Altersvorsorge ohne Versicherer? "Gesetzliche Rente ist gegenüber Riester ein Renditeturbo"

Die Inflation zwingt die Menschen mehr denn je zu einer starken Altersvorsorge. Mit Riester- und Rürup-Rente ist das nicht zu machen, sagen Gerhard Schick und Axel Kleinlein. Die führenden Köpfe einer Verbraucherallianz fordern einen Neuanfang - ohne Versicherer. Und sie sehen den Staat in der Pflicht.
Das Interview führte Lutz Reiche
Walter Riester, Norbert Blüm: Beide Namen stehen für die Rente in Deutschland - wenn auch mit unterschiedlichen Vorzeichen. Riester (SPD) folgte 1998 Norbert Blüm (CDU) als Bundesminister für Arbeit und Soziales. Blüm ließ später kein gutes Haar an der nach Riester benannten Rente. Auch Riester hatte sich das mit der staatlich geförderten Altersvorsoge etwas anders gedacht - ursprünglich wollte er ein Obligatorium und auf diesem Weg weitgehend auf die Versicherer verzichten.

Walter Riester, Norbert Blüm: Beide Namen stehen für die Rente in Deutschland - wenn auch mit unterschiedlichen Vorzeichen. Riester (SPD) folgte 1998 Norbert Blüm (CDU) als Bundesminister für Arbeit und Soziales. Blüm ließ später kein gutes Haar an der nach Riester benannten Rente. Auch Riester hatte sich das mit der staatlich geförderten Altersvorsoge etwas anders gedacht - ursprünglich wollte er ein Obligatorium und auf diesem Weg weitgehend auf die Versicherer verzichten.

Foto: Frank May / picture-alliance / dpa/dpaweb

manager magazin: Meine Herren, beide forderten Sie im Mai 2021 als Spitzenvertreter einer Verbraucherallianz den Stopp der Riester-Rente . Die Riester-Rente gibt’s immer noch und verkaufte sich im Jubiläumsjahr mit 310.000 Neuabschlüssen so gut wie seit 2016 nicht mehr , zeigte sich jetzt. Offenbar verfangen Ihre Warnungen beim Verbraucher nicht - wie erklären Sie sich das?

Kleinlein: Die Riester-Rente ist schon seit vielen Jahren ein müffelnder Ladenhüter. Eine leichte Steigerung der Verkaufszahlen auf sehr niedrigem Niveau ändert daran nichts. Zum Vergleich: Sogar die Kapitallebensversicherung, ein uraltes Auslaufmodell aus dem letzten Jahrhundert verkauft sich seit Jahren besser als die Riester-Rente. Diese 310.000 Abschlüsse sollte man also keinesfalls überbewerten, zumal die oft unter Druck verkauften Verträge auch vielfach schnell wieder gekündigt werden.

Axel Kleinlein ist Versicherungsmathematiker und arbeitete in dieser Funktion auch für die Allianz. Seit 2011 (mit kurzer Unterbrechung) führt er als Vorstandsprecher den Bund der Versicherten  (BdV) an, die größte deutsche Verbraucherschutzorganisation für Versicherte. Seit April 2019 ist er auch Präsident des europäischen Verbraucherschutzverbands "Better Finance" in Brüssel.

Schick: Völlig richtig: Versicherungen werden verkauft – und nicht gekauft. Die Zahlen zeigen also vor allem die Vertriebskraft der Branche. Der Gesamtbestand der Verträge ist 2021 unter dem Strich sogar ein wenig zurückgegangen. Hier ein Comeback der Riester-Rente heraufzubeschwören, ist eine schöne Erzählung, die an der bitteren Realität für viele Verbraucher vorbeigeht. Die Menschen in diesem Land haben eine bessere Altersvorsorge verdient.

Der Riester-Bestand blieb mit 10,4 Millionen Policen weitgehend stabil, bei der Basisrente wuchs er sogar deutlich, doch fordern auch Versicherer eine Reform der geförderten Altersvorsorge. Der Koalitionsvertrag gibt da aber wenig her. Sieht die Regierung keinen Reformbedarf?

Gerhard Schick ist promovierter Volkswirt und gehörte für die Grünen von 2005 bis 2018 dem Bundestag an - unter anderem als ihr finanzpolitischer Sprecher und stellvertretender Vorsitzender des Finanzausschusses. Er ist Mit-Initiator der "Bürgerbewegung Finanzwende " und seit Gründung des Vereins im September 2018 dessen geschäftsführender Vorstand. Der Verein versteht sich als unabhängiges Gegengewicht zur Lobby von Banken, Versicherungen und anderer Finanzmarktakteure. Ziel des Vereins sind faire, stabile und nachhaltige Finanzmärkte.

