Mittwoch, 24. Juli 2019

Die Verhandlungsbilanz der Koalitionspartner Regierungsbildung in drei Akten aus Sicht eines Spieltheoretikers

Wahlplakat der CDU
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Wahlplakat der CDU

2. Teil: 2. Akt - Rückblende: Von der Kunst "Nein" zu sagen, der glaubhaften Bereitschaft zu Scheitern und dem Setzen von Regeln

Verhandle deine wichtigen Themen zuerst - so lautet eine der wichtigsten Lehren aus der Spieltheorie. Und eine zweite besagt, dass derjenige sich einen Vorteil verschafft, der die Regeln bestimmt oder die Regeln des anderen umgehen, manchmal auch brechen kann. Gerügt oder gar bestraft werden solche Verstöße gerade in der Politik übrigens so gut wie nie.

Vielleicht hätte die Kanzlerin im weiteren Verlauf des Dramas Fehler vermeiden können, hätte sie in den Monaten zuvor auf die FDP geblickt. Auf die spieltheoretischen Fauxpas der Liberalen. Und auf die kluge Strategie der Grünen.

Fröhlich und optimistisch blickt Christian Lindner vom Sondierungsbalkon. Schon am Wahlabend hatte er einen richtig guten, staatstragenden Auftritt. Wochen später beendet er unter Verweis auf 237 offene Punkte und die grün geprägte Agenda die Jamaikaverhandlungen und wird zum Buhmann der Nation.

Was lief da schief? Kurz gesagt, Lindner hätte sich aus spieltheoretischer Sicht nicht auf dem Balkon blicken lassen dürfen, ehe er nicht einige Schlüsselergebnisse für die FDP erreicht hatte.

Bildlich gesprochen: Es wird jedem verziehen, wenn er nicht bereit ist, seinen alten Widerpart (Die Grünen) zu ehelichen. Lässt man eine für die Gesellschaft wichtige Verlobung aber scheinbar in letzter Sekunde platzen, wird man schnell zum Bösewicht.

Hätte Lindner seine wichtigen Themen vorab erledigt und sich der Regel "Nichts ist entschieden, bis alles entschieden ist" widersetzt, hätte er sich und der FDP nicht nur viel erspart, sondern auch die Verhandlungsmacht der Gegenseite bei all den offenen Punkten untergraben. Denn nun hätten die anderen beim "Nein-Sagen" die Rolle des Bösewichts übernehmen müssen.

Dass es aus spieltheoretischer Sicht höchst hilfreich ist, die Regeln und Struktur zu bestimmen, beweisen die Grünen. Anstatt gemeinsam mit den anderen gemäß Stimmanteilen Themen zu besetzen, machen sie drei Fronten auf: Grün gegen die CDU, Grün gegen die CSU und Grün gegen die FDP. Mit allen ringen sie inhaltlich einzeln und bilateral.

Den Vorteil dieser Strategie zeigt ein Verhaltens-Experiment: Eine Person erhält 100 Euro, muss aber einen Teil davon an eine andere Person abgeben. Nur wenn die andere Person dem Teilungsverhältnis zustimmt, können beide ihr Geld behalten. Meist greift das Fairnessprinzip als Fokuspunkt, dann wird 50 zu 50 geteilt. Erhält die Person 300 Euro und muss mit drei Personen teilen, gibt es zwei Möglichkeiten: Spricht der Verteiler mit allen gleichzeitig, erhält jeder 75 Euro - also ein Viertel der Summe. Spricht er mit jeder anderen Person einzeln, erhält jede der drei anderen Personen je 50 Euro, dem Verteiler bleiben 150 Euro.

Zudem bringen die Grünen mit Jürgen Trittin einen überzeugenden "Dr. No", einen Nein-Sager, ins Spiel. Glaubhaft vertritt er die "beste Alternative zum verhandelten Ergebnis", das BATNA, im Fall der Grünen also den möglichen Verbleib in der Opposition. Was spieltheoretisch extrem wichtig ist: Je glaubhafter ein Verhandler seine Rückfalloption vertritt, desto mehr holt er für sich heraus.

Fazit: Der Regelbruch und die konsequent vorgetragene Rückfalloption haben dazu geführt, dass eine 8-Prozent-Partei das zwischenzeitliche Verhandlungsergebnis zu einem großen Teil geprägt hat. Allerdings haben die Grünen den Bogen überspannt und entscheidend mit dazu beigetragen, dass die FDP das Ergebnis nicht mehr mittragen kann. Und dann verhandelten plötzlich mit der CDU und SPD zwei Parteien, die es gar nicht wollten.

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