waren 2014 immerhin eine halbe Milliarde Euro wert. Viel mehr brachte die Steinkohle - die immerhin einst die Industrialisierung an Ruhr und Saar begründete - aus den drei verbliebenen nordrhein-westfälischen Zechen auch nicht ein.

Am größten ist die Abhängigkeit von Guinea

Lieferland Guinea: Nahezu Monopol für die deutsche Aluminiumindustrie, aber kaum Macht

Lieferland Guinea: Nahezu Monopol für die deutsche Aluminiumindustrie, aber kaum Macht

Foto: AFP

Am größten ist die Abhängigkeit der deutschen Industrie von einem einzigen Land in der Aluminiumbranche. Der Rohstoff Bauxit als wichtigster Input stammt zu 92 Prozent aus Guinea.

Das westafrikanische Land, das außerdem seit Jahrzehnten auf Hilfe internationaler Konzerne beim Abbau seiner riesigen Eisenerzvorräte wartet, ist trotzdem eines der ärmsten der Welt (Rang 179 von 187 laut IWF). Deutschland als drittgrößter Verbraucher von Aluminium - in Neuss steht das weltgrößte Aluminiumwalz und -schmelzwerk - steht dagegen in einer günstigen Position, aller Sorge um hohe Energiepreise zum Trotz.

Deutscher Wohlstand und vergiftete Flüsse in Brasilien

Folge auch von Deutschlands Eisenhunger: Giftschlamm an der Mündung des Rio Doce

Folge auch von Deutschlands Eisenhunger: Giftschlamm an der Mündung des Rio Doce

Foto: FRED LOUREIRO/ AFP

Das mit Abstand wichtigste Metall ist Eisenerz, als Basis der Stahlindustrie (das Recycling von Stahlschrott spielt eine ähnlich große Rolle, aber mehr noch in anderen Ländern, wo das auf Schrott basierende Elektrostahlverfahren verbreiteter ist).

Ganze 43 Millionen Tonnen Eisenerz und Konzentrat fragte Deutschland im vergangenen Jahr weltweit nach - mengenmäßig also vergleichbar mit dem Erdölimport. Mehr als die Hälfte davon kam aus Brasilien, das aktuell unter einer Umweltkatastrophe infolge eines Dammbruchs an einem Erzbergwerk leidet.

Deutschland ist Goldexporteur

Goldschatz der Bundesbank: Kein realer Nutzen, aber ein Marktwert von 100 Milliarden Euro

Goldschatz der Bundesbank: Kein realer Nutzen, aber ein Marktwert von 100 Milliarden Euro

Foto: Bundesbank/ dpa

Im Goldhandel - der mehrheitlich mit der Schweiz abgewickelt wird - geht es nur um kleine Mengen, aber durchaus beachtliche Werte. Erstaunlich: Deutschland hat zwar seit 1989 keinen eigenen Goldabbau mehr, ist aber Nettoexporteur. Das verdanken wir in erster Linie dem Anfall von Gold als Abfallprodukt in der Kupferproduktion von Aurubis  in Hamburg. Zigtonnenweise wird das Edelmetall dort aus so genannten Anodenschlämmen gefischt.

Der Exportüberschuss von 57,6 Tonnen entspricht einem Erlös von 1,75 Milliarden Euro, obwohl Gold  kaum wirtschaftlichen Nutzen hat. Sogar rund 100 Milliarden Euro ließen sich - unter der Annahme heutiger Preise - flüssig machen, wenn die Bundesbank ihre Goldreserven von 3384 Tonnen (die zweitgrößten der Welt) verkaufen würde.

Das Silicon Valley ist ein norwegischer Fjord

Silicon Saxony: Silizium ist tatsächlich wichtig für Zukunftstechnik, bringt aber kaum Wertbeitrag

Silicon Saxony: Silizium ist tatsächlich wichtig für Zukunftstechnik, bringt aber kaum Wertbeitrag

Foto: Jan Woitas/ picture-alliance/ dpa

Der Name Silicon Valley verheißt auch im Jahr 2015 noch Zukunft, während die sächsische Ableitung Silicon Saxony schon wieder nach der Zukunft von gestern klingt. Silizium als zentraler Bestandteil von Halbleitern ebenso wie Solarzellen steht heute wie vor 45 Jahren für entscheidende Wachstumsindustrien. Wie steht es um die Versorgung mit diesem symbolkräftigen Rohstoff?