Schick: Die Riester-Rente ist nicht reformierbar. Alle Versuche sind gescheitert, die vielfach hohen Kosten blieben. Tatsächlich enttäuscht bin ich vom Schaun-wir-mal der Ampel-Koalition. Der Befund ist doch klar: Wir schlagen uns nun seit 20 Jahren mit der Riester-Rente rum. Das sind 20 Jahre mit vielen ineffizienten und teuren Produkten. In so einer Situation muss es politisch doch möglich sein, einen Schlussstrich zu ziehen. Und dann kommt die Ampel-Regierung daher und will erst mal "prüfen". Mir ist wirklich nicht klar, was man da jetzt noch prüfen will.

"Die Riester-Rente ist nicht reformierbar. Alle Versuche sind gescheitert, die vielfach hohen Kosten blieben."

Kleinlein: Zumal auch schon die Vorgängerregierung auf Prüfaufträge gesetzt hat – ohne Ergebnis. Was wir brauchen ist eine klare Richtungsentscheidung, ohne Wenn und Aber. Die Fehler sind seit 10 Jahren ausgiebig analysiert und diskutiert: Zu hohe Kosten, ein überflüssiger Verrentungszwang und intransparente Verträge. Davon müssen wir weg.

Die Verbraucherallianz tritt für ein öffentlich organisiertes, günstiges Vorsorgeangebot  ein. Die Assekuranz lehnt das ab. Attraktive Standardprodukte könne die Branche auch selbst anbieten, versichert ihr Präsident.  Glauben Sie, dass etwa die Deutsche Rentenversicherung bessere Produkte auflegen kann und ohne das Knowhow der Branche auskommt?

"Gesetzliche Rente ist ein echtes Erfolgsmodell, das den Angeboten der Versicherer klar überlegen ist"

Kleinlein: Erstmal hat die Deutsche Rentenversicherung mit der gesetzlichen Rente schon ein echtes Erfolgsmodell aufgesetzt, das den Angeboten der Versicherer klar überlegen ist. Neben Altersrenten leistet die DRV ja auch noch Erwerbsminderungsrenten, Beitragszuschüsse zur Kranken- und Pflegeversicherung und noch mehr. Zeigen Sie mir ein privates Versicherungsprodukt mit vergleichbaren Leistungen. Für das neue Vorsorgeangebot muss die Deutsche Rentenversicherung aber auch gar nicht Produktgeber oder gar Fondsmanager sein. Öffentlich organisiert heißt ja, dass jemand diese Vorsorge organisiert, der den Sparerinnen und Sparern gegenüber verantwortlich ist – und nicht gegenüber Aktionären.

"Wirklich überraschend ist doch, dass die Versicherer jetzt plötzlich Produkte anbieten wollen, die sie 20 Jahre lang nicht angeboten haben"

Schick: Wirklich überraschend ist doch, dass die Versicherer jetzt plötzlich Produkte anbieten wollen, die sie 20 Jahre lang nicht angeboten haben. Wo war denn das Know-how der Branche? Am Ende können wir gerne eine Ausschreibung darum machen, wer den Kapitalbestand verwaltet. In jedem Fall müssen da Profis ran. Das Beispiel Schweden zeigt, dass es geht. Zentral ist aber, dass den Menschen ihr Geld im Alter auch zugutekommt und nicht – wie bisher – erkleckliche Teile davon als Gebühren in den Taschen der Anbieter und der Vermittler landen.

Die umlagefinanzierte Rentenversicherung kämpft ebenso mit der demografischen Entwicklung, verschlingt immer mehr Steuergeld – 2025 wohl schon 98 Milliarden Euro . Heute 20-Jährige dürfen allenfalls noch 2 Prozent Rendite erwarten, rechnen Mathematiker vor . Warum also soll man einer staatlich orchestrierten Lösung in der privaten Vorsorge mehr Vertrauen schenken?

Schick: Es ist wichtig, hier klar zu unterscheiden. Wir sprechen über eine Reform der privaten Altersvorsorge. Diese Säule hat mit dem Umlageverfahren der gesetzlichen Rente und deren Herausforderungen bisher im Kern nichts zu tun …

… die Grenze zwischen Umlage- und Kapitaldeckungsverfahren verschwimmt doch. Bald dürfte es eine Kapitaldeckung auch in der gesetzlichen Rente geben. Und in beiden Systemen finanzieren im Kern die Erwerbstätigen die Renten: Der Beitragszahler oder eben der erwerbstätige Sparer, der dem Rentner die Kapitalanlage abkauft.

