Riester, Rürup und Co Welche Partei hat den besten Plan für die Rente?

Länger arbeiten, höhere Beiträge, mehr Steuern, private Zwangsvorsorge? Experte Axel Kleinlein analysiert die Renten-Vorschläge der Parteien zur Bundestagswahl.
Das Interview führte Lutz Reiche
Mehr Rentner, weniger Einzahler: "Ein Rentenbeginn mit 68 oder gar 69 Jahren könnte auf lange Sicht das Ziel sein"

Mehr Rentner, weniger Einzahler: "Ein Rentenbeginn mit 68 oder gar 69 Jahren könnte auf lange Sicht das Ziel sein"

Foto: Nastasic / Getty Images

manager magazin: Herr Kleinlein, hat das Thema Rente und Altersvorsorge noch Zugkraft im Wahlkampf?

Axel Kleinlein: Bislang nicht. Leider machen die Parteien in ihrem Wahlkampf nicht deutlich genug, dass in der nächsten Legislatur grundlegende Weichenstellungen für die Altersvorsorge erfolgen müssen.

Eine Debatte darüber vor der Wahl würde viele verschrecken und könnte die Parteien Stimmen kosten?

Das ist vermutlich der Grund, und das ist besorgniserregend. Denn schon in den vergangenen Wahlperioden wurden die grundlegenden Herausforderungen für die Alterssicherung nicht angegangen. Parlament und Bundesregierung werden deshalb nach der Bundestagswahl einem noch viel größeren Handlungsdruck ausgesetzt sein, was die Altersvorsorge angeht.

Axel Kleinlein ist Versicherungsmathematiker und arbeitete in dieser Funktion auch für die Allianz. Seit 2011 (mit kurzer Unterbrechung) führt er als Vorstandsprecher den Bund der Versicherten  (BdV) an, die größte deutsche Verbraucherschutzorganisation für Versicherte. Seit April 2019 ist er auch Präsident des europäischen Verbraucherschutzverbands "Better Finance" in Brüssel.

Die Lebenserwartung der Deutschen steigt, weniger Einzahler müssen künftig mehr Rentner finanzieren. Brauchen wir eine weitere Reform der gesetzlichen Rente?

Als Mathematiker sehe ich, dass die Rentenformel von drei Variablen bestimmt wird: Rentenhöhe, Beitragssatz und Renteneintrittsalter. Lässt man zwei Variablen unverändert, dann muss man die dritte bei Änderungen zwangsläufig anpassen. Wenn durch die Bevölkerungsentwicklung der Anteil der Rentner immer höher wird, dann muss das Renteneintrittsalter steigen. Das ist Mathematik. Ob, wann und in welchem Umfang das geschieht, ist aber nur schwer vorherzusagen, denn die große Unbekannte ist der Spielraum für Steuerzuschüsse und die politische Fantasie für versicherungsfremde Leistungen.

Derzeit ist gesetzlich festgelegt, dass das Rentenniveau nicht unter 48 Prozent fallen soll und der Beitragssatz nicht über 20 Prozent steigt. Das ändert sich schon in der nächsten Legislatur. Ab 2025 gelten neue Werte, das Rentenniveau soll dann nicht unter 43 Prozent fallen, die Beiträge maximal 22 Prozent betragen. Manche meinen, das reiche nicht. Ohne eine Reform müssten Steuerzuschüsse oder Beiträge trotzdem weiter steigen.

"Die Diskussion um das Renteneintrittsalter wird neu aufflammen"

Klar ist: Die Politik muss das Zusammenspiel zwischen Beitragssatz, Rentenniveau und Rentenbeginn neu austarieren. Die Diskussion um das Renteneintrittsalter wird daher neu aufflammen, da bin ich sicher. Ein Renteneintritt mit 68 oder gar 69 Jahren könnte auf lange Sicht das Ziel sein – Ausnahmen immer mitgedacht. Eine grundlegendere Reform der gesetzlichen Rente erwarte ich aber nicht. Auch dürfte der Spielraum für eine Ausweitung des Bundeszuschusses eingeschränkt sein, wenn sich das Wirtschaftswachstum nicht mit der gleichen Dynamik fortsetzt wie vor Corona.

Sehen Sie mutige Reformansätze in den Wahlprogrammen der Parteien?

Leider Nein. Da wurde eine Chance vertan.

