Freitag, 22. November 2019

Diskussion um Bundesbank-Forderung geht weiter Rente mit 70 - oder besser alle einzahlen lassen?

Sollen künftig auch Beamte und Selbstständige in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen? An Ideen zur Entlastung fehlt es nicht. Es gibt aber keine einfach Lösung.

Mehr als jede zweite Altersrente in Deutschland liegt unter 900 Euro und damit unterhalb der definierten Armutsgrenze, wie kürzlich eine Anfrage im Bundestag ergab. Unterbrochene Erwerbsbiographien, Arbeitslosigkeit, zu geringere Verdienste - mögliche Erklärungen für das Phänomen gibt es viele. Setzen sich aktuell wieder erhobene Forderungen nach der Rente mit 70 durch, könnte sich das Phänomen eher noch verschärfen, sagen Kritiker.

Angesichts der steigenden Lebenserwartung schlägt die Bundesbank aber vor, das Renteneintrittsalter ab 2032 kontinuierlich anzuheben, so dass ein im Jahr 2001 Geborener dann 2070 mit knapp 70 Jahren ohne Abzüge in Rente gehen könnte. Ohne diesen Schritt würde das Rentenniveau auf 40 Prozent sinken, mit der Erhöhung des Eintrittsalters immerhin noch 43 bis 44 Prozent betragen. Das Rentenniveau beschreibt, wie viel eine Standardrente wert ist im Vergleich zu einem Durchschnittseinkommen.

Es mag plausibel erscheinen, dass länger arbeiten soll, wer länger lebt, schließlich beziehen künftige Generationen auch länger Rente. Doch so einfach ist die Sache nicht. Die nicht ganz neue Forderung nach der Rente mit 70 lässt die Frage unbeantwortet, ob die bundesrepublikanische Gesellschaft und Wirtschaft im Jahr 2070 überhaupt ausreichend und adäquate Jobs für Menschen deutlich über 60 Jahren bereithält.

Nicht jeder Körper macht bis 70 mit

Ohne eine altersgerechte Anpassung der Arbeitsprozesse wird das Ziel eines Renteneintrittsalters mit 70 nicht erreicht werden können. Alles andere liefe auf eine reale Rentenkürzung hinaus.

Tatsache ist auch: Das Renteneintrittsalter ist mit den Reformen in den vergangenen Jahren kontinuierlich angestiegen, aber mehr als die Hälfte der Menschen erreicht das reguläre Renteneintrittsalter eben immer noch nicht. In Realität bedeutet dies empfindliche Abzüge bei der gesetzlichen Rente, schlimmstenfalls sogar Altersarmut.

Ein über alle Berufe und Einkommensklassen pauschal auf 70 Jahre erhöhtes Eintrittsalter hinweg würde auch zu Ungerechtigkeiten führen. So weist der sozialkämpferischer Parolen sicher unverdächtige Ifo-Chef Clemens Fuest darauf hin, dass Menschen in körperlich belastenden Berufen oder mit einem geringen Einkommen eine im Vergleich zu Akademikern tendenziell geringere Lebenserwartung haben. Das Argument eines längeren Rentenbezugs trifft für sie insofern nicht in gleichem Maße zu.

Eine Rentenreform müsste das berücksichtigen. Sonst könnte es in der Tat zu sozialen Verwerfungen kommen, vor denen der CDU-Sozialflügel (CDA) am Dienstag gewarnt hat. Die in der CDA vereinten christlich-sozialen Politiker betrachten die Rente mit 70 als einen "Angriff auf den Zusammenhalt der Gesellschaft". Es mache eben einen Unterschied, ob man als Lehrling mit 17 oder als Akademiker mit 27 ins Erwerbsleben einsteige.

Beitragsbemessungsgrenze verdoppeln?

Der CDA fordert daher eine stärkere Beteiligung von Spitzenverdienern an der Finanzierung der Rente. So sollte die Beitragsbemessungsgrenze der gesetzlichen Rentenversicherung sich auf 13.400 Euro verdoppeln. Das würde zweifelsohne mehr Geld in die Rentenkasse spülen, aus der schon lange und immer wieder versicherungsfremde Leistungen mitfinanziert werden. In der gegenwärtigen Systematik der Rentenversicherung zöge dies allerdings auch erheblich höhere Renten der Spitzenverdiener nach sich.

Um das mit steigender Lebenserwartung auseinanderdriftende Verhältnis von Beitragseinnahmen und ausgezahlten Renten erträglich zu halten und künftige Generationen nicht zu sehr zu belasten, wird auch vorgeschlagen, die Beitragsbasis zu erweitern - also zum Beispiel Beamte, Selbständige und nicht zuletzt Politiker mit in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen.

Auch Beamte einzahlen lassen?

Mal abgesehen davon, dass zumindest im Fall der Beamten und ihrer Versorgung dafür das Grundgesetz geändert werden müsste - verschaffte dies doch wohl auch nur mittelfristig Linderung. Denn die neuen Beitragszahler von heute sind eben auch die Rentenempfänger von morgen.

Rentenexperten wie Franz Ruland, ehemals Geschäftsführer des Verbands Deutscher Rentenversicherungsträger (VDR), sehen es daher mit als wichtigste Aufgabe an, das Beschäftigungsniveau so lange wie möglich und damit auch die Beiträge auf höchstem Niveau zu halten - unter anderem auch mit verstärkter Zuwanderung. Qualifizierte, Sozialbeiträge zahlende arbeitende Menschen seien noch mit die beste Versicherung der Rentenversicherung. An einer Heraufsetzung der Altersgrenze werde aber langfristig kein Weg vorbeiführen.

Klar ist, eine einfache Lösung gibt es nicht. Vorerst steigt das gesetzliche Rentenalter bis 2031 auf 67 Jahre. Jede Regierung täte gut daran, die Zeit bis dahin intensiv zu nutzen und konsensfähige Lösungen zu finden.

rei

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