Schick: Es gibt am Kapitalmarkt deutlich mehr Akteure. Aber wie auch immer man draufschaut: Entscheidend für die Altersvorsorge ist, was für die Rentner am Ende da ist, und das hängt auch davon ab, wer dazwischen alles die Hand aufhält. Deshalb soll der Staat aus unserer Sicht im Bereich der privaten Altersvorsorge für ein günstiges Standardprodukt sorgen. Das ist er den Menschen schuldig, wenn er erst Lücken in die gesetzliche Rente schlägt und dann immer wieder zur privaten Vorsorge auffordert. Er soll das kostengünstig aufsetzen, aber nicht unbedingt selbst managen und keinen Zugriff auf das Geld haben. Kurzum: Der Staat soll einen Rahmen schaffen. So könnten wir die viel zu hohen Kosten in den Griff bekommen. Bisher fließen bei manchen Angeboten fast ein Viertel der eingezahlten Gelder in die Kosten. Das können wir uns nicht länger leisten.

"Die gesetzliche Rente ist gegenüber Riester und Rürup ein Renditeturbo"

Kleinlein: Und diese Kosten wirken sich fatal aus. Rechnen Sie mal nach, was heute 20-jährige von den Angeboten der Lebensversicherer erwarten dürfen! 2 Prozent sind da keinesfalls drin. Die jungen Leute von heute haben bei einer Riester- oder Rürup-Rente kaum eine Chance, in Form einer Rente das herauszubekommen, was in den Vertrag fließt. Da ist also selbst eine Rendite von Null Prozent kaum zu erwarten. Die gesetzliche Rente ist demgegenüber ein Renditeturbo! Das liegt daran, dass die privaten Anbieter die Verrentung – also das Entsparen des Vertrags - nicht im Griff haben. Deshalb rechnen sie mit absurd hohen Lebenserwartungen die Renten klein. Wenn es um Rendite geht, dann sind die Angebote der Lebensversicherer chancenlos, besonders bei der Riester-Rente.

Wie gesagt, auch die gesetzliche Rentenversicherung braucht enorme Zuschüsse.

Kleinlein: Wer bei solchen Betrachtungen auf den Bundeszuschuss abstellt, sollte seriöserweise gegenüberstellen, welche versicherungsfremden Leistungen damit finanziert werden und klar benennen, welche davon gekürzt oder gestrichen werden sollen. Solche Leistungen sind in den privaten Riester-Renten ja auch nicht enthalten.

Ist die staatlich geförderte Riester-Rente vielleicht doch noch mit einer Reform zu retten? Versicherer haben da ja durchaus Ideen .

Kleinlein: Aus versicherungsmathematischer Sicht ist der vorgeschlagene Verzicht auf Garantien nachvollziehbar. Dann muss man aber konsequent alle Garantiekomponenten streichen – und damit auch den Zwang, dass am Schluss das Angesparte bei einer Lebensversicherung eingezahlt und verrentet werden muss. Der Verrentungszwang ist die teuerste und überflüssigste Garantie überhaupt. Aber den Verrentungszwang sehen die Gesetze heute vor. Und da haben die Lebensversicherer ein Monopol, das sie weidlich nutzen. Das sieht man an unfairer Kalkulation und hohen Kosten.

"Der Verrentungszwang ist die teuerste und überflüssigste Garantie überhaupt"

Schick: Wie gesagt, Riester ist nicht reformierbar. Im Grunde geht es darum, für ein kostengünstiges, einfaches und effizientes Produktangebot zu sorgen. Dort würden die Bürger standardmäßig investieren. Zudem sollte gerade das Geld jüngerer Menschen mit langem Anlagehorizont stärker in Aktien fließen als bisher im Durchschnitt. Und bei allen Rufen nach einem Neustart will ich auch klar sagen: Die bestehenden Riester-Verträge bedürfen eines Bestandschutzes, damit hier kein Vertrauen zerstört wird. Zumindest das hat die Ampel-Regierung im Koalitionsvertrag zugesagt.

BdV und Finanzwende  sind Anhänger der "Schweden-Rente" – wie die FDP übrigens auch. Dabei wandern verpflichtend 2,5 Prozentpunkte des Rentenbeitrags in einen staatlich organisierten, kostengünstigen Aktienfonds. Zusätzliche Anreize für private Vorsorge gibt es nicht. Ein empfehlenswertes Modell auch für Deutschland?

Schick : Vorbildlich in Schweden sind die stärkere Ausrichtung auf Aktien und vor allem die geringen Kosten. Nach einer typischen Musterrechnung steht einem Schweden allein wegen der niedrigen Kosten im Alter ein fünfstelliger Betrag mehr zur Verfügung als einem durchschnittlichen Riester-Sparer in Deutschland. Insofern ist Schweden sicher ein Modell für Deutschland. Die Frage ist: Warum können wir bisher nicht, was die Schweden schaffen?

Herr Kleinlein, warum können wir es angeblich nicht?

