Samstag, 23. November 2019

Diskussion um Renteneintrittsalter Vorstoß für Rente mit 70 stößt auf Kritik

Die Wirtschaft klagt über mangelnde Fachkräfte und zu wenig qualifizierte Lehrlinge. Doch würde sie gegebenenfalls auch die Menschen bis 70 beschäftigen?
Martin Schutt/ DPA
Die Wirtschaft klagt über mangelnde Fachkräfte und zu wenig qualifizierte Lehrlinge. Doch würde sie gegebenenfalls auch die Menschen bis 70 beschäftigen?

Die Bundesbank mischt sich in die Diskussion um eine Reform der Rentenversicherung ein und schlägt langfristig eine Anhebung des Rentenalters auf mehr als 69 Jahre vor. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass das Rentenniveau künftig zu tief absinkt. Zudem ließe sich so die Dauer des Rentenbezugs weitgehend stabil halten, wie die Bundesbank am Montag in ihren Monatsbericht schreibt.

Konkret empfiehlt sie, bis 2070 das Renteneintrittsalter mit der steigenden Lebenserwartung schrittweise zu erhöhen. "Die zunehmende Lebenszeit wäre dann mit einer längeren Erwerbsphase verbunden, aber auch die Zeit des Rentenbezugs würde wachsen." Nach den Bundesbank-Vorschlag würden im Jahre 2001 Geborene dann 2070 erst mit 69 Jahren und vier Monaten in Rente gehen.

Spätestens 2032 muss neu gerechnet werden

Derzeit ist geplant, dass das gesetzliche Rentenalter bis 2031 auf 67 Jahre steigt. Die offiziellen Vorausberechnungen für die Rente enden im Jahre 2032. Doch die Lebenserwartung ist zuletzt immer höher gestiegen und wird Schätzungen zufolge künftig weiter zunehmen.

Das setzt nach Berechnungen der Bundesbank die Finanzen der gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) unter Druck. Die Währungshüter sehen deshalb Reformbedarf: "Andernfalls steigen die Ausgaben auf Dauer deutlich stärker als die Einnahmen", warnen sie.

Der Vorschlag der Bundesbank sieht vor, dass das gesetzliche Rentenalter ab 2032 um durchschnittlich einen dreiviertel Monat pro Jahr steigt. Versicherte würden künftig dann zwar länger arbeiten müssen - und somit mehr in die Rentenversicherung einzahlen. Sie würden aber auch länger Rente beziehen. "Sie würden hinsichtlich der Relation von Renten- zu Beitragsphase also nicht schlechter gestellt", unterstreicht die Bundesbank.

Rentenniveau würde 2020 auf 40 Prozent sinken

Die schrittweise Erhöhung des Renteneintrittsalters würde der Notenbank zufolge auch dazu beitragen, dass das Rentenniveau langfristig nicht zu stark absinkt. Dieses beschreibt, wie viel eine Standardrente wert ist im Vergleich zu einem Durchschnittseinkommen.

Derzeit liegt das Rentenniveau bei rund 48 Prozent. Mit der Erhöhung des Rentenalters würde es bis 2070 laut Bundesbank-Berechnungen auf rund 43 Prozent sinken und sich bei 44 Prozent stabilisieren. Zum Vergleich: Ohne diese Änderungen würde das Rentenniveau bis 2070 auf rund 40 Prozent schrumpfen.

Diese Zahlenspielereien lassen allerdings unberücksichtigt, ob die bundesrepublikanische Gesellschaft und Wirtschaft im Jahr 2070 oder zuvor überhaupt ausreichend und adäquate Jobs für Menschen über 60 Jahre bereithält. Denn ohne eine altersgerechte Anpassung der Arbeitsprozesse wird das Ziel eines Renteneintrittsalters mit 70 nicht erreicht werden können. Alles andere liefe auf eine reale Rentenkürzung hinaus.

Wird die Wirtschaft 70-Jährige überhaupt beschäftigten?

Tatsache ist, dass das Renteneintrittsalter mit den Reformen in den vergangenen Jahren kontinuierlich angestiegen ist, aber über die Hälfte der Menschen das reguläre Renteneintrittsalter noch nicht erreicht. In Realität bedeutet dies empfindliche Abzüge bei der gesetzlichen Rente - und im schlimmsten Fall Altersarmut.

"Ein höheres Renteneintrittsalter halte ich für falsch", sagte SPD-Fraktionsvize Katja Mast, dem "Handelsblatt". Der Grünen-Rentenexperte Markus Kurth sagte: "Wir brauchen eine Strategie für ein gesünderes längeres Arbeiten und keine Rente mit 69 für alle." "Ohne Lösung für die Menschen, die nicht bis 67 im Beruf durchhalten, ist eine Diskussion um die Rente mit 69 eher gefährlich als hilfreich."

Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch forderte, die Beitragsbasis für die Rentenkasse zu verbreitern: "Statt ein höheres Eintrittsalter zu fordern, müssen die Einnahmen der Rentenkasse erhöht werden. Dann hat die Rente eine sichere und langfristige Zukunft." Man müsse hinterfragen, warum es für Beamte, Selbstständige und Politiker Extra-Systeme zur Altersvorsorge gebe, sagte Bartsch.

SPD, Grünen und Linke kritisieren Bundesbank-Forderung

Clemens Fuest, Chef des Ifo-Instituts in München, sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung", zu berücksichtigen sei, dass mit körperlich belastenden Berufen oder einem niedrigen Einkommensniveau eine im Vergleich etwa zu Akademikern geringere Lebenserwartung einhergehe.

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, plädierte mit Blick auf unterschiedliche Voraussetzungen für einen flexiblen Renteneintritt, betonte jedoch: "Ohne eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit wird ein nachhaltiges Rentensystem nicht möglich sein."

rei mit Reuters

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