CDU/CSU, Grüne und FDP befürworten eine stärkere Kapitaldeckung der Rente – mit teils abweichenden Konzepten. Verbraucherschützer wie Sie fordern im Kern das Ende der kapitalgedeckten privaten Altersvorsorge – zumindest à la Riester. Riester einfach abschalten? Klingt einfach, ist es aber nicht. Rechnen Sie noch mit einer Reform der Riester-Rente?

"Wir dürfen die Fehler der Riester-Rente nicht wiederholen"

Moment mal, es gibt auch Verbraucherschützer wie wir vom Bund der Versicherten, die – im Gegenteil – fordern, die Möglichkeiten für die kapitalgedeckte private Altersvorsorge auszuweiten. Ein solches Sparen lässt sich aber nicht in ein lebensversicherungsförmiges Zwangskorsett mit Nullzinsen pressen, weil es nicht für alle sinnvoll und alle Lebensentwürfe individuell passgenau sein kann. Deshalb müssen wir weg von dem Konzept der Riester-Rente und hin zu vernünftigen Lösungen. Wichtig ist dabei, die Fehler der Riester-Rente nicht zu wiederholen, was auch ein Ende der Zwangsrente bedeuten muss.

Zwangsrente?

Wer mit Riester- oder Rürup-Renten spart, muss nach Gesetz zu Rentenbeginn einen Vertrag bei einem Lebensversicherer abschließen, über den das angesparte Geld niedrig verzinst verrentet wird. Da gibt es kein Entrinnen. Lebensversicherer kalkulieren diese Renten mit hohen Kosten und Abschlägen. Das sollte eine Reform dringend ändern. Verbraucher sollten die geförderte Altersvorsorge auch im Alter individuell anpassen können, als Rente, Zeitrente oder Einmalauszahlung. Wir vom Bund der Versicherten haben mit der Basisdepot-Vorsorge hier ein passendes Konzept vorgelegt.

Wahlprogramme zur Bundestagswahl 2021

Die Union will am Drei-Säulen-Modell aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Altersvorsorge festhalten, an der Rente mit 67 auch. Die private Altersvorsorge will sie neu starten: Mit einem kostengünstigen, verpflichtenden Standardprodukt - dem der Arbeitnehmer aber widersprechen kann. Was halten Sie davon?

Das, was die bisherigen Koalitionäre wollen, ist zu uninspiriert. Dass eine staatlich geförderte Altersvorsorge effizient, transparent und kostengünstig sein soll, das sollte sich eigentlich von selbst verstehen. Es wurde bei der Riester-Rente nicht erreicht. Wie sich Union und SPD ein staatlich organisiertes Standardprodukt genau vorstellen, bleibt leider unklar.

"Wie sich Union und SPD ein staatlich organisiertes Standardprodukt genau vorstellen, bleibt unklar"

Schon vor vier Jahren hatte sich die Große Koalition dazu verpflichtet ein "attraktives standardisiertes Riester-Angebot" zu erwirken. Den Koalitionsvertrag haben CDU, CSU und SPD hier aber nicht eingehalten. Unter diesem Blickwinkel ist das sehr dünn, was diese Parteien hier nun vorlegen. Hoffnung auf vernünftige Lösungen geben sie nicht.

Auch SPD und Grüne wollen Riester durch ein standardisiertes Angebot ersetzen, das dann aber eine öffentliche Institution anbieten soll. Die Grünen nennen das "Bürger*innenfonds". Staatliche Zuschüsse wollen beide Parteien auf untere und mittlere Einkommen beschränken. Wo ist der Unterschied zum Unions-Konzept?

Signifikante Unterschiede sehe ich zwischen den Konzepten von Union, SPD und Grünen nicht. Letztere werden deutlich konkreter, wie die Umsetzung aussehen soll. Ob im Rentenalter auch weiterhin die Lebensversicherungswirtschaft begünstigt werden soll, darüber schweigen sich leider alle drei aus – aber zumindest erweckt das die leise Hoffnung, dass die drei Lager ansatzweise gewillt sind, die Fehler des Riester-Konzepts zu korrigieren.

"Generationenrente der Union ist als einzelner Baustein nicht verkehrt, als Gesamtkonzept aber zu wenig"

Wie bewerten Sie die Idee der Union einer "Generationenrente", die von Geburt an in einem Pensionsfonds mit einem - wohlgemerkt "staatlichen Monatsbeitrag" - angespart werden soll?