Deutschland brauchte im vergangenen Jahr nur jeweils rund 250.000 Tonnen Ferrosilizium und Siliziummetall vom Weltmarkt, zu je 30 Prozent aus Norwegen. An der Fjordküste haben sich Hersteller - im Zusammenspiel mit Aluminiumhütten - die Kombination billiger Wasserkraft und guter Seeanbindung zunutze gemacht. An der Wertschöpfung der IT-Branche haben die Rohstofflieferanten jedoch den geringsten Anteil.

Ist Chile die Opec der Zukunft?

Lithiumabbau in der Atacama-Wüste: Würde das Mineral tatsächlich das neue Öl, wäre Chile mächtiger als die Opec

Lithiumabbau in der Atacama-Wüste: Würde das Mineral tatsächlich das neue Öl, wäre Chile mächtiger als die Opec

Foto: REUTERS

Lithium ist noch so ein verheißungsvolles Metall, zumal Lithium-Ionen-Akkus den erhofften Siegeszug von Elektroautos antreiben und damit letztlich Erdöl als wichtigsten Energieträger ablösen sollen.

Nach heutigem Stand hätte ein Lithium-Kartell eine deutlich größere Marktmacht als die Opec. Allein Chile deckt den deutschen Bedarf von 6000 Tonnen zu 79 Prozent. Bislang ist von Knappheit aber nichts zu spüren.

Erst jetzt verschwindet Asbest aus der Handelsbilanz

Aufgegebener Asbesttagebau in Kanada: Für manche Rohstoffe versiegt die Nachfrage einfach, wenn auch nicht schnell

Aufgegebener Asbesttagebau in Kanada: Für manche Rohstoffe versiegt die Nachfrage einfach, wenn auch nicht schnell

Foto: REUTERS

Die BGR-Experten erfassen nicht nur gehypte Metalle, sondern auch Rohstoffe, die eher abgesagt sind. Auch hier lässt sich Erstaunliches finden:

2014 war das erste Jahr, in dem die Einfuhr von Asbest unter eine Tonne fiel und der Export des als krebserregend eingestuften Minerals gar nicht mehr ausgewiesen wurde. Das spricht für eine ziemlich lange Abgewöhnung, wurde der Einsatz des Werkstoffs in Deutschland doch schon 1993 verboten.

Die verflossene Angst vor Chinas Monopol

Lanthanschmelze in der Inneren Mongolei: China kontrolliert immer noch den Abbau Seltener Erden, das besorgt aber kaum noch jemanden

Lanthanschmelze in der Inneren Mongolei: China kontrolliert immer noch den Abbau Seltener Erden, das besorgt aber kaum noch jemanden

Foto: DAVID GRAY/ REUTERS

Seltene Erden sind, nun ja, selten. Als vor Jahren angesichts steigender Rohstoffpreise die Debatte um Deutschlands Versorgungssicherheit tobte, waren die Metalle wie Lanthan aber ziemlich prominent. Chinas Monopol auf den Abbau der für allerlei High Tech gebrauchten Stoffe nährte die Sorge, der Rest der Welt könne von der Zukunft ausgeschlossen werden.

Heute weist der BGR-Bericht nicht nur Seltene Erden als Rohstoff mit dem größten Preisverfall des Jahres 2014 aus. Er zeigt auch, dass der Import von 276 Tonnen Seltene-Erden-Metallen zwar zu 93 Prozent auf Chinas Konto ging, die deutsche Industrie sich aber offenbar vorrangig aus Seltene-Erden-Verbindungen versorgte, die zu tausenden Tonnen vor allem aus dem gut nachbarschaftlichen Österreich und aus Estland kamen.

Das nachlassende Interesse an der großen Gefahr von vor fünf Jahren zeigt auch, dass ein "Förderprogramm zur Verbesserung der Versorgung der Bundesrepublik mit kritischen Rohstoffen" im Frühjahr auslief - "aufgrund einer zu geringen Nachfrage aus der Industrie", wie das BGR nüchtern feststellt.


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