Kleinlein: In Schweden ist Aktiensparen eine ziemlich verbreitete Sache. Unser Partnerverband "Aktiespararna " hat zum Beispiel mit mehr als 150 Ortsgruppen seit über 50 Jahren mit dafür gesorgt, dass diese Art des Sparens bei den nordischen Nachbarn verstanden und praktiziert wird. In Deutschland haben wir noch keine solche Aktien- und Fondskultur. Die Deutschen haben noch zu viel diffuse Angst vor Wertpapieren und Kapitalmärkten. Diese Angst wurde nicht zuletzt auch lange Zeit von der Versicherungsindustrie geschürt.

Kritiker des schwedischen Modells  argumentieren zu Recht, Rentenvorsorge mit Aktien sei kein Selbstgänger. Der AP7-Fonds verlor zu Beginn über Jahre zweistellig an Wert. In der Folge profitierten die Schweden dank Niedrigzinsen lange von steigenden Aktienmärkten. Das dreht jetzt. Ist es klug, in so einer Phase mehr Risiko in der Altersvorsorge quasi von oben zu verordnen?

Schick: Zuerst müssen wir die Kosten in den Griff kriegen, erst danach kommt für mich die Diskussion, ob mehr Aktien oder nicht. Wenn jemand fürs Alter anlegt, hat er gerade in jungen Jahren einen langen Anlagehorizont. Die kurzfristige Entwicklung an den Märkten kann durchaus sehr negativ sein, da bin ich ganz bei Ihnen. Bei der langfristigen Entwicklung zeigt die Vergangenheit aber, dass die riskantere Anlage in Aktien sich eigentlich immer gelohnt hat. Natürlich ist das keine Garantie für die Zukunft, aber ein klares Argument.

Kleinlein: Auch Versicherungen sind nicht sicher! Jedes Investment in einen Vertrag bei einem Lebensversicherer ist hochgradig riskant, besonders, weil diese Verträge so unflexibel sind und viele Menschen keine Ahnung haben, wer auf Dauer ihr Versicherungspartner sein wird und mit der Überschussbeteiligung über Wohl und Wehe des Vertrags entscheidet. Der Normalfall ist mittlerweile, dass Sie die Rente von einem anderen Unternehmen ausgezahlt bekommen werden als jenes, bei dem Sie ursprünglich den Vertrag unterschrieben haben.

Warum ist das so, und muss das ein Nachteil sein?

Kleinlein: Nun, Vertragstreue nehmen die Unternehmen nicht mehr sehr ernst. Die verkaufen gerne mal ihre Kunden an andere Unternehmen, zum Beispiel an Abwicklungsplattformen. Diese wollen dann nur Geld aus den Verträgen pressen. Das Wohl der Versicherten liegt solchen Abwicklern nicht am Herzen. Anders als etwa bei der Deutschen Rentenversicherung, da gibt es keine Aktionäre.

Eine Schweden-Rente schwebt der Ampel wohl nicht vor. Dafür soll die Rentenversicherung künftig einen Kapitalstock von 10 Milliarden Euro am Aktienmarkt anlegen. Viel zu wenig, viel zu spät, um die akuten Probleme zu lösen, sagen Experten. Also lieber mit einem dreistelligen Milliardenbetrag klotzen statt kleckern in der Rentenversicherung?

Schick: Die zehn Milliarden sind aus meiner Sicht ein Versuchsballon. Es ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen, wie er zur Stabilisierung des Systems beitragen soll. In jedem Fall bekommen wir dadurch nun einen staatlich finanzierten Fonds, der wenig ändert – weder an den Problemen der gesetzlichen Rentenversicherung, noch an den oft zu schlechten Riester-Produkten. So drückt man sich an beiden Stellen um nachhaltige Lösungen. Das ist einfach zu wenig für eine Regierung, deren Koalitionsvertrag die Überschrift "Mehr Fortschritt wagen" trägt.

"Wir brauchen endlich Altersvorsorge ohne die Versicherungsindustrie"

Kleinlein: "Versuchsballon" beschreibt das recht gut. Zehn Milliarden klingt viel, ist es aber nicht. Selbst wenn es richtig gut läuft, reichen die Erträge gerade mal, um damit für einen Tag die Rentenzahlungen zu finanzieren. Aber dieses Experiment kann vielleicht dazu beitragen, dass sich die Bürgerinnen und Bürger mit Ideen wie einem kapitalgedeckten Obligatorium oder dem Aktiensparen stärker auseinandersetzen und lernen. Ganz wichtig ist aber: Bei dieser Aktienrente dürfen die Lebensversicherer nicht wieder mitmischen. Wir brauchen endlich Altersvorsorge ohne die Versicherungsindustrie!

rei