Der Absicherungsbedarf für jüngere Menschen besteht in erster Linie nicht in der Altersvorsorge, sondern in einem Schutz vor einem Verlust der Arbeitskraft. Die eigene Arbeitskraft ist der finanzielle Motor des Lebens! Daher ist diese gut gemeinte Forderung im Sinne einer sinnvollen Absicherung zu einseitig. Als einzelner Baustein ist es nicht verkehrt – aber als Gesamtkonzept ist es zu wenig.

Abschlagsfreie Rente mit 65, Rentenniveau von 53 Prozent, 1200 Euro Mindestrente, garniert mit 30-Stunden-Woche und 36 Tagen Urlaubsanspruch – Preisfrage: In welchem Programm steht das?

Das kann nur Die Linke sein.

Stimmt. Finanziert werden soll das mit Riester-Beiträgen, die in die gesetzliche Rente überführt werden, mit wegfallenden Riester-Zuschüssen, einer höheren Beitragsbemessungsgrenze bei tendenziell niedrigeren Rentenansprüchen - und Steuern natürlich. Fehlt es den Linken an Realitätssinn?

Bei der Kapitaldeckung wird ja individuell von einer Person gezielt mit der Hoffnung auf Kapitalerträge das Geld in die Zukunft transferiert. Bei der Umlagefinanzierung wird das Geld aber sofort an die jetzige Rentnergeneration ausgezahlt und im Gegenzug erhalten die Einzahler das Versprechen, von späteren Generationen dafür einen Ausgleich zu bekommen. Deswegen klappt das grundsätzlich nicht, Gelder einer kapitalgedeckten Vorsorge in das Umlagesystem zu überführen und damit zukünftige Rentenansprüche auszufinanzieren und gleichzeitig das Äquivalenzprinzip auszuhebeln. Zudem bezweifle ich, dass die Riester-Ersparnisse ausreichen, um einen solchen grundlegenden Systemwechsel zu finanzieren.

"Die Idee der FDP einer Aktienrente reißt Lücken für die jetzigen Rentner, die anderweitig geschlossen werden müssen"

Wie bewerten Sie die Idee der Aktienrente der FDP?

Auch schwierig, weil sie – bedauerlicherweise – etwa 20 Jahre zu spät kommt und gleichermaßen die umlagefinanzierte Rente aus dem Gleichgewicht bringt. Denn Teile des Geldes, die für die jetzigen Rentner vorgesehen sind, würden ja stattdessen in Aktien angelegt werden. Das kann auf lange Sicht rentabel sein, reißt aber Lücken für die jetzigen Rentner, die anderweitig geschlossen werden müssen. Die Idee, über Aktien langfristig anzusparen, ist aber nicht unbedingt falsch und kann auch – wie im Konzept der Aktienrente – ein sinnvoller Baustein sein.

Mehr noch als CDU/CSU setzen Linke, SPD und Grüne auf eine Stärkung der gesetzlichen Rente, indem auch Beamte, Selbstständige und Freiberufler künftig einzahlen sollen. Das liefe langfristig auf eine Bürgerversicherung hinaus. Eine gute Idee?

Das ist keine Stärkung der gesetzlichen Rente, sondern nur eine Ausweitung. Denn wer heute in das System einzahlt, erwirbt ja zukünftige Ansprüche. Es kommt unter dem Strich also nicht mehr Geld rein. Womöglich treten mit den Beamten und Freiberuflern sogar genau solche Bevölkerungsgruppen dem System bei, die eine vergleichsweise hohe Lebenserwartung haben. So gesehen könnte die gesetzliche Rente dann – schon auf kurze Sicht – geschwächt werden.

"Ich erwarte flächendeckende Rentenkürzungen bei Lebensversicherern"

Damit stellt sich die oft zitierte Frage: Ist die Rente sicher?

Die Entwicklung der gesetzlichen Rente sehe ich derzeit weniger unter Druck als die Stabilität der von den Lebensversicherern angebotenen Renten. Vor allem, wenn die sich jetzt abzeichnende Inflation noch mehr an Dynamik gewinnt. Dies schlägt auf umlagefinanzierte Systeme weniger durch – anders als im klassischen zinsbasierten Deckungsstock der Assekuranz. Ich erwarte deshalb flächendeckende Rentenkürzungen bei Lebensversicherern.

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