Donnerstag, 5. Dezember 2019

Bundesrepublik im Abschwung Problemzone Deutschland

Automobilzulieferer in Hannover: Deutschlands Abhängigkeit vom Auto ist eines von drei Problemfeldern, die den Abschwung empfindlich verschärfen können
Julian Stratenschulte / DPA
Automobilzulieferer in Hannover: Deutschlands Abhängigkeit vom Auto ist eines von drei Problemfeldern, die den Abschwung empfindlich verschärfen können

Die heraufziehende Rezession wird hierzulande viele Gewissheiten in Frage stellen. Sind wir darauf vorbereitet?

Es ist eine Krise in Zeitlupe. Bereits seit Anfang 2018 verschlechtert sich die Stimmung bei den Unternehmen zusehends. Die Industrie erhält immer weniger Aufträge und fährt die Produktion zurück.

Es ist gut möglich, dass die amtlichen Statistiker Donnerstag zum zweiten Mal in Folge einen leichten Rückgang der deutschen Wirtschaftsleistung vermelden werden. Der Abschwung hat sich lange ankündigt, jetzt ist er da. Das ist kein Drama - jedenfalls noch nicht.

Deutschland stagniert, aber es schrumpft nicht. So sagen es unisono die Prognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute, des Sachverständigenrats ("Fünf Weisen") oder des Internationalen Währungsfonds vorher. Die Arbeitslosigkeit ist nach wie vor niedrig. Finanziell stehen Staat, Unternehmen und Bürger so solide da wie in keiner anderen der großen westlichen Volkswirtschaften. Spielräume gibt es also reichlich.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Wir mögen abermals "das Land mit der roten Laterne" sein, das Schlusslicht am Euro-Zug, so wie einst, in der Phase der deutschen Schwäche von Mitte der 90er bis Mitte der 2000er Jahre. Aber was soll's, könnte man meinen. Anders als heute, herrschte damals Massenarbeitslosigkeit, die Staatsschulden stiegen rapide. Es waren schwierige Jahre. Deutschland musste mit einem Dreifachschock zurechtkommen: Zur Globalisierung und zur Euro-Einführung kamen noch die Folgen der Wiedervereinigung. Kein Wunder, dass es solange dauerte, bis die Schwächephase überwunden war.

Danach war Deutschland zurück, und zwar gewaltig. Auf das Jahrzehnt des deutschen Blues folgte eine Art zweites Wirtschaftswunder: Ab 2006 wuchs und gedieh die Volkswirtschaft. Selbst die globale Krise von 2008/09 war hierzulande nicht mehr als eine Delle. Während Teile Europas und Nordamerikas in anhaltender Agonie versanken, schien es in Deutschland unaufhaltsam aufwärtszugehen: Die Beschäftigung stieg, irgendwann auch die Reallöhne; die Staatseinnahmen sprudelten. Und weil's so schön war, wählten die Bürger immer wieder Angela Merkel zur Bundeskanzlerin.

Diese Phase geht nun zu Ende. Nun werden die Dinge schwieriger. Ich sehe insbesondere drei Problemfelder, die das Potenzial haben, den Abschwung empfindlich zu verschärfen.

Problemfeld 1: Die Schulden der anderen

Isoliert betrachtet mag die deutsche Wirtschaft solide dastehen, mit niedriger Verschuldung und satten Überschüssen in der außenwirtschaftlichen Bilanz und im Staatshaushalt. Doch bei den wichtigsten Partnerländern ist die Lage anders: Ob im übrigen Westeuropa, in den USA oder in China - die Schulden der Staaten und der Unternehmen sind hoch; längst sind die Folgen der Finanzkrise und der folgenden Rezession nicht ausgebügelt.

Das macht diese Länder anfällig - und somit auch die Bundesrepublik, die vielfältig mit ihnen durch Produktions- und Lieferketten sowie Kapitalströme verflochten ist. Gehen im Zuge des Abschwungs die Einnahmen zurück, könnten abermals einige Staaten, Firmen und Banken an den Rand der Zahlungsunfähigkeit geraten. Die Rückwirkungen wären auch hierzulande zu spüren.

In den 2000er Jahren war die Lage anders. Damals boomten unsere wichtigsten Handelspartner in Europa und Nordamerika - und zogen die Bundesrepublik mit. Als dann die Finanzkrise ausbrach, nahm der Boom in den Schwellenländern so richtig Fahrt auf; die exportabhängige deutsche Wirtschaft schwenkte kurzerhand um und expandierte dort.

Die ausländische Nachfrage nach deutschen Produkten war lange Zeit ein stabilisierender Faktor für die hiesige Wirtschaft. Der derzeitige Abschwung aber verläuft weltweit ziemlich synchron. Praktisch alle Weltregionen sind betroffen. Dynamische neue Märkte, die noch von deutschen Firmen erschlossen werden könnten, sind nicht in Sicht.

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